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Restaurant Vanakam im Haus der Religionen

Hier kocht der Hindupriester auch koscher

von Erik Brühlmann/Niklas Raggenbass
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03.11.2023
Am Stadtrand von Bern können Jüdinnen und Juden in einem ayurvedischen Restaurant koscher essen. Rabbiner Michael Kohn hat das schweizweit einmalige Projekt ins Rollen gebracht. Inzwischen reisen die Gäste von weit her, um Sasikumar Tharmalingams Kochkunst zu geniessen.

Im Restaurant Vanakam im Haus der Religionen in Bern ist eben der Mittagsservice vorbei. Der Duft der ayurvedischen Gerichte, die hier auf den Tisch kommen, hängt noch in der Luft. Sasikumar Tharmalingam, genannt Sasi, wirkt entspannt. Der Koch und Priester im Shiva-Tempel beherrscht das Tagesgeschäft aus dem Effeff. Seine Menüs mit frischem Saisongemüse, Getreide und Soya, abgerundet mit passenden Gewürzen, sind beliebt.

Mit Koscher-Stempel

Oft kommen die Gäste von weit her, auch Politikerinnen und Botschafter lassen sich und ihre internationalen Gäste aus anderen Religionsgemeinschaften gern von Sasi bekochen. Denn das «Vanakam» ist das einzige Restaurant in Bern, das einen «Koscher-Stempel» vorweisen kann – die Bescheinigung also, dass das hier servierte Essen in allen Belangen den jüdischen Speiseregeln genügt.

Natürlich habe ich hundertprozentiges Vertrauen in ihn. Ansonsten würde es nicht funktionieren.

Das Zertifikat stellte Michael Kohn, der frühere Rabbiner der jüdischen Gemeinde in Bern, vor vier Jahren zum ersten Mal aus. Der gebürtige Norweger, der mit seiner YB-Kippa landesweite Bekanntheit geniesst, betritt das Restaurant und begrüsst den Hindupriester herzlich. Die beiden plaudern über dies und jenes, und der Rabbiner wirft auch mal einen beiläufigen Blick in die Küche des «Vanakam». «Ich kann Sasi ja nicht trauen, sein Produktwissen ist nicht so gut!», sagt er und grinst verschmitzt. «Nein, natürlich habe ich hundertprozentiges Vertrauen in ihn. Ansonsten würde es nicht funktionieren.»

Hunger macht erfinderisch

Bei einer Tasse Kaffee erinnern sich die beiden Geistlichen an die Anfänge des interreligiösen Projekts. «Alles begann damit, dass ich hungrig war», sagt der Rabbiner mit einem Lachen. Und da in Bern keine Restaurants existierten, in denen nach den Prinzipien der jüdischen Speiseregeln, der Kaschrut, gekocht werde, habe er handeln müssen. Die Kaschrutregeln legen fest, welche Produkte rein sind, also koscher, und welche nicht. Sie bestimmen auch den Umgang mit Lebensmitteln. So ist es zum Beispiel untersagt, Milch- und Fleischprodukte zusammen zu verzehren, selbst wenn diese koscher sind.

Wir gläubigen Hindus dürfen keine Lebewesen töten, auch nicht, um uns zu ernähren.

Tharmalingam holt einen grossen Kochtopf aus der Küche und stellt ihn auf den Tisch. «Ich koche ayurvedisch und vegetarisch», erklärt er. «Wir gläubigen Hindus dürfen keine Lebewesen töten, auch nicht, um uns zu ernähren. Als Priester darf ich solche Produkte nicht einmal berühren.»

Entsprechend kommen in seine Töpfe und Pfannen weder Fisch- noch Fleischprodukte. Und die Gastköche anderer Religionsgemeinschaften, die die Küche im Haus der Religionen benutzen, müssen ihre eigenen Kochutensilien mitbringen. «Das heisst für mich», fährt Sasi fort, «dass ich meinen Bereich absperre. Da bin ich konsequent.» Kohn lacht. «Das kann man wohl sagen. Wenn es um seine Küche geht, versteht Sasi keinen Spass.»

Bei den Kaschrutregeln gibt es keine Kompromisse, nur ein kluges Umsetzen.

Unreine Kochutensilien

Bis das interreligiöse Kochprojekt in Gang kam, dauerte es einige Zeit. Denn auch wenn die koschere und die vegetarisch-ayurvedische Küche relativ nah beieinanderliegen, musste die Küche im Haus der Religionen erst nach den Regeln der Kaschrut koscher gemacht werden. Einerseits genügten einige der hier verwendeten Fertigprodukte nicht den Vorschriften, andererseits waren die Kochutensilien im jüdischen Sinne unrein. Hier war nun das Fachwissen des Rabbiners gefragt. «Wir Juden sind seit 2000 Jahren Spezialisten, wenn es darum geht, Essen und das Drumherum genau anzuschauen», sagt Kohn. «Wir haben uns ein immenses Wissen über die Lebensmittelproduktion angeeignet.» Die modernen Produktionsmethoden machten es jedoch oft schwierig, die nötigen Informationen zu bekommen. «Butter ist nicht gleich Butter. Man muss immer genau prüfen, was alles im Produkt drin ist», weiss Kohn.

Auch die Verpackung spielt eine Rolle, auch sie könnte unkoscher sein. Doch Sasi musste sein Sortiment nicht komplett umstellen. Einzelne nicht koschere Zutaten liessen sich mit Unterstützung des Rabbiners gleichwertig ersetzen.

 

Sasikumar Tharmalingam ist nicht nur ein Vorreiter in der ayurvedisch-koscheren KĂĽche, als Hindu-Priester war er auch massgeblich am Aufbau eines reformierten Hindu-Tempels in Bern beteiligt. Die schweizerisch-indische Filmemacherin Chitra-Lekha Sarkar besuchte Sasikumar Tharmalingam und Michael Kohn im Restaurant Vanakam.

 

Dampf und Rauch

Nun mussten noch sämtliche Kochgeräte gereinigt werden, um alle Spuren unkoscherer Lebensmittel und deren Geschmack zu beseitigen. «Kaschern nennen wir das», erklärt Kohn. «Das ist keine spirituelle Handlung mit wohlriechenden Räucherstäbchen, sondern eine praktische und effiziente Reinigung mit heissem Dampf.» Tharmalingam kontert: «Ich weiss, du magst keine Räucherstäbchen, aber auch ihr habt Symbolhandlungen, die ich nicht ganz nachvollziehen kann. Sonst müsste nicht jeden Tag ein Mitglied der jüdischen Gemeinde ins «Vanakam» kommen, um den Reiskocher anzuschalten.» Der Rabbiner erklärt: «Wir wollen damit zeigen, dass wir Wert darauf legen, in irgendeiner Form am Kochprozess beteiligt zu sein.»

Wenn ich für den Tempel koche, sind alle Menschen eingeladen mitzuessen, egal welchen Hintergrund sie haben.

Kulinarischer Teamgeist

Der Priester und der Rabbiner schätzen und vertrauen einander. Mit ihren Ansichten liegen sie jedoch zuweilen weit auseinander. Etwa bei der Frage nach der Bedeutung des gemeinsamen Essens in ihren jeweiligen Religionen. «Nur wer zum selben Team gehört, sitzt auch am selben Tisch», meint der Rabbi. Für eine Gemeinschaft sei es wichtig, zu wissen, wer dabei sei und wer nicht. «Wenn alle im Team wären, gäbe es keine Gemeinschaft, sondern nur Beliebigkeit.»

Sasi hat eine grundlegend andere Meinung zum kulinarischen Teamgeist. Wenn er für den Tempel koche, seien alle Menschen eingeladen mitzuessen, egal welchen Hintergrund sie hätten. Auch was die Essensregeln betrifft, findet er die Kaschrut letztlich etwas allzu streng. Rabbiner Kohn relativiert: «Kaum jemand befolgt diese kulinarischen Leitlinien zu hundert Prozent.» Viel wichtiger sei, dass man sich darum bemühe, sie zu befolgen. «Keiner wird krank, wenn er sich nicht an alles hält, oder wird am Ende von Gott bestraft. Gott ist vermutlich mit wichtigeren Dingen beschäftigt», erklärt er. «Doch man verpasst eine gute Gelegenheit, seine eigene Identität zu stärken.»

Kompromisse sind wichtig

Doch bei allen Differenzen sind sich die beiden Geistlichen einig: Interreligiöser Dialog funktioniert am besten, wenn man auch mal während einer Mahlzeit beisammensitzt und nicht nur bei Podiumsdiskussionen miteinander spricht. «Reden ist gut», sagt Tharmalingam. «Doch noch wesentlich besser finde ich, wenn man, wie wir es immer wieder tun, Kompromisse sucht. So leben Religionen nicht nur neben-, sondern auch miteinander.» – «Aber bei den Kaschrutregeln gibt es keine Kompromisse, nur ein kluges Umsetzen», hält Michael Kohn verschmitzt fest.

 

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