«Sie geben nicht auf»
Zwischen Kilometer 30 und 33 erleidet Khalid Grein eine Krise. Der Körper schmerzt. Jeder Schritt fällt schwer. Khalid Grein beisst auf die Zähne. Er will durchhalten und in Luzern das Ziel dieses Stadtmarathons erreichen. Denn der Mitarbeiter des Hilfswerks der Evangelischen Kirchen der Schweiz rennt nicht für seine Bestmarke. Auf den 42,2 Kilometer sammelt er Geld für syrische Flüchtlinge, die im Libanon in Camps leben. Am Schluss kommen 6000 Franken zusammen.
Seit letztem Jahr arbeitet Khalid Grein für das Hilfswerk der Evangelischen Kirchen der Schweiz. Der Sohn einer deutschen Mutter und eines ägyptischen Vaters ist für den Bereich Nothilfe zuständig. Zuvor war er für andere Werke in Haiti und Pakistan und organisierte die Hilfe in den Erdbebengebieten. In seiner Arbeit begegnet er täglich Leid und Tod. «Man darf sich bei diesen Katastrophen nicht von den Emotionen leiten lassen», erklärt Khalid Grein, auch wenn einem die Schicksale nahegehen.
In den letzten Monaten besuchte Khalid Grein mehrmals das Flüchtlingslager Nahr el Bared im Norden des Libanons. Heks unterstützte dort 841 Familien. Die Lage ist katastrophal. 2,1 Millionen Menschen sind aus Syrien in die Nachbarländer geflüchtet. 900 000 in den Libanon, dessen Bevölkerung 4 Millionen Menschen zählt. Die Bevölkerung ist in den letzten zwei Jahren um ein Viertel gewachsen. Viele der Flüchtlinge sind bei Verwandten untergekommen. Der Wohnraum ist äusserst knapp und teuer. Ein kleines Zimmer kostet bald einmal 300 US-Dollar. Oftmals hausen zehn Leute in einer solchen Absteige. Entsprechend nehmen die Spannungen im Lager zu. Der Konflikt aus Syrien hat sich auch in den Libanon verlagert. Khalid Grein wurde dies bewusst, als wieder einmal eine Bombe detonierte und Menschen in den Tod riss. Im Oktober wurde die Arbeit in Nahr el Bared eingestellt. «Die Lage war für die Hilfsorganisationen zu gefährlich geworden», erklärt Khalid Grein.
20'000 Flüchtlinge auf einen Quadratkilometer
Die Hilfe von Heks konzentriert sich nun auf das Flüchtlingslager Shatilja in Beirut. Die Lebensbedingungen sind auch dort äusserst prekär. 20'000 Menschen leben zusammengedrängt in ärmlichsten Verhältnissen auf einem Quadratkilometer. Die libanesische Regierung verhindert, dass sich die Lager ausbreiten. Trotzdem stossen täglich neue Flüchtlinge hinzu, die im Gewirr aus engen, muffigen Gassen, Wasserleitungen und Stromkabeln, die kreuz und quer verlegt wurden, ein Dach über dem Kopf suchen. 80 Prozent von ihnen sind palästinensische Familien, die im Libanon einen schlechteren Status als syrische Flüchtlinge haben. Heks verteilt Lebensmittelgutscheine im Wert von 100 Dollar an fünfhundert besonders bedürftige Familien.
Durch den bevorstehenden Wintereinbruch wird die Situation bedrohlich. Die meisten Häuser haben keine Heizung. Im Mittelmeerland regnet es und die Temperaturen sinken im Winter rasch einmal unter den Gefrierpunkt. Heks verteilt den Menschen warme Decken, Öfen sowie einen monatlichen Zuschuss für das Heizöl.
«Sie haben Schlimmes erlebt und geben doch nicht auf.»
Am meisten beeindruckt Khalid Grein der Überlebenswille der Familien. Ihre Frauen werden vergewaltigt, ihre Männer ermordet, trotzdem feierten die Familien ausgelassene Hochzeiten, an denen auch gelacht werde. Für Khalid Grein sind die Flüchtlinge ein Vorbild. «Sie haben Schlimmes erlebt und geben nicht auf.» Diesen Glauben an ein Morgen hat Grein in den verschiedensten Katastrophengebieten erlebt.
Zum Bild: Khalid Grein sammelte am Luzerner Stadtmarathon Geld für syrische Flüchtlinge. | zvg
Tilmann Zuber
«Sie geben nicht auf»