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Heks Nothilfe

«NGOs werden zur Zielscheibe»

von Marius Schären / reformiert.info
min
08.04.2024
Das Thema Sicherheit hat für NGO-Mitarbeitende enorm an Bedeutung gewonnen. Im Interview erzählt Heks-Auslandleiter Bernhard Kerschbaum, wann er selbst im Einsatz um sein Leben gefürchtet hat und wie das Thema heute seine Arbeit bestimmt.

Sie begannen Ihre Berufslaufbahn in den 90er-Jahren bei der Dresdner Bank. Jetzt sind Sie Leiter Globale Zusammenarbeit und Gesch√§ftsleitungsmitglied bei Heks und haben unter anderem f√ľr eine Fl√ľchtlingsorganisation selbst mehrere Jahre in Afghanistan und Sri Lanka gelebt und gearbeitet. Was bewegte Sie, diesen Weg einzuschlagen?

Bernhard Kerschbaum: Das kann man sich tats√§chlich fragen bei einem gelernten Bankkaufmann, der danach Wirtschaftswissenschaften studierte ‚Ķ Es gab haupts√§chlich zwei Ausl√∂ser. Den ersten, als ich 21-j√§hrig alleine Indien und China bereiste und konfrontiert wurde mit krassen Gegens√§tzen zwischen tiefster Armut und grossem Reichtum. Den zweiten, als ich bei einem freiwilligen Einsatz in einem afghanischen Fl√ľchtlingslager in Pakistan sah, wie die Menschen dort lebten. Daf√ľr hatte ich von 1998 bis 2000 das Studium unterbrochen. Und es hat mich so stark besch√§ftigt, dass ich mich in der Armutsbek√§mpfung und f√ľr globale Gerechtigkeit einsetzen wollte.¬†

Wie machten Sie das nach dem Studium?

Zuerst arbeitete ich eine Zeit lang bei einer Entwicklungsbank. Aber das stimmte doch nicht f√ľr mich, es kam mir vor wie ein goldener K√§fig. Schliesslich wechselte ich zur Fl√ľchtlings- und Nothilfe Organisation ZOA. Meine Frau und ich entschieden 2006, mit unseren damals ein- und dreij√§hrigen S√∂hnen nach Afghanistan zu gehen. Das wurde eine nicht einfache, aber gute Zeit ‚Äď vor allem, weil wir nahe bei den Menschen waren und sehen konnten, was unsere Arbeit Positives bewirkte.¬†

Eine Stärke der meisten NGO ist ja, dass sie bei der Planung der Einsätze sehr eng mit Einheimischen zusammenarbeiten.

Gut sieben Jahre lebten und arbeiteten Sie dann in Afghanistan und Sri Lanka. In welchem Moment hatten Sie am meisten Angst um Ihre eigene Sicherheit?

Gott sei Dank nicht so oft. In der Zeit in Afghanistan verschlechterte sich jedoch die Sicherheitslage stark, wir konnten nicht mehr zu allen Projekten ins Land hinausfahren. Strenge Sicherheitsprotokolle galten schon damals. Doch dann gab es in der Hauptstadt Kabul, wo wir wohnten, w√§hrend eines Mittagessens mit meinem Chef eine gewaltt√§tige Demonstration. Es kam zu Ausschreitungen, Sch√ľsse fielen, und der Demonstrationszug kam in unsere Richtung. Wir versteckten uns, fl√ľchteten aufs Dach, waren gegen sieben Stunden da festgesetzt, bis wir abgeholt werden konnten. Damals f√ľrchtete ich um mein Leben.

 

 

Aber es war nicht direkt während eines Einsatzes.

Nein. Eine St√§rke der meisten NGO ist ja, dass sie bei der Planung der Eins√§tze sehr eng mit Einheimischen zusammenarbeiten. Diese wissen meist gut, wann und wo es gef√§hrlich wird und wann nicht. Ausserdem sind gerade in Afghanistan G√§ste etwas Heiliges. In den D√∂rfern habe ich mich immer sicherer gef√ľhlt als in der Hauptstadt Kabul.

Welche Bedeutung hat das Thema Sicherheit heute f√ľr Sie in Ihrer Arbeit als Auslandleiter?

Das hat in den letzten Jahren enorm an Bedeutung gewonnen ‚Äď leider. Heks hat unterdessen rund 800 Mitarbeitende in 30 L√§ndern, dazu kommen etwa hundert Partnerorganisationen mit noch einmal vielen Mitarbeitenden. Es ist also eine grosse Verantwortung zu entscheiden, wie wir wo arbeiten wollen. Das h√§ngt nat√ľrlich damit zusammen, dass viele L√§nder aufgrund von politischen, √∂konomischen und klimatischen Krisen instabiler geworden sind und sich die entsprechenden Verh√§ltnisse verschlechtert haben. Hinzu kommt: NGOs sind heute von Konfliktparteien weniger respektiert und werden eher sogar zur Zielscheibe. Und trotzdem braucht es genau wegen all dem NGOs. Heks ist auch deshalb in sechs der zehn L√§nder mit den wohl komplexesten Krisen t√§tig, wie beispielsweise die Demokratische Republik Kongo und Venezuela.¬†

 

Bernhard Kerschbaum, 51

Der ehemalige Banker und Wirtschaftswissenschaftler aus Deutschland arbeitet seit elf Jahren bei Heks, seit sechs Jahren als Leiter des Bereichs Globale Zusammenarbeit und Mitglied der Gesch√§ftsleitung. Zuvor war er Leiter der Abteilung Europa/Asien und kirchliche Zusammenarbeit. Erste Erfahrungen in der Arbeit f√ľr NGOs machte er als Freiwilliger von 1998 bis 2000 in Pakistan. Nach dem Studium war er vier Jahre bei einer Entwicklungsbank t√§tig, danach sieben Jahre bei der Nothilfe-Organisation ZOA (Niederlande).

 

Wie haben Sie auf die Entwicklung bisher reagiert?

Wir haben sehr viel in die Sicherheitsdispositive investiert in den vergangenen Jahren. Es gibt Sicherheitspl√§ne f√ľr jedes einzelne Land, abgestimmt mit externen Fachleuten, die werden mindestens j√§hrlich aktualisiert. Alle L√§nder werden auch laufend in Risikokategorien eingestuft. Zus√§tzlich sind wir einer Reihe von Sicherheitsnetzwerken angeschlossen, wo Informationen und Warnungen geteilt werden und ein Erfahrungsaustausch erfolgt. All das hilft auch, sich f√ľr Sicherheitsfragen zu sensibilisieren. Es entsteht ein Sicherheitsbewusstsein, eine Sicherheitskultur.

Uns war es einfach wichtig, da zu sein und Zeit mit ihnen zu verbringen, auch mit den anderen Mitarbeitenden vor Ort. Dem Zuhören und Trauern viel Raum zu geben, war sehr wichtig.

Und wie bereiten Sie sich auf schlimme Fälle wie den in der Ukraine vor?

Daf√ľr haben wir ein Krisenstabsprotokoll etabliert. Dazu gibt es auch alle zwei, drei Jahre ein Training durch eine externe Firma. Da wird eine Simulation durchgef√ľhrt beispielsweise mit einer Entf√ľhrung von Mitarbeitenden. Auch das schafft Sensibilisierung und Handlungsf√§higkeit. Wir analysieren zudem s√§mtliche Sicherheitsvorf√§lle, beispielsweise auch Evakuationen von Mitarbeitenden aus medizinischen Gr√ľnden.¬†

Wie war es f√ľr Sie, als Sie die Nachricht vom Angriff auf Ihre Mitarbeitenden in der Ukraine erhielten?

Die Information erhielt ich bei einem Abschiedsap√©ro f√ľr eine Mitarbeitende. Im ersten Moment war ich geschockt, doch dann kippte sofort der Schalter zum Handeln um: Krisenstab versammeln im B√ľro der Zentrale in Z√ľrich, alle m√∂glichen Informationen zusammentragen, sehr schnell die Evakuation der Betroffenen √ľber Nacht planen, Abreise in die Ukraine planen. Das erfolgte in Zusammenarbeit mit dem Krisenstab in der Ukraine, wir mussten mit den Familien der angegriffenen Mitarbeitenden reden, mit den Beh√∂rden. Erst sp√§ter kam dann die grosse Trauer hoch um die beiden Verstorbenen. Das war sehr schwer zu verarbeiten.¬†

Was haben Sie bei Ihrem Besuch danach dort erlebt?

Drei Tage nach dem Angriff reisten wir zu dritt in die Ukraine. Viel Zeit verbrachten wir im Spital, bei Besuchen der Verletzten. Die einen wollten reden, andere nicht. Uns war es einfach wichtig, da zu sein und Zeit mit ihnen zu verbringen, auch mit den anderen Mitarbeitenden vor Ort. Dem Zuhören und Trauern viel Raum zu geben, war sehr wichtig. Daneben hatten wir Administratives zu erledigen mit der Botschaft, der UNO, zudem tauschten wir uns mit anderen NGOs aus.

 

Heks in der Ukraine

Das Programm in der Ukraine ist finanziell zurzeit das gr√∂sste des Hilfswerks der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (Heks). Es umfasst B√ľros in Odessa, Mykolajev, Kharkiv, Sloviansk, Dnipro und Kiew. Dort arbeiten 98 Menschen (83 aus der Ukraine, 15 internationale Mitarbeitende). Die eingesetzten Mittel beliefen sich 2023 auf 16 Millionen Franken, etwas mehr als in der Demokratischen Republik Kongo, wo letztes Jahr 15 Millionen Franken eingesetzt wurden (193 Vollzeitstellen). Diese beiden L√§nder sind mit Abstand die gr√∂ssten Engagements von Heks, sowohl in Bezug auf die eingesetzten Mittel wie auf die Zahl der Mitarbeitenden.

Heks war in der Ukraine bereits vor dem Krieg mit kleinen Projekten der kirchlichen Zusammenarbeit in Transkarpatien aktiv. Erst zu Beginn des Krieges hat HEKS eine eigene Präsenz zunächst in Odessa eröffnet und ist seither stark gewachsen. Das Programm hat keine begrenzte Laufzeit.

 

Wie ist das, permanent diese oft komplexen Situationen bez√ľglich Sicherheit einzusch√§tzen, abzuw√§gen und zu entscheiden, wo wie gehandelt werden soll?

Das ist sicher nicht einfach. Je mehr Mitarbeitende es sind, desto gr√∂sser wird das Risiko. Das Gute ist: Entscheidungen trifft niemand allein. Wir w√§gen vorsichtig ab, alle Betroffenen vor Ort werden miteinbezogen, wir tragen gemeinsam die Verantwortung. Und Einzelne werden angeh√∂rt ‚Äď so haben wir das ¬ęright to refuse¬Ľ, also das Recht jedes Mitarbeitenden, einen Einsatz zu verweigern, wenn man sich nicht wohlf√ľhlt. Aber zugleich haben wir kein ¬ęright to remain¬Ľ, kein Recht zu bleiben. Das heisst, ob ein R√ľckzug erfolgt oder nicht, entscheiden nicht die Mitarbeitenden vor Ort, sondern die Verantwortlichen. Und das kann sehr hilfreich sein, wenn es von aussen entschieden wird.¬†

Wie geht es in der Ukraine jetzt weiter?

Die Krisenstabarbeit geht jetzt zu Ende. Wir schauen ‚Äď auch mit psychologischer Unterst√ľtzung ‚Äď, wie es uns geht, was wir erlebt und gef√ľhlt haben, was wir gemacht haben, wir tauschen uns aus. Und wir analysieren alles genau und schauen, was wir allenfalls ver√§ndern m√ľssen.¬†

Können Sie dazu schon was sagen?

Grunds√§tzlich ist einfach klar, dass wir uns weiter in der Ukraine engagieren wollen. Die Teams vor Ort haben diesen Wunsch sogar besonders stark. Ihnen gilt mein grosser Respekt, und sie wollen wir unterst√ľtzen, so gut wir k√∂nnen. Denn solange sie die Menschen vor Ort unterst√ľtzen wollen, sollten wir das tun. Konflikte beenden k√∂nnen wir nicht. Aber wir k√∂nnen einzelnen Menschen beistehen und ihnen helfen.

 

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