Gottfried Locher erhält Konkurrenz
Die Abgeordneten des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes (SEK) haben die Wahl: Neben dem amtierenden Präsidenten Gottfried Locher kandidiert auch Rita Famos für das Ratspräsidium. Die Pfarrerin leitet seit fünf Jahren die Abteilung Spezialseelsorge bei der Zürcher Landeskirche. Sie war nicht nur fast 20 Jahre in Gemeindepfarrämtern tätig, sie verfügt auch über kirchenpolitische Erfahrung. Sieben Jahre sass sie im Zürcher Kirchenparlament. Von 2011 bis 2014 war sie Ratsmitglied des Kirchenbunds und arbeitete in dieser Zeit mit Gottfried Locher zusammen, der seit 2011 im Amt ist. In den gleichen drei Jahren war sie Präsidiumsmitglied der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen der Schweiz.
Das Misstrauensvotum
Famos begründet ihre Kandidatur damit, dass die Abgeordneten des Kirchenbundes dem Rat nicht gefolgt sind, als es um die Neugestaltung des Amts des Präsidenten ging. Der Kirchenbund bekommt eine neue Verfassung und wird zur Evangelischen Kirche Schweiz. Der Rat wollte dem Präsidenten die geistliche Leitung anvertrauen, die Abgeordneten hingegen haben die geistliche Leitung nun auf drei Gremien verteilt: Präsidium, Rat und Synode, welche die Abgeordnetenversammlung ersetzen wird. Famos spricht von einem «Misstrauensvotum gegen den jetzigen Präsidenten».
Dass Locher zuletzt auch wegen problematischer Äusserungen über Prostitution und das Verhältnis zwischen Männern und Frauen unter Druck kam, die er vor vier Jahren in Buchform veröffentlicht hatte, habe zwar auch eine Rolle gespielt, war aber «nicht allein ausschlaggebend». Wichtig für den Entscheid sei auch die Kontaktnahme einer Gruppe von Männern und Frauen aus der Basis gewesen, die «mich ermutigt haben».
Pfarrerin und nicht Bischöfin
Mit der Verfassungsreform entstehe ein neues Amt, sagt Famos. «Deshalb braucht es eine Auswahl.» Sie verstehe das Präsidialamt nicht «klerikal, sondern pastoral». Was wenig spektakulär klingt, ist eine Kritik an Gottfried Locher. Der Untertitel des oft kritisierten Buches, das Josef Hochstrasser über ihn geschrieben hat, lautet: «Der reformierte Bischof auf dem Prüfstand.» Dass der reformierte Bischof in Anführungszeichen gesetzt war, half nichts. Der Begriff blieb an Locher kleben.
Sie wolle nicht Bischöfin werden, betont Famos, sondern als Pfarrerin die besondere Funktion ausführen, die ihr die Abgeordneten bei einer Wahl übertragen würden. «Ich will die Gemeinschaft stärken, und wenn nötig ein klares Wort im Sinne des Evangeliums sprechen.» Dass sie sich durchaus auch exponiere, zeige ihre Kandidatur. Die Abgeordnetenversammlung des Kirchenbundes findet vom 17. bis 19. Juni statt.
Felix Reich, reformiert.info, 31. Mai 2018
Gottfried Locher erhält Konkurrenz