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Basler Mission

In der Missionsgeschichte übernachten

von Noemi Harnickell
min
02.05.2026
Das Hotel Odelya im ehemaligen Missionshaus in Basel verfolgt ein neuartiges Konzept. In den modernen Räumlichkeiten setzen sich die Betreiberinnen mit der jahrhundertealten Missionsgeschichte auseinander. Der Umgang mit der Immobilie könnte eine Vorbildfunktion für Kirchgemeinden haben.

Helles Tageslicht flutet grosszügig durch die hohen Fenster und taucht das Zimmer in einen warmen Schein. Von draussen ist Vogelgezwitscher zu hören, eine Gruppe Kinder spielt in der Nähe. Das «Stadthotel im Park», wie das Hotel Odelya beim Basler Spalentor auch genannt wird, tut seinem Namen Ehre: eine grüne Idylle in zentraler Lage. Was viele Gäste jedoch nicht wissen: Die einladenden Hotelzimmer mit ihren warmen Parkettböden, modernen Duschen und weichen Betten waren einst die kargen Schlafsäle junger Missionare, die in eben diesem Haus ihre Ausbildung absolvierten.

Das Missionshaus war seit seiner Erbauung im Jahr 1857 der Ort, von dem aus Missionare in die ganze Welt geschickt wurden, nach Afrika, Asien, Lateinamerika. Heute ist es ein Ort, der die Welt einlädt, Gast zu sein. Im vergangenen Jahr wurde die Hälfte der insgesamt 73 Hotelzimmer saniert und damit ein moderner Standard gesetzt. 2,5 Millionen Franken hat das Ganze gekostet. Doch mit jeder Veränderung am alten Haus geht auch die Frage einher, wie das Hotel mit seinem historischen Erbe umgeht. Was ist die neue Mission des Missionshauses? Und was kann die Kirche über den Umgang mit Liegenschaften lernen?

Frauen werden gewürdigt

Karin Gloor und Yvette Thüring sind, was man auf Neudeutsch «Powerfrauen» nennt. Gemeinsam haben sie die Sanierung des Hauses in Angriff genommen und die Räume neu gestaltet. Die Sitzungszimmer und die Bankettsäle tragen Namen von Missionarinnen und gedenken so der Arbeit dieser Frauen. Eine von ihnen war Ruth Epting, die im Missionshaus aufwuchs und als eine der ersten Frauen in der Schweiz Theologie studierte. An sie erinnert die Ruth-Epting-Stube im zweiten Stock. «Es waren nicht nur Männer, die in die Mission gingen», sagt Karin Gloor. «Viele Frauen haben sich in unterschiedlichen Berufen engagiert, nicht nur als Ehefrauen, sondern durchaus eigenständig und selbstbewusst.» Einige der «Missionsbräute» bezahlten ihren Einsatz in Übersee mit dem Leben und wurden von Tropenkrankheiten dahingerafft.

 

Karin Gloor (l.) und Yvette Thüring vereinen Hotellerie und Geschichte. | Foto: Katja Schmidlin

Karin Gloor (l.) und Yvette Thüring vereinen Hotellerie und Geschichte. | Foto: Katja Schmidlin

 

Gloor und Thüring sehen die Geschichte des Hauses als Chance. «Dieses Haus war einmal ein globaler Treffpunkt – und das soll es auch weiterhin bleiben», sagt Thüring. Ein QR-Pfad im Garten führt Gäste durch die Geschichte des Hauses. Eine neue Bibliothek im dritten Stock lädt zum Schmökern in den Lebensgeschichten der Missionare ein. Es ist eine Geschichte, die nicht nur ideologisch, sondern ganz buchstäblich im Fundament des Hauses verankert ist: Das Archiv der Basler Mission im Keller ist einzigartig in seiner Vollständigkeit. Über 3000 Zeugnisse der Missionare, die hier über die Jahre ein und aus gingen, können dort eingesehen werden.

Mit Hotel Mission 21 unterstützen

Mission ist heute ein behaftetes Wort. Es erinnert an koloniale Gewalt, an Sklavenhandel, an das Überstülpen des Christentums und das Verdrängen indigener Religionen und Kulturen. Dieser Geschichte stellt sich die Basler Mission seit vielen Jahren. Das Hilfswerk Mission 21, das 2001 aus einer Fusion mit mehreren Missionsgesellschaften hervorgegangen ist und im alten Missionshaus eingemietet ist, arbeitet bewusst mit lokalen Partnern zusammen und setzt sich für eine nachhaltige Entwicklung in den Projektländern ein, um Menschen ein Leben in Würde zu ermöglichen.

Auch die Hotel Odelya AG, eine Tochtergesellschaft der Stiftung Basler Mission, ist Teil dieses Auftrags. Das Haus und die angrenzende Gartenanlage gehören bis heute der Basler Mission. Dazu kommen Büroräume, Wohnungen und sogar ein Kindergarten, die auf der Anlage alle eingemietet sind. Von diesen Einnahmen spendet die Basler Mission jedes Jahr an Projekte von Mission 21.

Die Kirche könnte vom Missionshaus lernen

Die Art, wie die Basler Mission mit dem Missionshaus umgeht, könnte auch eine Vorbildfunktion für Kirchgemeinden haben. Die Immobilien der Kirchen sorgen immer wieder für Kopfzerbrechen und polarisierende Diskussionen. Viele kirchliche Gebäude sind untergenutzt und teuer in der Instandhaltung. Eine Veränderung ihres Nutzens wirft ethische Fragen auf. Lukas Stücklin, Stiftungsrat Basler Mission, glaubt jedoch, dass die Kirchen vom ehemaligen Missionshaus lernen können: «Die Kirchen dürfen und sollen ihre Liegenschaften aktiv bewirtschaften», sagt er.

Stücklin sieht jedoch, wo die Bedenken liegen: «Geld zu verdienen, gilt in der Kirche manchmal als anrüchig – das Neue Testament ist hart gegenüber den Wohlhabenden. Aber dieses Geld kann wiederum eingesetzt werden, um dem ursprünglichen Auftrag gerecht zu werden. Um Mission 21 unterstützen zu können, brauchen wir im Hotel einen guten Standard, um Erträge zu generieren.»

Das Hotel Odelya ist heute ein weltliches Haus, trotz seines Erbes. «Wir missionieren nicht», sagte Yvette Thüring. Sie ist jedoch überzeugt, dass es ein Ort der Spiritualität bleibt für alle, die danach suchen – ob im Garten, im Raum der Stille oder in einem der Andachtsräume.

 

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