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Kinder, Küche, Karriere Kirche ohne Rollenklischees

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01.01.2016
Pfarrerin Judith Borter, Leiterin der Fachstelle für Genderfragen und Erwachsenenbildung, wünscht sich eine Kirche, wo Männer so selbstverständlich den Kirchenkaffee organisieren wie Frauen im Kirchenrat sitzen.

Seit dem 1. Oktober 2012 leitet Judith Borter die Fachstelle für Genderfragen und Erwachsenenbildung. So heisst die ehemalige kirchliche Frauenstelle der reformierten Kirche Baselland seit 2011. Im Namenswechsel scheint die gesellschaftliche Entwicklung auf. Der «Geschlechterkampf» hat sich gewandelt. Als Fachstellenleiterin kümmert sich die 30-jährige Pfarrerin nicht nur um Frauenthemen, sondern um Fragen der Gleichstellung und Rollenverteilung beider Geschlechter.
Judith Borter legt Wert auf Genderarbeit: «Ich möchte mich mit der Rolle von Frauen und Männern beschäftigen.» Die Fachstelle für Genderfragen und Erwachsenenbildung brauche es, «weil die Kirche hier gesellschaftspolitisch mitreden und Präsenz zeigen kann». Das würden auch Kirchenferne merken. Es verändere ihr Kirchenbild.
Unterschiedliche Bedürfnisse
Frauen und Männer haben unterschiedliche Bedürfnisse. Während es aufgrund der früheren Ausrichtung der Fachstelle für Frauen bereits Angebote gibt, etwa die Gruppe für alleinerziehende Mütter, befinden sich solche für Männer im Aufbau. Die Nachfrage ist da. Das Männer-Seminar «Timeout statt Burnout» fand grossen Anklang. Als weitere Idee nennt Judith Borter Freizeitangebote für Väter und ihre Kinder.
Bei der seelsorgerlichen Begleitung von Buben habe sie gemerkt, dass sie es schwer haben in unserer Gesellschaft. Es fehlen ihnen Vorbilder. Sie sind verunsichert im Hinblick auf ihre zukünftige Rolle als Männer und Väter. Immer mehr Männer möchten engagierte Väter sein. «Bei den Buben und Vätern möchten wir ansetzen. Ihnen kann die Kirche etwas bieten», glaubt Judith Borter. Genauso liegen ihr die jungen Frauen und Mütter am Herzen. Eine junge Mutter, die berufstätig war und nach der Geburt zu Hause bleibt, müsse ihren Platz wieder finden. Ebenso Alleinerziehende. Die Frauen, die sich in der Gruppe für Alleinerziehende austauschen, vergessen nicht, dass die Kirche den Rahmen für diese Austauschgruppe ermöglicht, ist die Pfarrerin überzeugt.
Gleichstellung ist auch innerhalb der Kirche ein Thema. Doch während die Stellung der Frau in der katholischen Kirche Anlass für heftige Auseinandersetzungen gibt, erregt das auf reformierter Seite kaum Aufsehen. Seit Jahren finden sich Frauen in fast allen kirchlichen Gremien. Dennoch gibt es die klassischen Frauenanliegen auch in der reformierten Kirche. Denn obwohl sie die kirchenrechtliche Gleichstellung kennt und den Frauen der Weg ins Präsidium einer Kirchenleitung offensteht, sehe es in der Praxis anders aus, weiss Verena Enzler, Synodalratspräsidentin der Solothurner Kirche und Präsidentin der Abgeordnetenversammlung des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes: «In den letzten Jahren ging der Frauenanteil in den Exekutiven der Kantonalkirchen sogar zurück. In der Zürcher Kirche etwa von vier auf eine Frau. In der Baselbieter Kirche ist heute nur noch ein Mitglied im Kirchenrat weiblich.»

Junge Frauen fehlen
Auch Judith Borter wünscht sich mehr Frauen im Kirchenrat: «Vor allem die jungen Frauen fehlen», meint sie. Helfen könnte ein Mentoring-Programm, das Frauen motiviert, ein solches Amt zu übernehmen. In den Kirchgemeinden hingegen sind die Männer untervertreten. Judith Borter hofft, dass aus der stärkeren Vernetzung mit Männergruppen ein attraktives Angebot entsteht.
In ihrer Wunschkirche jedoch, müsste man über Genderfragen gar nicht mehr diskutieren: «Es wäre selbstverständlich, dass auch Männer den Kirchenkaffee organisieren und Frauen Kirchen leiten. Hier würden auch ungewohnte Familienformen ihren Platz finden und auch Singles sich zu Hause fühlen.» Überhaupt plädiert sie für einen spielerischen Umgang mit Geschlechterrollen, um die gängigen Erwartungen zu durchbrechen: Warum könnte die Kinderkirche nicht auch einmal von einer Gruppe junger Männer geleitet werden? Warum soll beim Krippenspiel wie es auch auf einem alten Bild dargestellt wird nicht einmal Maria lesen und Josef daneben stehen und das Kind halten?

Karin Müller

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