«Politiker brauchen Vorbilder, die einen auch in Frage stellen»
Herr Morin, Albert Schweitzer war Arzt, Organist und Atomwaffengegner. Sie sind Arzt, Organist und setzen sich gegen Atombomben und Atomkraftwerke ein. Ist das Zufall?
Es gibt da noch eine weitere Gemeinsamkeit. Anfänglich habe ich ein Jahr Theologie studiert und später neben meinem Medizinstudium theologische Seminare besucht. Theologie und Medizin stehen sich nahe. Bei beiden geht es um die Zuwendung zu den Menschen, darum, Not zu lindern, und um Sinnfragen. Vor diesem Hintergrund konnte ich mir den Pfarrberuf vorstellen.
Was fasziniert Sie an der Person Albert Schweitzers?
Mich beeindrucken seine immense Kraft und der Einsatz, den er geleistet hat, als Theologe, Philosoph, Schriftsteller und Mediziner. In der Theologie und Philosophie schrieb er bedeutende Werke. Wie man aus seinen Briefen erfahren kann, war Schweitzer nicht nur Arzt, sondern in Lambarene auch Gärtner, Maurer und Handwerker. Er pflanzte Pflanzen an, sanierte die Hafenmauer, unterhielt eine enorme Korrespondenz und beschaffte Medikamente aus Europa. Täglich spielte er eine Stunde Orgel. Im Alter wurde er noch politisch aktiv im Kampf gegen die Atombombe. Man gewinnt leicht den Eindruck, Schweitzers Tage hätten über 48 Stunde verfügt.
In Ihrer Rede zu den Feierlichkeiten des 100-Jahr-Jubiläums von Lambarene sprachen Sie von der Freiheit, etwas Gutes zu tun. Ohne die Radikalität und Freiheit wäre es Albert Schweitzer nicht möglich gewesen, nach Afrika auszuwandern und sein Spital aufzubauen.
Es gibt auch heute Menschen, die ihre Aufgabe darin sehen, sich für das Wohl von anderen und die Gesellschaft einzusetzen. Nur nicht in der Radikalität eines Albert Schweitzers, Martin Luther Kings oder Mahatma Gandhis.
Dazu braucht es Freiheit.
Und den bewussten Entscheid, sich diese Freiheit zu nehmen. Diesen Entscheid muss man jeden Tag aufs Neue treffen. Das zeigen Schweitzers Briefe auf eindrückliche Weise.
Diese Freiheit bedingt eine Radikalität?
Ja. Ich bin froh um Menschen wie Märchenerzählerin Trudi Gerster, Umweltaktivist Martin Vosseler und alt Nationalrat Hansjörg Weder, die sich nicht in Spielregeln einspannen lassen und uns mit ihrer Radikalität herausfordern. Ein Exekutivpolitiker braucht Vorbilder wie Albert Schweitzer, die einen auch in Frage stellen.
Und zeigen, dass man sich nicht so wichtig nehmen sollte?
Richtig. Ab und zu sollte man einen Schritt zurückgehen und sich Rechenschaft ablegen. Gerade wenn man von einem Termin zum nächsten hetzt, braucht es diesen Freiraum für Selbstreflexion. Ich finde diese im Orgelspiel. Wenn ich im Münster am Montag Orgel spiele, dann bin ich ganz bei mir.
Albert Schweitzer war kein Einzelkämpfer. Er wurde von einem Basler Kreis getragen, zu dem auch die Wirtschaft zählte. Wäre diese Verbindung von Wirtschaft und Karitativität heute ein Modell?
Die damalige Unterstützung der Basler Chemie ist eindrücklich. Arthur Stoll, CEO und Verwaltungsrat der Sandoz, und andere lieferten unzählige Medikamente und medizinisches Material nach Lambarene. Gebraucht wurde vor allem chirurgischer Faden für die Operationen. In seinen Briefen meldete Albert Schweitzer dann zurück, wie gewisse Medikamente gewirkt haben und welche Nebenwirkungen sie haben. Da haben die Unternehmen Sandoz, Ciba und Geigy Enormes geleistet.
Welche Bedeutung hat Schweitzers Ethik von der Ehrfurcht vor dem Leben für Sie?
Für mich bildet dieser ethische Ansatz einen Leitfaden. In ihrer Radikalität ist diese jedoch nicht einfach umzusetzen. Albert Schweitzer weitete die Ehrfurcht weit aus auf die Natur mit all ihren Tieren und Pflanzen.
Ist Albert Schweitzer ein Urvater der grünen Bewegung?
Ja. Gerade in seiner kritischen Haltung gegenüber der Atombombe.
Wäre diese Ethik nicht eine Basis für einen Diskurs über die Werte in der Gesellschaft?
Die Diskussion über Werte, Massstäbe oder Leitlinien hat sich durch die Säkularisierung und Pluralisierung unserer Gesellschaft verändert. Man traut sich weniger, über Werte zu reden. Mir ist es ein Anliegen, dass wir auch auf politischer Ebene verstärkt über Nächstenliebe, Ehrfurcht vor dem Leben und Frieden und Gerechtigkeit reden. Jeder Mensch, jede Politikerin und jeder Politiker, hat seine Grundhaltung. Über diese sollte man einen Diskurs führen, der sich durch Toleranz gegenüber anderen Auffassungen auszeichnet.
Sollten Politiker nicht wertneutral sein?
Sehen Sie, heute Abend halte ich an der «Nacht des Glaubens» eine Rede auf der Bühne. Die Freidenker kritisierten in einem Schreiben, dass ich als Regierungsrat einseitig für christliche Werte hinstehe. Ich verstehe dies anders: Ich stehe zu meinen Werten, die einem christlichen Umfeld entstammen, wie Nächstenliebe, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. Dies ist kein Bekenntnis gegen etwas, sondern für etwas. Diese Werte schliessen niemanden aus.
Auf Grund dieser Werte könnte man über konkrete Probleme diskutieren, etwa über die Asylproblematik.
Man muss nicht weit gehen, um Not Leidenden zu helfen. In Basel leben sieben Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze. Als einer der reichsten Kantone in der Schweiz und eines der reichsten Länder der Welt können wir dies nicht akzeptieren. Wir müssen dies benennen und bekämpfen, auch wenn es keine einfachen Patentlösungen gibt.
Statt über Werte diskutiert man im politischen Alltag zu oft über Kosten und Finanzen.
Und vergisst die Grundlagen, die auch in der Verfassung des Kantons und des Bundes niedergeschrieben sind.
Albert Schweitzer prägte den Satz: Es gibt nicht nur ein Lambarene, jeder kann sein Lambarene haben. Wo liegt Ihr Lambarene?
Hier in Basel. Wie gesagt, sieben Prozent leben unter der Armutsgrenze. Wir haben in Basel Arbeitslose, Sozialhilfeempfänger und 34 Prozent Ausländer, denen man helfen muss, sich hier wohl zu fühlen und sich zu integrieren.
Wie könnte man Menschen ermutigen, ihr Lambarene zu suchen?
Es braucht Beispiele und Vorbilder. Ich erlebe sehr viel Engagement und soziales Bewusstsein, vor allem bei Jugendlichen. Vielleicht geschieht dies nicht mehr in den angestammten Gefässen wie früher.
Was ist das Geheimnis von Albert Schweitzer, dass er heute noch Menschen anspricht?
Albert Schweitzer hat seine Ethik von der Ehrfurcht vor dem Leben nicht nur gepredigt und niedergeschrieben, sondern auch gelebt. Dies ist eindrücklich und bewegt die Menschen bis heute. Schweitzer war jedoch kein Übermensch. In seinen Briefen konnte er auch klagen über die Arbeitsbelastung und das afrikanische Klima.
Tilmann Zuber
«Politiker brauchen Vorbilder, die einen auch in Frage stellen»