Kritik am Umgang mit dem Kruzifix
Im Zentrum von «La Traviata» steht die Pariser Kurtisane Violetta. Sie entdeckt die wahre Liebe. Um den Ruf des Geliebten nicht zu gefährden, verzichtet sie aber auf ihr Glück und erliegt bald darauf ihrer Lungenkrankheit. Anlass der Zuschauer-Kritik sind zwei Szenen der Inszenierung. Im ersten Akt wird ein Kruzifix verkehrt herum aufgehängt, im dritten Akt wirft Annina, Violettas Vertraute, das Kruzifix zu Boden. «Grund dafür sind ihre Wut und Verzweiflung über den Tod Violettas», erklärt Dramaturg Christian Kipper. «Gerade weil sie an Gott glaube, hadert sie in diesem Augenblick mit der ausweglosen Situation.»
Kennt man diesen Kontext, so Kipper, könne man die Szene auch einordnen. Auch das verkehrt herum Aufhängen des Kreuzes geschehe durch einen Repräsentanten jener gnadenlosen Gesellschaft, unter der Violetta leidet. Ihm sagt das Symbol nichts, er kennt keinen Gott und hat keine Güte im Herzen. «Das Theater provoziert nicht einfach um des Provozierens willen», betont Kipper. So sei es auch nie die Absicht des Regisseurs gewesen, religiöse Gefühle der Zuschauer zu verletzen. «La Traviata» sei im Gegenteil ein zutiefst christliches Werk das aufzeige, wie unchristlich und erbarmungslos die Gesellschaft oft mit den Menschen an ihrem Rande umgehe. Auch die mitdiskutierenden Luzerner Theologen Silvia Huber, katholisch, und Hans-Ulrich Steinemann, reformiert, pflichteten dem bei. Steinemann wies in dem Zusammenhang auch auf die besondere Beziehung der reformierten Christen zum Kreuz hin. Für sie seien nur das Wort Gottes und seine Bedeutung und nicht das Bild, der blosse Gegenstand, entscheidend. Darum finde man auch in den meisten reformierten Kirchen keine Kreuze oder Kruzifixe, also Kreuze mit dem Corpus Christi.
Annette Meyer zu Bargholz
Kritik am Umgang mit dem Kruzifix