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«Heute wird das Verbindende im Christentum gesucht»

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28.04.2021
Vor 500 Jahren wurde Martin Luther exkommuniziert. Bischof Felix Gmür über die Ökumene, Frauen im Amt und warum Papst Franziskus fasziniert.

Herr Bischof, vor 500 Jahren hat die katholische Kirche den Augustinerm├Ânch Martin Luther exkommuniziert. Er w├Ąre hingerichtet worden. Wie w├╝rde dies heute aussehen?
Heute w├╝rde man ihn wohl nicht einfach exkommunizieren, man sucht den Dialog. Zudem hat heute eine Exkommunikation keine politischen Auswirkungen mehr.

War Luther ein Reformkatholik?
Martin Luther war stark im auslaufenden Mittelalter verankert. Die Gesellschaft und die Kirche befanden sich wie heute im Umbruch. Die Kirche hatte damals grosse Schwierigkeiten. Luther, der im Sp├Ątmittelalter sozialisiert war, versuchte in die Zukunft zu schauen. Martin Luther war modern, indem er auf sein eigenes Gewissen so viel Wert legte.

Warum endete der Glaubensstreit in Religionskriegen? War es eine Frage der Macht?
Ja, wenn man Macht als Deutungshoheit versteht. Das Christentum war damals neben dem Judentum die einzige Religion in Europa und eine politische Macht. Religion und Politik waren eng miteinander verwoben. Das f├╝hrte zu den Religionskriegen. Man sollte nicht ├╝bersehen, dass diese Kriege auch eine Konsequenz der Reformation waren. Die Folgen waren f├╝r die Bev├Âlkerung in Europa katastrophal. Schlimm finde ich, dass sich die Kirchen damals gespalten haben. Heute gibt es verschiedene Kirchen, die sich beide auf Jesus Christus, den Auferstandenen, berufen. Sie gr├╝nden auf dem Zeugnis der Heiligen Schrift und finden trotzdem nicht zusammen. Im Gegenteil: Mit der Zeit entwickelten sie sich sogar auseinander. Diese Konsequenzen schmerzen mich.

Sie sind in Luzern aufgewachsen, in einem katholischen Kernland. Hatten Sie als Kind Kontakt zu Reformierten?
Nein, ich ging nie mit einem reformierten Kind zur Schule.

Und sonst?
Ich habe einzelne Reformierte gekannt. Die waren reformiert, das warÔÇÖs. Das war kein Thema.

Vor kurzem ist der Theologe Hans K├╝ng gestorben. Der Luzerner war Kirchenkritiker und bezeichnete sich als ┬źevangelischer Katholik┬╗.
Ich habe ihn gut gekannt und sicher einmal im Jahr getroffen. Hans K├╝ng wurde in der Kirche vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil sozialisiert, die es heute nicht mehr so gibt.

Wie w├╝rden Sie seine Theologie charakterisieren?
Das Vertrauen in die Gnade Gottes hat ihn sein ganzes Leben hindurch getragen. Er wollte die Kirche f├╝r die verschiedenen Arten, als Christ zu leben, ├Âffnen. Deshalb engagierte er sich so stark in der ├ľkumene. Er war ├╝berzeugt: Wenn wir ein gemeinsames Fundament haben, sollten wir auch zu einem gemeinsamen Ausdruck des Glaubens finden.

Hat Hans K├╝ng dazu beigetragen, dass die reformierte und die katholische Kirche aufeinander zugegangen sind?
Ja, dazu hat er seinen Beitrag geleistet, vor allem mit seiner Dissertation ├╝ber die Rechtfertigungslehre von Karl Barth, wo er danach fragte, was die Kirchen trennt und verbindet. Die sp├Ąter in Augsburg von Lutheranern und Katholiken unterzeichneten Dokumente zur Rechtferigung best├Ątigen, dass die beiden Kirchen mehr verbindet als trennt. K├╝ngs zweites Buch hiess ┬źKonzil und Wiedervereinigung ┬╗. Das zeigt, K├╝ng verfolgte das Ziel, dass die Kirchen wieder zusammenkommen sollten.

Heute leben wir in einer g├Ąnzlich anderen Situation. Wie sieht die ├ľkumene aus?
Es ist eine Freude, dass die Kirchen an vielen Orten gut zusammenarbeiten. Diese niederschwellige ├ľkumene funktioniert gut. Manche wissen schon nicht mehr, in welcher Kirche sie daheim sind. Das Verbindende im Christentum wird gesucht!

Und auf der Ebene der Kirchenleitungen?
Auch da funktioniert es gut, gerade was die Anerkennung der Taufe betrifft. Diese ist wichtig und betrifft auch die anderen Kirchen und christlichen Gemeinschaften.

Inzwischen machen sich die Kirchen gemeinsam f├╝r politische Anliegen stark wie j├╝ngst f├╝r die Konzernverantwortungsinitiative.
Es ist ein Fortschritt, wenn man sich in gewissen Fragen wie der KVI auf eine gemeinsame Linie verst├Ąndigen kann. Bei anderen ethischen Fragen haben die Kirchen verschiedene Auffassungen und widersprechen sich. Vor 50 Jahren hatte die Kirche selbstverst├Ąndlich eine Stimme; sie wurde geh├Ârt, da die meisten der Kirche angeh├Ârten. Wenn sich die Kirchen heute Geh├Âr verschaffen wollen, dann sollten sie sich zusammenschliessen, mindestens die katholische, die reformierte und die christkatholische. Alles, was man in der ├ľffentlichkeit zusammen machen kann, sollte man zusammen tun.

Bei der Frage der Frauen im Amt unterscheiden sich Protestanten und Katholiken. F├╝r die meisten w├Ąren Priesterinnen selbstverst├Ąndlich.
Zur Frage der Frauen im Priesteramt geh├Ârt auch jene der Zulassung zum Amt und der Stellung des Amtstr├Ągers. Dieser muss nach katholischem Verst├Ąndnis ein Mann sein. Das verstehen heute viele nicht mehr, sie finden, man muss das Priesteramt f├╝r Frauen ├Âffnen. Andere sind da zur├╝ckhaltender. Es geht bei solchen Fragen auch um die Bewertung der 2000-j├Ąhrigen Tradition in der katholischen Kirche und darum, was man neu gestalten k├Ânnte. Nach meiner Meinung k├Ânnte man dies bei der Rolle der Frauen.

Wann wird sich da etwas ├Ąndern?
Es braucht Zeit. Die katholische Kirche ist eine weltweite. Wie ein Dampfer bewegt sie sich langsam vorw├Ąrts, aber wenn mal etwas feststeht, dann steht es.

Auch im Hinblick auf das Abendmahl und die Eucharistie gibt es Unterschiede. Gerade konfessionell gemischte Paare erleben da die Kirchenspaltung schmerzlich.
Es ist wichtig, dass man bei Ehepaaren das Sakrament der Ehe sch├╝tzt, deshalb darf der Glaube nicht zu einer Zerr├╝ttung f├╝hren. Aus katholischer Sicht ist die ├ťbereinstimmung von Glauben und Beten entscheidend. Die Menschen glauben das, was sie beten. Das ist ein altkirchlicher Grundsatz. Im Hochgebet der Eucharistie beten wir f├╝r den Papst, den Bischof, die Einheit der Kirche, die ├╝ber die Zeit dauert und beispielsweise auch die Heiligen einschliesst. Wer am Schluss des Hochgebets dazu Amen sagt, sollte auch an der Kommunion teilnehmen k├Ânnen. Wenn jemand nicht zur Kommunion will, sollte man dies jedoch nicht vorrangig als trennend betrachten.

Haben Sie einen Wunsch an Ihre reformierte Schwesterkirche?
Ich stehe im intensiven Kontakt mit den Reformierten. Wir haben ein gutes Verh├Ąltnis, auch wenn wir manchmal anderer Meinung sind und ┬źes chl├Âpft┬╗. Dann schauen wir, wie wir es besser machen k├Ânnen. Praktisch gesehen ist es manchmal etwas schwierig, weil die beiden Kirchen verschiedene Entscheidungsmechanismen haben. Die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz ist kantonal aufgebaut, w├Ąhrend die sechs Schweizer Bist├╝mer Teil eines weltweiten Netzwerkes sind. Dies macht gewisse Sachen einfacher, anderes komplizierter. Aber es funktioniert. Zum Beispiel: Als der Bundesrat im letzten Jahr bei den Verordnungen zur Pandemie die Kirchen auf der Seite liess und die Gottesdienste verbot, wurden die christlichen Kirchen, der Rat der Religionen, die j├╝dischen und die muslimischen Gemeinschaften beim Bundesrat vorstellig. Mit Erfolg! Das zeigt, die Zusammenarbeit ist wichtig.

Viele Reformierte sind von Papst Franziskus begeistert.
Ich kann das verstehen. Man merkt bei Papst Franziskus, dass er ein Mensch und Seelsorger ist. Er ist kein Papst, der vorschreibt, was man glauben und tun soll. Bei ihm hat man den Eindruck, da ist jemand, der sich f├╝r mich interessiert.

Bald feiern wir Pfingsten. Das Pfingstwunder berichtet, dass die Christen verschiedene Sprachen sprechen und sich doch verstehen. Steht dies f├╝r die Christenheit?
Man versteht sich vielfach nicht. Ich erlebe dies in der katholischen Kirche, in der man verschiedene Sprachen spricht. Gewisses versteht man, vieles jedoch nicht. Die Frage, wie gehen wir mit Christgl├Ąubigen um, die den gleichen Glauben haben, an den Tod und die Auferstehung Christi glauben, aber dann v├Âllig andere Schl├╝sse ziehen, ist eine Herausforderung. Da braucht es guten Willen und die F├Ąhigkeit, aufeinander zu h├Âren und sich auch selbst in Frage zu stellen. Wenn der Heilige Geist wirkt, wird dies m├Âglich.

Geschieht dies auch?
Nat├╝rlich, auch zwischen verschiedenen Kirchen. Aber es geschieht sehr langsam.

An Orten von Taiz├ę?
Taiz├ę ist ein wunderbares Beispiel. Die Br├╝der konzentrieren sich dort auf das Gebet und die Anbetung. Der Dialog geschieht zuerst mit Christus. Im Zentrum der Feier steht vielfach eine Ikone, vor der die Menschen sitzen, nicht viel sagen und zuh├Âren. Sie wissen sich in der Gegenwart Gottes und planen nicht schon die operativen Schritte. Dieses H├Âren im Gebet ist etwas, was wir in der Schweiz etwas vernachl├Ąssigen.

Tilmann Zuber, kirchenbote-online

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