Soll Satire alles sollen?
Einhellig verurteilten die Kirchenleitungen und Vertreter muslimischer Gemeinschaften die Attentate auf «Charlie Hebdo» als feige Angriffe auf die Meinungsfreiheit und Menschenwürde. Doch mit dem Angriff auf das Satiremagazin ist in Europa eine Blasphemie-Diskussion über Religionen in Gang gekommen. In der Schweiz fordern die Freidenker die Abschaffung von Artikel 261 im Strafgesetzbuch, der das Verspotten des Glaubens verbietet.
«Satire darf alles», meinte der Schriftsteller und Journalist Kurt Tucholsky vor fast hundert Jahren. Er definierte damit die Eckdaten einer freien Gesellschaft. Seither zieht ein Heer an Karikaturisten und Künstlern mit spitzer Feder und Kamera über Politik und Gesellschaft her. Gerne zielen sie dabei auf die Religionen, manchmal deftig, beleidigend und unter der Gürtellinie. Sie nehmen kein Blatt vor den Mund. Mit Recht wird dies als Ausdruck einer freien Gesellschaft gedeutet.
«Wer meine Mutter beleidigt, muss mit der Faust rechnen»
Doch darf Satire alles? Nein, erklärte Papst Franziskus vor kurzem gegenüber einem Journalisten auf dem Flug nach Manila. Religiöse Gewalt lehnt der Papst ab. Doch dann gibt sich der Heilige Vater gar nicht so heilig: «Wer meine Mutter beschimpft, der muss mit einer Faust rechnen.» Man dürfe den Glauben anderer nicht provozieren oder beleidigen, so der Pontifex.
In die gleiche Richtung argumentiert der Religionswissenschafter Christoph Baumann. Über Humor und Religion hat Baumann ein gleichnamiges Buch verfasst. Auch er steht für Meinungsfreiheit ein, gibt aber zu bedenken, dass diese nicht mit der Beleidigungsfreiheit verwechselt werden dürfe. Weil die Grenze zwischen «bissig» und «verletzend» in allen Kulturen verschieden und fliessend sei, brauche es auch Respekt.
Pierre Bühler, Professor für Systemische Theologie an der Theologischen Fakultät Zürich, sieht in den «Karikaturen eine heilsame Anfechtung». Die Karikaturen geben den Religionen die Möglichkeit, sich selbstkritisch zu betrachten und Abstand von sich selbst zu nehmen. Sie helfen zu erkennen, wo die Probleme liegen und wie mit ihnen umzugehen zu sei. «Karikaturen sind dann am tiefgründigsten, wenn sie die Spannung zwischen den sterblichen Menschen und dem transzendenten, ewigen Gott aufgreifen.» Doch Bühler räumt ein, dass die Grenze, wo eine Karikatur noch selbstkritisch und wo sie beleidigend sei, schwierig auszumachen sei.
Karikaturen begleiteten die Kirchengeschichte
Karikaturen spielten in der Geschichte des Christentums eine grosse Rolle: Schon eine der ersten Kreuzdarstellungen aus dem 3. Jahrhundert zeigt den gekreuzigten Christus als Esel am Kreuz. Darunter in Latein: «Alexamenos betet seinen Gott an.»
Gefördert vom Humanismus und neu erfundenen Buchdruck werden im 15. Jahrhundert der Klerus und die Kirche zur Vorlage in bitterbösen Karikaturen. Während der Reformation spotteten die Protestanten auf Zeichnungen über das Papsttum. Und umgekehrt die Katholiken über die frevlerischen Protestanten. Luther wird als Teufel gebrandmarkt und der Papst als Esel und Hure verhöhnt. Unbarmherzig verbreiten die Konfessionen so Feindbilder und bereiten den Nährboden für die späteren Religionskriege vor.
Mit der Aufklärung richtet sich die spitze Feder unter dem Einfluss der antiklerikalen Bewegung gegen die Institution der Kirche, später gegen die Religion und den christlichen Glauben. Im 20. Jahrhundert erregte der «Christus mit der Gasmaske» von Georg Grosz oder Achternbuschs Film «Das Gespenst» mit einem Gekreuzigten, der vom Kreuz stieg und im Nachthemd umherwandelte, den Protest der Gläubigen. Heute lösen solche Angriffe bei den Kirchenmitgliedern höchstens ein ratloses Schulterzucken aus. Der Protest der Kirchen verhallt ungehört.
Für die ehemalige Bischöfin Margot Kässmann kann letzthin keine Karikatur das christliche Gottesbild beleidigen, weil die schlimmste Karikatur schon stattgefunden hat. «Nämlich als Gott selbst, so glauben wir, gekreuzigt wurde unter dem ironischen Schild: INRI Jesus von Nazareth, König der Juden.», schreibt Kässmann in der «Bild».
Zum Bild: Karikaturen in der Reformation: Luther wird zum Teufel.
Tilmann Zuber
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