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Reformierte Kirche Baselland

Offener Brief von Regine Kokontis: Im Licht der Wahrheit

von Tilmann Zuber
min
29.12.2025
Mit einem offenen Brief wendet sich Regine Kokontis, Kirchenratspräsidentin der Baselbieter Kirche, ungewöhnlich persönlich an die Öffentlichkeit. Sie zeigt, dass sie im Fall eines sexuellen Missbrauchs für die betroffenen Frauen einsteht und Verantwortung übernimmt.

Ungewöhnliche Post vor Weihnachten: «Mit dem Advent hat eben ein neues Kirchenjahr begonnen. Das führt zuerst weiter in die dunkle Zeit mit kürzeren Tagen und längeren Nächten. Wir zünden Kerzen an, und in ihrem Licht wird manches erst erkannt», schreibt Regine Kokontis im Namen der Reformierten Kirche Baselland. Das sei Weihnachtszeit, erklärt die Kirchenratspräsidentin.

Junge Menschen hatten den Mut, Licht ins Dunkle zu bringen und Grenzverletzungen offenzulegen, die sie in der Kirche erlebt hatten.

Ein offener Brief mit Wirkung

Es ist selten, dass ein offener Brief mit der Bitte um Entschuldigung in der Regionalzeitung wie der «Volksstimme» publiziert wird. Die Stellungnahme bezieht sich auf den Fall eines kirchlichen Mitarbeiters, der vor zehn Jahren Konfirmandinnen dazu brachte, Nacktfotos zu schicken. Im Herbst verhandelte das Baselbieter Strafgericht in Muttenz den Fall und verurteilte den ehemaligen Angestellten zu einer bedingten Strafe und drei Jahren Arbeitsverbot mit Jugendlichen. Inzwischen meldeten sich mindestens zehn weitere betroffene Frauen bei offiziellen Stellen. «Was lange verdrängt werden musste, kann nun ans Licht kommen», sagt Kokontis. Regine Kokontis ist seit einem halben Jahr im Amt der Kirchenratspräsidentin.

Die Kirche nimmt dieses Leid ernst. «Es tut mir so leid, dass ihr solchen Schmerz erfahren habt. Ich bitte um Entschuldigung», wendet sich die Präsidentin an die Betroffenen. Diese Worte verbindet sie mit einem Versprechen: Mitarbeitende und Behörden werden weiter sensibilisiert und geschult, damit heikle Strukturen geändert, Vorkommnisse offen angesprochen und Übergriffe wenn immer möglich verhindert werden.

Innere Konflikte

Ein zentrales Anliegen von Kokontis ist es, dass die Betroffenen Ansprechpersonen haben und das Erlebte so gut wie möglich verarbeiten können. Sie hörte, dass der Schmerz besonders gross ist, weil ihnen die Person in der Rolle als Seelsorger begegnete und über viele Jahr auch so wahrgenommen wurde mit allem Guten dabei und in grossem Vertrauen. Die Erkenntnis, von dieser Person so gezielt ausgenützt worden zu sein, tut enorm weh und löste in den Betroffenen selbst Riesenkonflikte aus. Sie trugen diese zum Teil über Jahre mit. Wussten, dass da etwas ganz und gar nicht stimmte, gleichzeitig konnten sie das Wissen kaum zulassen, weil für sie und für ihr Umfeld ein positives Erleben der Person massgebend war.

 

Der offene Brief von Regine Kokontis in der Zeitung «Volksstimme» vom 11.12.2025.

Der offene Brief von Regine Kokontis in der Zeitung «Volksstimme» vom 11.12.2025.

 

Wie damit umgegangen wird, ist individuell. Einigen tut der Austausch untereinander gut. Andere brauchen vor allem die Gewissheit, mit dem Erlebten nicht allein zu sein. Fachleute begleiten sie in Gesprächen. Der Kirchenrat hat eben einen Betrag für die Direktbetroffenen beschlossen, zum Beispiel für Therapiekosten, die nicht von der Krankenkasse übernommen werden. Die Kirchgemeinde bietet an Versammlungen und offenen Abenden an, explizit auch über diese Grenzverletzungen im Gespräch zu sein. Kokontis betont, wie wichtig es sei, dass die Betroffenen spüren: Ihr Leid wird anerkannt und nicht auf die Schnelle abgehandelt.
Eine klar geäusserte Forderung der Betroffenen ist es, auch in die Prävention bei den jetzigen Kindern und Jugendlichen zu investieren, und sie wünschen, dass für die Opferhilfe gespendet wird.

Aufarbeitung bleibt wichtig

Kokontis betont, wie wichtig Gesprächsschulung ist, damit in den Bewerbungsverfahren und bei Mitarbeitergesprächen die Thematik direkt und respektvoll besprochen werden kann. Sonderprivat- und Strafauszüge werden eingefordert. Mitarbeitende verpflichten sich, berufsethische Standards einzuhalten. Ein neuer Verhaltenskodex ist in Arbeit – der mit konkreten Beispielen heikler Situationen die Selbstreflexion fördert. Absolute Sicherheit gebe es nie, betont Kokontis, aber Verantwortung schon.

Die Aufarbeitung bleibt eine grosse Aufgabe. Speziell bei sexuellem Missbrauch fragten sich die Opfer, warum ihnen so etwas passieren konnte – aber die Mechanismen von Macht und Abhängigkeit erklären, wie das Setting für Missbrauch aufgebaut wird. Die Kirche benennt diese Dynamiken offen und unterstützt die neue Studie der Evangelischen Kirche der Schweiz zu sexuellem und spirituellem Missbrauch. Sie soll zeigen, wie Täter Vertrauen ausnutzen und wie kirchliche Strukturen besser schützen können.

An Weihnachten erinnern Kerzen daran, dass Licht in die Welt kommt – auch in schwere Erfahrungen. Regine Kokontis will im Namen der Reformierten Kirche Baselland an dieses göttliche Licht erinnern, speziell auch für die Betroffenen: Sie anerkennt ihr Leid und hofft, dass sie einen Teil des Belastenden ablegen können: «Wer betroffen ist oder Hilfe sucht, wird ermutigt, sich zu melden. Niemand soll mit diesem Schmerz allein bleiben.»

 

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