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Jahrhundertkünstler: Die Verkündigung

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01.01.2016
Die Fondation Beyeler in Basel zeigt zurzeit Werke von Gerhard Richter. Der wortkarge Künstler bezeichnet sich selbst als Atheisten. Doch wer sein Werk näher betrachtet, wird dies bezweifeln.

Gerhard Richter sah Tizians Gemälde «Verkündigung» während eines Venedig-Aufenthalts 1972 in der Scuola Grande di San Rocco. Er war von dem Bild so begeistert, dass er es für sich kopieren wollte. Aber es gelang ihm nicht, eine nur halbwegs ansehnliche Kopie zu malen.
Mit Variationen der Verkündigung näherte sich Richter Tizians Vorlage an. Die Gemälde sind zurzeit in der Fondation Beyeler zu sehen.

Aufgelöst in einem Farbstrudel
Übernommen hat Gerhard Richter die Aufteilung des Bildes zwischen Engel und Maria. Ansonsten jedoch verschwimmen die Formen. Die Konturen lösen sich mehr und mehr in einen Farbstrudel auf, als würde ein starker Windstoss durch die Bilderserie blasen.
Auf geheimnisvolle Art hält Gerhard Richter an den Rot-, Blau- und Schwarztönen fest, die Tizian vorgegeben hat. Rot steht in der Malerei für Liebe, Blau für Treue und Glauben. Es scheint, als erzählte Richter in seinen Variationen gar ein Gleichnis darüber, was in der Vergänglichkeit Bestand hat. Der Künstler schweigt dazu, bescheiden und gescheit.

Glasfenster im Kölner Dom
2003 erhielt Gerhard Richter den Auftrag, ein riesiges Glasfenster im Kölner Dom zu entwerfen. Das Domkapitel wollte Darstellungen von Märtyrern.
Doch Gerhard Richter schuf etwas anderes: In 11 263 farbigen Quadraten leuchtet sein Bleiglasfenster über dem Kirchenschiff. Auf 113 Quadratmetern funkelt das Licht in 72 Farbtönen, die zart die Dunkelheit erobern. Ein Zufallsgenerator eines Computers soll die bunten Quadrate zusammengestellt haben. «Gott würfelt», titelte darauf eine Zeitung zu den Richter-Fenstern.
Nicht zufrieden mit den abstrakten Glasfenstern im Kölner Dom war Kardinal Joachim Meisner. Bei der Einweihung des Fensters zeigte sich der Gottesmann wenig begeistert. Für eine christliche Kirche hätte sich der Erzbischof etwas «nicht so Beliebiges» gewünscht. Das Fenster passe nicht in den Dom. Es gehöre eher in eine Moschee oder in ein Gebetshaus, erklärte Meisner. «Wenn wir schon ein neues Fenster bekommen, soll es auch deutlich unseren Glauben widerspiegeln. Und nicht irgendeinen.»
Richter, der ansonsten kaum je seine Bilder kommentiert, wehrte sich in den Medien: «Zum Islam habe ich gar keine Beziehung», meinte der Maler. Wenn er auch keiner Glaubensgemeinschaft angehöre, so fühle er sich doch als Abkömmling des Christentums: «Ohne den Glauben an eine höhere Macht oder an etwas Unbegreifliches kann man gar nicht leben.»
Richter, der sich selbst als Atheist bezeichnet, hatte den tiefen Sinn von Christus Aussage verstanden: «Ich bin das Licht der Welt.» Glaube bedeutet, vom Licht des Evangeliums ergriffen zu werden, und dieses Licht in unzähligen Farben, Nuancen und Schattierungen aufzubrechen und in die Dunkelheit zu spiegeln. Das ist das Zeugnis, von dem die Bibel erzählt und das die Märtyrer anstiess, ihren Weg bis zum Ende zu gehen.
Kardinal Meisner hingegen wollte seinen Glauben in Bleiglas figürlich einfassen und im gotischen Sandstein für Hunderte Jahre konservieren. Konkret und klar wie die Dogmen in den Lehrbüchern.
Apropos: Heute ist das Fenster von Gerhard Richter im Kölner Dom ein riesiger Besuchermagnet. Der Künstler jedoch schweigt dazu.



Gerhard Richter
Der deutsche Maler Gerhard Richter gilt als der bedeutendste und teuerste Künstler unserer Zeit. In der bisher grössten Ausstellung in der Schweiz zeigt die Fondation Beyeler in Basel bis zum 7. Septem-ber erstmals Serien, Zyklen und Rauminstallationen aus allen Schaffensperioden.


Zum Bild: Verkündigung nach Tizian: Gemalt 1973 von Gerhard Richter. | @1914 Gerhard Richter

Tilmann Zuber


Verkündigung nach Tizian, 1973.

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