«Ostern wagen, bedeutet, über sich hinauswachsen»
Manchmal muss man im wahrsten Sinne des Wortes über sich hinauswachsen, um Dinge erahnen zu können, die unseren Sinnen sonst verschlossen sind. Genau das tut die Evangelisch-reformierte Kirche an Ostern: Sie lässt im Münster über sich hinauswachsen. Um das Wunder der Auferstehung sichtbar zu machen, greift sie auf ein Weltwunder zurück: die hängenden Gärten der Semiramis von Babylon. In vier Trögen in der Vierung des Münsters wird der hängende Garten über den Menschen hinauswachsen und an die biblische Auferstehung erinnern. An jene Bibelstelle, als Maria Magdalena sich in der Frühe zum Grab Jesu begibt und dort vermeintlich den Gärtner antrifft. Erst als dieser ihren Namen nennt, erkennt sie in ihm den auferstandenen Christus.
«Nicht wissen, was man tut»
Kirchenratspräsident und Münsterpfarrer Lukas Kundert ist sich der Aussergewöhnlichkeit des Vorhabens bewusst. «Es ist riskant, was wir uns vorgenommen haben, und noch wissen wir nicht, wie das Ergebnis aussehen wird. Doch wir wagen es.» Auf dem Friedhof am Hörnli ist die Auferstehungsszene dargestellt. Notabene an einem Ort, der mit seinen abgestuften Grabfeldern das Prinzip der Hängenden Gärten andeutet. Im Münster werden vier zylindrische Tröge aus Baugitterstahl mit einer Höhe von 2,5 Metern und einem Durchmesser von 50 Zentimetern je in einer Flucht der Vierung auf unterschiedlichen Niveaus angebracht. Bepflanzt sind sie mit Farn, Efeu, Walderdbeeren, Grünlilien, Veilchen, Narzissen und Silberblatt sowie mit Zweigen ausgeschmückt, wie Mareike Holluba von der Stadtgärtnerei erklärt.
Ökumenisches Zeichen der Verbundenheit
Der Ort in der Vierung wurde bewusst gewählt. Dazu Lukas Kundert: «Dieser Garten von damals steht als Sinnbild für eine neue Welt und ein neues Leben, die mit dieser Welt und diesem Leben verbunden sind, indes himmlisch verändert. Das machen wir sichtbar, indem wir den Garten auf der Höhe des Zentralleuchters anbringen. Dieser ist ein Symbol für das niederschwebende himmlische Jerusalem.»
Ein weiterer verbindender Aspekt liegt in den Weltwundern verborgen. Die Sehenswürdigkeiten faszinierten den ganzen «bewohnten Erdkreis», was mit dem uns bekannten Wort «Ökumene» umschrieben wird.
Während die christlichen Konfessionen bei der Frage des Abendmahls und der Präsenz Jesu getrennte Wege gehen, sind sie sich bei der Auferstehung einig. «Wir wollen uns von Gott die Augen öffnen lassen für die Aspekte unseres Lebens, in denen wir seine himmlische Präsenz hier auf Erden bereits erkennen», so Münsterpfarrer Lukas Kundert. Und so kann das, was im Münster geschieht, als österliches Zeichen unserer Verbundenheit in der Auferstehung verstanden werden.
Zum Bild: Hängende Gärten im Münsterchor sollen an die Auferstehung Jesu erinnern. | Foto Jürgen Schilling | Fotomontage Kirchenbote
Franz Osswald
«Ostern wagen, bedeutet, über sich hinauswachsen»