Baselland, Basel-Stadt, Luzern, Schaffhausen, Schwyz, Solothurn, Uri, Zug
Zusammenschluss Stadtverband

Reto Dubach: «Es geht um Zukunftsfähigkeit»

von Adriana Di Cesare
min
28.01.2026
Vier reformierte Kirchgemeinden, ein Stadtverband: Nun steht die ernsthafte Prüfung eines Zusammenschlusses zu einer einzigen Kirchgemeinde im Raum. Verbandspräsident Reto Dubach erklärt, weshalb dieser Schritt diskutiert wird.

Reto Dubach, wenn über einen Zusammenschluss der Kirchgemeinden nachgedacht wird, fällt oft der Satz: «Kirche funktioniert heute anders als früher.» Was hat sich verändert?

Früher war die Kirche viel stärker Teil des Alltags. Viele Menschen waren Mitglied, gingen regelmässig in den Gottesdienst, engagierten sich in ihrer Quartierkirche und blieben dieser oft ein Leben lang verbunden. Kirche war quartier- und wohnortsbezogen organisiert und identitätsstiftend. Heute erleben wir eine völlig andere Realität: Biografien sind beweglicher, Bindungen loser, Erwartungen vielfältiger. Menschen wählen Angebote nach Interesse, nicht aufgrund formeller Zugehörigkeit. Darauf müssen wir reagieren.

Heisst das, die bisherigen Strukturen passen nicht mehr zur gelebten Wirklichkeit?

Genau. Dies zeigt sich eindrücklich an den Mitgliederzahlen, welche in den letzten 50 Jahren in den Verbandskirchgemeinden von rund 25‘000 auf weit unter 8000 gesunken sind. Hinzu kommen weniger finanzielle Ressourcen und ein spürbarer Fachkräftemangel. Gleichzeitig erwarten die Menschen von Kirche Flexibilität, Profil und Relevanz. Diese Spannung lässt sich mit den bestehenden Strukturen nur begrenzt auffangen.

Warum führt diese Analyse zur Idee eines Zusammenschlusses der vier Kirchgemeinden?

Weil wir bereits heute in vielen Bereichen zusammenarbeiten – organisatorisch, personell und finanziell. Der Stadtverband bündelt zentrale Aufgaben, während das kirchliche Leben formal auf vier Kirchgemeinden verteilt ist. Diese Doppelstruktur ist aufwendig und nicht immer klar. Ein Zusammenschluss würde das, was heute schon Realität ist, rechtlich und organisatorisch konsequent abbilden und weiterentwickeln.

Was genau verspricht man sich von einer gemeinsamen Kirchgemeinde?

Vor allem mehr Klarheit und Beweglichkeit. Heute haben wir viele Schnittstellen, parallele Zuständigkeiten und einen hohen Koordinationsaufwand. Das bindet Ressourcen, die wir lieber ins kirchliche Leben investieren würden. Eine vereinte Kirchgemeinde erlaubt es, gesamtstädtisch zu planen, Personal flexibler einzusetzen und Verantwortung klar zuzuordnen.

Gleichzeitig gibt es Befürchtungen, dass Nähe und Vertrautheit verloren gehen könnten.

Diese Sorge ist verständlich und berechtigt. Deshalb haben wir im Prozess sogenannte Leitlinien erarbeitet. Sie beschreiben grundlegende Prinzipien dafür, wie die künftige Kirchgemeinde «Schaffhausen-Stadt» organisiert sein soll und was uns im kirchlichen Leben wichtig bleibt. Darin ist ausdrücklich festgehalten, dass ein Zusammenschluss nicht bedeutet, alles zu zentralisieren oder zu vereinheitlichen. Die einzelnen kirchlichen Orte sollen ihren Charakter behalten und ihre Potenziale entwickeln können. Der Unterschied liegt darin, dass sie Teil einer gemeinsamen Organisation sind.

Sie sprechen die kirchlichen Orte an. Welche Rolle spielen sie in Zukunft?

Die Idee ist, dass jeder Ort – sei es eine Kirche oder ein Gemeindezentrum – sein eigenes Profil entwickelt, abgestimmt auf seine Umgebung und die Menschen vor Ort. Nicht überall muss alles stattfinden. Vielfalt entsteht gerade dadurch, dass unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt werden.

Wo steht der Prozess aktuell?

Wir haben im Steuerungsausschuss Grundgedanken zur Gründung verabschiedet und Leitlinien definiert. Auf dieser Basis gehen wir in die Resonanzphase. Parallel dazu wird an einem Gründungsvertrag gearbeitet, der rechtliche und organisatorische Fragen klärt.

Ein Schlüsselbegriff in dieser Phase sind die zwei öffentlichen Resonanzforen im Februar. Was ist deren Ziel?

Diese Anlässe sollen echte Beteiligung ermöglichen. Wir möchten hören, wie Kirchgemeindemitglieder, Mitarbeitende und weitere Interessierte unsere Überlegungen wahrnehmen. Was überzeugt? Wo gibt es Skepsis? Welche Fragen beschäftigen die Menschen? Diese Rückmeldungen sind wichtig für den weiteren Prozess.

Sind diese Anlässe bereits Teil eines Entscheidungsprozesses?

Nein, sie sind bewusst vorgelagert. Es geht nicht darum, ein fertiges Projekt zu präsentieren, sondern darum, zuzuhören. Die Resonanzen fliessen in die weitere Ausarbeitung ein. Erst später wird eine konkrete Vorlage entstehen, über die abgestimmt wird.

Wann fällt diese Entscheidung?

Geplant ist eine Urnenabstimmung im September 2026 gleichzeitig in allen vier Kirchgemeinden. Uns ist wichtig, dass die Kirchgemeindemitglieder sich nur einmal klar und verbindlich äussern müssen. Bis dahin gibt es noch mehrere Zwischenschritte, unter anderem die Delegiertenversammlung und weitere Informationsangebote.

Was geschieht, wenn bei der Urnenabstimmung eine der vier Kirchgemeinden Nein sagt?

Dann kommt der Zusammenschluss nicht zustande. Uns ist wichtig, dass dieser Schritt nur erfolgt, wenn er von allen vier Kirchgemeinden getragen wird. Ein Zusammenschluss gegen den Willen einer Gemeinde wäre weder tragfähig noch kirchlich sinnvoll. In diesem Fall müsste gemeinsam geprüft werden, ob und wie die Zusammenarbeit innerhalb des bestehenden Stadtverbandes optimiert werden kann. Die bisherigen Überlegungen wären damit nicht hinfällig, aber sie würden in eine andere Richtung weiterverfolgt.

Was bedeutet der Prozess für Mitarbeitende und Freiwillige?

Veränderungen bringen auch Verunsicherung. Gleichzeitig eröffnet eine neue Struktur Chancen: für klarere Führungsverhältnisse, für Teamarbeit über Quartiergrenzen hinweg und für attraktivere Stellenprofile. Wichtig ist, dass wir diesen Weg transparent und gemeinsam gehen.

Was ist Ihnen persönlich besonders wichtig?

Ehrlichkeit und Sorgfalt. Ein Zusammenschluss löst nicht alle Probleme. Aber Nichtstun ist keine Option. Mir ist wichtig, dass wir die Zukunft der Kirche aktiv gestalten, respektvoll gegenüber dem Gewachsenen, aber offen für Neues. Es geht nicht um Abbau, sondern um Zukunftsfähigkeit.

 

Öffentliche Resonanzforen im Februar:
Mittwoch, 11. Februar, 18.30 Uhr, HofAckerZentrum Schaffhausen
Mittwoch, 18. Februar, 18.30 Uhr, Saal Steigkirche Schaffhausen

Unsere Empfehlungen