Grübler, Gottsucher und Zweifler
Geistliche wie Pater Brown oder Rabbi David Small, die Täter ausserhalb des Beichtstuhls überführen, gibt es in der Literaturgeschichte zahlreiche. Nun legt Alfred Bodenheimer mit «Kains Opfer» einen Krimi vor, in dem sich Rabbi Klein statt um die Seelen um Polizeiarbeit kümmert. Als ein Mitglied seiner Gemeinde ermordet wird, bittet die Kantonspolizei den Rabbiner der liberalen Gemeinde in Zürich, einige hebräische E-Mails des Toten zu übersetzen. Was mit einem kleinen Gefallen beginnt, weitet sich aus: Unbeirrt setzt Gabriel Klein seine Nachforschungen fort. Er will Unschuldige entlasten, ermittelt auf eigene Faust und wird Teil des Spiels. Die Grenzen zwischen Mörder, Täter und Opfer verwischen sich zusehends.
Alfred Bodenheimer, der an der Theologischen Fakultät Basel jüdische Religionsgeschichte unterrichtet, siedelt die Handlung seines Krimis im jüdischen Milieu in Zürich an. Präzise und unaufgeregt beschreibt er das Umfeld, sodass man nach wenigen Seiten mit den Bräuchen, dem Denken und den Menschen in der Gemeinde vertraut ist. Der Religionsgeschichtler macht es sich nicht einfach. Immer wieder wechselt er zwischen der Liberalen und Orthodoxen Gemeinde hin und her und reist vom Zürcher Bürkliplatz nach Tel Aviv. Seinen Rabbi lässt Bodenheimer den alttestamentlichen Mord an Kain, die Hiobsgestalt und die jüdische Rechtsprechung erläutern. All dies geschieht ohne jegliches akademisches Pathos.
Das Böse in uns
Rabbi Klein ist ein Grübler, Gottessucher und Zweifler. Er fühlt sich der göttlichen Gerechtigkeit verpflichtet und versucht das jüdische Gesetz so auszuüben, dass es Leben ermöglicht und die Einhaltung nicht zur Tragödie wird. Doch wie Goethes Mephisto, «der stets das Gute will und das Böse schafft», verstrickt sich der ermittelnde Rabbiner in Schuld. Klein zögert, Mitglieder seiner Gemeinde der Polizei auszuliefern und hält Beweise zurück. Gabriel Klein kennt die dunkle Seite der Menschen. Doch seine eigene übersieht er geflissentlich. Der Rabbiner glaubt sich auf dem Weg der Gerechtigkeit und endet in der Selbstgerechtigkeit. Zuletzt ist er gefangen im Gefühl, versagt zu haben, aus dem ihn kein Schuldbekenntnis mehr befreit. «Als Kind ist für uns das Böse das Andere und Bedrohliche, das wir bekämpfen müssen», erklärt Alfred Bodenheimer der «Jüdischen Allgemeinen». «Doch je älter und reflektierter wir werden, desto mehr ahnen wir, dass wir selbst etwas von diesem Bösen in uns tragen und dass in uns auch Bedrohliches und gar zuweilen Unkontrollierbares steckt.»
Gegen Ende seiner Forschungssemester sei die Grundidee zum Roman entstanden, erzählt Alfred Bodenheimer. Das war an einem Freitagabend. Da er am Sabbat nicht schreiben konnte, wälzte er einen Tag lang die Idee in seinem Kopf. Nach Sabbat-ende setzte er sich hin und schrieb in einer Woche die erste Fassung nieder.
Inzwischen hat sich Alfred Bodenheimer entschlossen, Rabbi Klein noch einen weiteren Fall lösen zu lassen. Den Verlag und die Leserschaft wird es freuen.
Kains Opfer, Alfred Bodenheimer, Nagel & Kimche, 26.90 Fr.
Tilmann Zuber
Grübler, Gottsucher und Zweifler