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Wie glaubt die Jugend?

«Gott ist wie ein guter Freund, der mit mir gross geworden ist»

von Noemi Harnickell
min
09.09.2023
Arwen Graf (16) aus Kilchberg ist Präsidentin des neu gegründeten Jugendrats der reformierten Kirche Baselland. Im Gespräch erzählt sie, was der Glaube für sie bedeutet, wie sie mit Gleichaltrigen darüber spricht und warum sie beim Beten an ihr Grosi denkt.

Frau Graf, gerade Ihre Generation ist Religion und Glauben gegen├╝ber oft kritisch eingestellt. Wie begegnen Sie Menschen, die Ihre Beziehung zum Glauben nicht verstehen?

Ich sage immer, es schadet ja nicht, an etwas zu glauben. Ich pers├Ânlich glaube lieber, dass da etwas ist, ein Gott oder wie immer man es auch nennen m├Âchte, als mir vorzustellen, dass wir hier im Leeren stehen. Das ist doch eine furchtbare Vorstellung!

Aber es gibt ja auch viel berechtigte Kritik, gerade wenn man ├╝ber Geschlechterrollen in der Bibel spricht oder ├╝ber Machtstrukturen in der Kirche.

Nat├╝rlich und sich damit auseinanderzusetzen, ist wichtig. Wir k├Ânnen die Religion nun mal nicht ├Ąndern, aber wir haben einen Einfluss darauf, wie sie sich in der Zukunft entwickelt.

Im Juni haben Sie darum mit einer Gruppe von 13 anderen jungen Menschen aus dem Baselbiet einen Jugendrat gegr├╝ndet.

Ich wollte Leute finden, die so sind wie ich. Der Jugendrat ist schon jetzt eine ganz besondere Gemeinschaft. Hier m├╝ssen wir nicht Angst haben, zu sagen, dass wir gl├Ąubig sind. Wenn wir zusammensitzen und ├╝ber Projekte sprechen, dann w├Ąchst in uns allen das grosse Gef├╝hl, dass wir ganz viel erreichen k├Ânnen.

Ich dachte ganz lange, die Kirche wäre nur für alte Leute und die Jugend hätte keinen Platz darin.

Ist der Jugendrat eine Kampfansage an die ├Ąlteren Mitglieder der Kirche?

Ich dachte ganz lange, die Kirche w├Ąre nur f├╝r alte Leute und die Jugend h├Ątte keinen Platz darin. Aber alle, denen ich bisher begegnet bin, sind sehr offen f├╝r die Jugend. Wir haben eigentlich alle sehr viel gemeinsam, egal, wie alt wir sind oder an welchen Gott wir glauben. Wir alle wollen gl├╝cklich sein.

Bestimmt braucht es manchmal Mut, sich als gl├Ąubig zu ┬źouten┬╗.

Ja, da t├Ąnzelt man in Gespr├Ąchen immer lange drum rum, das ist ganz eigenartig. Die Leute haben Angst vor dem, was sie nicht verstehen. Sie denken, dass ich mein Leben f├╝r meinen Glauben opfere. Dabei sollte der Glaube dich nicht vor dem, was dich gl├╝cklich macht, zur├╝ckhalten. Aber oft wird das Gespr├Ąch auch sofort gelockert, wenn ich sage, dass ich gl├Ąubige Christin bin. Ich habe schon erlebt, dass Leute pl├Âtzlich sagen: ┬źHey, ich gehe auch in die Kirche!┬╗

Apropos: Gehen Sie denn in die Kirche?

Ja. F├╝r mich ist das ein wundersch├Âner R├╝ckzugsort. Ich mag die Stille und die Tatsache, dass alle Leute sich daran halten. Auch wenn ich in den Ferien bin, will ich unbedingt immer Kirchen besuchen. Das hat f├╝r mich nicht nur mit dem Glauben zu tun, ich mag einfach diese Atmosph├Ąre. Kirchen zeigen uns, dass wir Menschen an etwas Sch├Ânes glauben k├Ânnen.

Glauben Sie, dass Kirchen wichtig sind, um an Gott glauben zu k├Ânnen?

Nur weil jemand regelm├Ąssig in die Kirche geht, heisst das noch lange nicht, dass er oder sie auch wirklich gl├Ąubig ist. Und umgekehrt. Ich glaube, dass Gemeinschaft wichtig ist. Mir ist es darum sehr ernst, offen ├╝ber meinen Glauben reden zu k├Ânnen. Gott ist f├╝r mich wie ein guter Freund, den ich kenne, seit ich klein bin, und der mit mir gross geworden ist. Wenn ich mich ver├Ąndere, ver├Ąndert er sich mit mir.

Sprechen Sie denn viel zu Gott?

Ach, es kommt schon vor, dass ich mal ein paar Wochen gar nicht bete. Wenn ich dann Zeit finde, sage ich oft: ┬źIch hab mich schon ewig nicht mehr bei dir gemeldet, Gott, aber: Danke f├╝r alles!┬╗ Gott verl├Ąsst mich nicht, nur weil ich manchmal die Energie zum Beten nicht habe.

Sie reden sehr selbstbewusst ├╝ber Ihren Glauben. Zweifeln Sie nie?

Doch, ich zweifle oft. Dann atme ich tief durch und mache eine Pause. Ich darf zweifeln. Ich muss mir meinen Glauben nicht einreden. Irgendwann fange ich mich, und dann kommt mir wieder in den Sinn: Ich findÔÇÖs sch├Ân ÔÇô deswegen glaube ich!

So, wie Sie es beschreiben, ist Glauben ein st├Ąndiges Suchen.

Suchen geh├Ârt zum Glauben dazu. Mit dem Jugendrat wollen wir andere Leute sammeln, die ebenfalls auf der Suche sind, die sich ebenfalls nicht sicher sind.

Wie w├╝rden Sie Ihren Glauben an Gott in nur einem Wort beschreiben?

Ich brauche zwei W├Ârter: Ich w├╝rde sagen, mein Glaube ist eine ┬źhelfende Hand┬╗.

Wie sind Sie denn zu Ihrem Glauben gekommen?

Meine Grossmutter hat mir den Weg ge├Âffnet, an Gott zu glauben. Immer, wenn ich als Kind bei ihr ├╝bernachtet habe, haben wir zusammen gebetet. Das f├╝hlte sich ganz intim an. Ich w├╝rde auch heute nicht mit jeder Person beten wollen! Wenn ich heute bete, dann bringt mich das zur├╝ck in diesen Moment mit ihr.

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