«Ich blieb und wollte ein Zeichen setzen»
An den Tag der Katastrophe kann sich Jeffrey Mensendiek gut erinnern. Am 11. März, als das Erdbeben Japan erschütterte, arbeitete er im Emmaus Zentrum in Sendai. Seine Frau war in der Kirche, die Kinder in der Schule. Das Erdbeben hatte zwar Zerstörungen angerichtet, doch die Flutwelle erreichte Sendai nicht. Trotzdem gab es keinen Strom, Gas, Wasser oder Kerosin mehr.
«Es war ein unglaublicher Augenblick», erinnerte sich Jeffrey Mensendiek, der als Pfarrer für die United Church of Christ, einer Partnerkirche vom mission 21 arbeitet. Die Solidarität in der Bevölkerung war gross: Man teilte das Essen miteinander und richtete in der Kirche Schlafplätze für die Helferinnen und Helfer ein.
Ein Jahr nach dem Tsunami ist in Sendai die Normalität zurückgekehrt. An der Küste jedoch sind die Spuren der Verwüstung noch allgegenwärtig: In den behelfsmässigen Behausungen fehlen die Heizungen und wärmenden Decken. Für die Betroffenen sei die Situation trostlos, sagt Jeffrey Mensendiek.
Die Verunsicherung ist allgegenwärtig
Das Emmaus Zentrum engagiert sich in Shichigo an der Küste und in der 50 Kilometer entfernten Stadt Ishinomaki. Die Not führt Menschen zusammen: Dank der Hilfe der Freiwilligen können bald 100 bis 117 Haushalte in ihre Behausungen zurückkehren. 80 Prozent der Freiwilligen seien nicht christlich, erzählt der Pfarrer, «und dennoch unterstützen sie die Arbeit der Kirche. Es ist wunderbar, wenn die Kirche grösser als sie selbst ist.»
Ein Jahr nach der Atomkatastrophe ist die Verunsicherung in der Bevölkerung allgegenwärtig. «Die Angst bleibt in unseren Herzen», berichtet Mensendiek. «Den fragwürdigen Richtlinien, welche die Regierung erlässt, traut niemand.» Man sei darauf angewiesen, sich selbst zu informieren und zu schützen. Der 50-Jährige selbst sorgt sich um seine Kinder. Japanerinnen und Japaner seien nicht so individualistisch, wie man meinen könnte. «Wenn wir alle sterben, werde auch ich sterben, lautet ein Lebensgefühl, das seit dem Zweiten Weltkrieg das Land und die Köpfe beherrscht. Vielen Japanern falle es aus gesellschaftlicher Loyalität schwer, die Situation kritisch zu betrachten. Sie wollen daran glauben, dass «alles irgendwie unter Kontrolle» sei. Doch im Grunde haben die Menschen Angst, meint Mensendiek.
Als Minderheit komme der christlichen Kirche in dieser Situation eine besondere Rolle zu. «Sie kann Stimme sein», hofft der Pfarrer, um die «Wahrheit ans Tageslicht zu bringen». Den gebürtigen Amerikaner beunruhigt, was bei den Kraftwerken von Fukushima noch passieren könnte. Doch sein Zuhause sei hier. «Hier leben die Menschen, mit denen ich fünfzig Jahre meines Leben geteilt hätte. Deshalb wollte er 2011 nicht flüchten und seine Haut retten. «Ich wollte bleiben und ein Zeichen setzten.»
Anna Wegelin
«Ich blieb und wollte ein Zeichen setzen»