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Sozialhilfe

Starkes Zeichen der Zivilgesellschaft mitten in Rom

von Constanze Broelemann/reformiert.info
min
25.08.2026
In Rom wurde eines der grössten besetzen Gebäude geräumt. «Spin Time» galt als ein soziales Zentrum und Hort für die Ärmsten. Auch die Kirchen unterstützen das Projekt.

Über dem Eingang hängt ein weisses Banner. «Un nuovo mondo è già possibile e necessario» steht darauf: «Eine neue Welt ist bereits möglich und notwendig.»

Die Worte prangen über dem roten Gittertor, das den Eingang zu einem grossen Gebäude an der Via Santa Croce di Gerusalemme im römischen Quartier Esquilino versperrt. Dahinter liegt «Spin Time» – einst ein besetzter Bürokomplex, später ein soziales Zentrum, Wohnort für Hunderte Menschen und Treffpunkt für zahlreiche soziale Organisationen.

Nun stehen vor dem Gebäude Zelte und Klappbetten. Nur wenige Meter entfernt, erhebt sich die Basilika Santa Maria Maggiore, eine der wichtigsten Kirchen Roms und gleichzeitig Touristenmagnet.

Die vierspurige Strasse vor dem Spin Time ist für den Verkehr gesperrt. Mitarbeitende des italienischen Zivilschutzes, der Protezione Civile, verteilen Essen und Trinkwasser und ermöglichen den Menschen, sich zu waschen. Kinder spielen auf dem Asphalt, Erwachsene sitzen auf Bierbänken und reden. Andere liegen auf provisorisch aufgestellten Betten und versuchen, mitten auf der Strasse etwas Ruhe zu finden. Die meisten haben ihre Habseligkeiten in Campingzelten verstaut. Ventilatoren laufen gegen die Hitze an.

Es ist ein ungewöhnliches Bild mitten in Rom – und für die Bewohnerinnen und für Bewohner des Spin Time seit nunmehr 14 Tagen Alltag.

«Jetzt ist Spin Time auf der Strasse»

Die gebürtige Bulgarin Ludmilla, die hier alle nur «Milla» nennen, schmust mit ihrem Kanarienvogel. Der Vogel sitzt in einem Käfig neben ihr auf dem Asphalt. Wie rund 400 weitere Menschen lebte Milla in den vergangenen 13 Jahren im Spin Time. Seit der Räumung hat sie kein Zuhause mehr.

Auslöser war ein Brand in der Nacht vom 29. auf den 30. Juli. Das Feuer brach in einem technischen Bereich des Gebäudes aus und konnte rasch gelöscht werden. Die Feuerwehr evakuierte den Komplex. Anschliessend wurde das Gebäude unter gerichtliche Beschlagnahmung gestellt und die Bewohner durften nicht mehr zurück.

 

Donatella (links) ist Mitgründerin der sozialen Bewegung «Azione», die mit Protesten immer wieder auf die Wohnungsnot in Rom aufmerksam macht. Auch sie lebt seit der Räumung auf der Strasse. | Foto: Francesco Pistilli

Donatella (links) ist Mitgründerin der sozialen Bewegung «Azione», die mit Protesten immer wieder auf die Wohnungsnot in Rom aufmerksam macht. Auch sie lebt seit der Räumung auf der Strasse. | Foto: Francesco Pistilli

 

Am Eingang klebt inzwischen ein offizielles Papier: «Immobile sottoposto a sequestro preventivo e probatorio» – die Immobilie steht unter präventiver und beweissichernder Beschlagnahmung. Polizisten sichern das Gebäude.

Bezahlbarer Wohnraum ist in Rom knapp. Für Menschen ohne gesichertes Einkommen ist die Suche nach einer Wohnung nahezu unmöglich. Die Kluft zwischen Arm und Reich könnte in der Hauptstadt Italiens kaum größer sein. 12,7 % der Menschen leben unter der Armutsgrenze.

Wer auf eine Sozialwohnung hofft, wartet mit über 18'600 anderen – einige davon seit über einem Jahrzehnt. Gleichzeitig stehen etwa 200'000 Wohnungen leer. Ein bitterer Widerspruch in einer Stadt, in der 23'420 Menschen keinen festen Wohnsitz haben und sich in illegalen Behausungen gegen die Kälte und die Unsicherheit des Lebens am Rand der Gesellschaft behaupten müssen.

«Wie kann das sein?»

Das weiss auch Donatella aus eigener Erfahrung. Die 56-Jährige sitzt an einem Campingtisch mit drei anderen Frauen auf der Via Santa Croce. Sie ist Mitgründerin der sozialen Bewegung «Azione», die mit Protesten immer wieder auf die Wohnungsnot in Rom aufmerksam macht. Auch sie lebt seit der Räumung auf der Strasse. Vor 13 Jahren besetzte sie mit «Azione» den leerstehenden ehemaligen Bürokomplex. «Ich führte Listen mit Menschen, die auf Wohnraum warten: Alleinerziehende, Schwangere, Alte, der Bedarf war riesig.» Viele hätten keine Arbeit oder verdienten ihr Geld mit Gelegenheits- und Schwarzarbeit.

Drei Kinder hat Donatella unterdessen allein grossgezogen. Auf die Frage nach ihrem Beruf antwortet sie knapp: «Arbeiterin.»

Ihre Wut auf die öffentliche Hand ist gross. Das Gebäude gehörte ursprünglich einer staatlichen Rentenkasse und wurde an die private Investmentgesellschaft Investire SGR verkauft. Der Bau eines Luxushotels ist angedacht. «Wie kann das sein, wenn es überall an sozialem Wohnraum für die Menschen der Stadt fehlt?», fragt Donatella.

Die drei anderen Frauen am Tisch nicken energisch. Dann kommt jemand von der Stadt vorbei und verteilt Wassermelonen.

Für einen Moment ist die Wut überlagert von etwas anderem: von der alltäglichen Solidarität, die Spin Time über Jahre geprägt hat.

Mehr als ein Dach über dem Kopf

«Jetzt ist Spin Time auf der Strasse», sagt Emilio dell’Amico. Der 18-jährige Schüler ist einer von vielen Freiwilligen, die hierhergekommen sind, um die Menschen zu unterstützen. «Spin Time war ein soziales Zentrum mitten in einer Stadt. Hier hatten wir auch einen Versammlungsraum der Schule und der Universität Sapienzia.»

Denn Spin Time war nie nur ein Ort zum Wohnen.

 

Der 18-jährige Emilio dell’Amico ist einer von vielen Freiwilligen, die hierhergekommen sind, um die Menschen zu unterstützen.  | Foto: Francesco Pistilli

Der 18-jährige Emilio dell’Amico ist einer von vielen Freiwilligen, die hierhergekommen sind, um die Menschen zu unterstützen.  | Foto: Francesco Pistilli

 

Der ehemalige Bürokomplex beherbergte zahlreiche soziale und kulturelle Projekte: eine Foodbank, die Osteria, die von unter 30-Jährigen geführte Zeitung «Scomodo», die NGO Mediterranea, die sich für die zivile Seenotrettung engagiert, Hausaufgabenhilfe für Kinder, Beratungsangebote und einen Sitz der Gewerkschaft CGIL, der Confederazione Generale Italiana del Lavoro.

Dazu kamen weitere Initiativen und Räume für Kultur und Begegnung. Spin Time war damit zu einer Art eigenständiger sozialer Infrastruktur geworden – nicht nur für die Menschen, die dort wohnten, sondern auch für das umliegende Quartier. Und das in einer Stadt, die zunehmend Spekulanten und der fortschreitenden Gentrifizierung überlassen wird.

«Unsere ganze Gemeinschaft ist durch die Räumung zerstört worden», sagt Emilio.

Die Bewohnerinnen und Bewohner hätten sich vieles selbst aufgebaut, weil die Stadt nicht genügend soziale Orte und Wohnraum zur Verfügung stelle. Und genau darin liegt für die Unterstützer von Spin Time der Kern des Konflikts: Für die einen ist das Gebäude eine illegale Besetzung. Für die anderen ist es ein Beispiel dafür, wie eine Gemeinschaft dort Strukturen geschaffen hat, wo der Staat untätig blieb.

Die Kirche stellt sich hinter die Bewohner

Auf dem Gelände ist in diesen Tagen auch Don Mattia Ferrari. Der 37-jährige katholische Priester ist seit 2019 Geistlicher auf den Schiffen der italienischen Rettungsorganisation Mediterranea – Saving Humans. Sein Büro als Koordinator des «World Meeting of Popular Movements» befand sich ebenfalls im Spin Time.

Das «World Meeting of Popular Movements» geht auf eine Initiative von Papst Franziskus zurück. Es soll Vertreterinnen und Vertreter der katholischen Kirche mit Basisorganisationen zusammenbringen, die sich für soziale, wirtschaftliche und ethnische Gerechtigkeit einsetzen.

 

«Die Menschen hier im Spin Time lebten in Solidarität miteinander.» Deshalb könne man die Besetzung des Hauses nicht einfach als illegalen Akt betrachten, sagt der 37-jährige Priester Don Mattia Ferrari. | Foto: Francesco Pistilli

«Die Menschen hier im Spin Time lebten in Solidarität miteinander.» Deshalb könne man die Besetzung des Hauses nicht einfach als illegalen Akt betrachten, sagt der 37-jährige Priester Don Mattia Ferrari. | Foto: Francesco Pistilli

 

Ferrari erklärt die Verbindung zwischen der Arbeit der Rettungsorganisation und der Geschichte von Spin Time. Beide seien aus sozialen Bewegungen entstanden, die sich mit Menschen beschäftigten, die an den Rand der Gesellschaft gedrängt würden. «Die Menschen hier im Spin Time lebten in Solidarität miteinander», sagt Ferrari. Deshalb könne man die Besetzung des Hauses nicht einfach als illegalen Akt betrachten. Für ihn ist sie auch eine Form zivilen Ungehorsams – einen Versuch, sich für Menschen einzusetzen, die sonst kaum eine Stimme hätten.

Die Bewohner hätten die Stadt Rom mehrfach aufgefordert, das Gebäude zu kaufen und damit eine Legalisierung der Wohnsituation zu ermöglichen, berichtet Ferrari. Roberto Gualtieri, Bürgermeister von Rom, hatte sich dann auch bemüht, eine Lösung mit den Eigentümern zu finden. Bis jetzt ohne Erfolg.

Auch die römische katholische Kirche hat sich inzwischen öffentlich zu Wort gemeldet. Kardinal Baldo Reina, Generalvikar der Diözese Rom, warnte davor, die Auseinandersetzung lediglich auf die Frage einer Hausbesetzung zu reduzieren. Wenn Menschen kein Dach über dem Kopf hätten, könne die Kirche nicht einfach zusehen.

Zwischen Legalität und sozialer Not

Der Konflikt ist um das Spin Time ist einer der ältesten in der Stadt Rom. 2013 von der Hausbesetzerbewegung übernommen, entwickelte sich über Jahre ein weit verzweigtes soziales und kulturelles Zentrum. Gleichzeitig blieb die rechtliche Situation ungeklärt.

Für die italienische Regierung ist Spin Time zudem Teil eines grösseren politischen Konflikts um besetzte Gebäude. Die Regierung von Giorgia Meloni verfolgt eine härtere Linie gegenüber derartigen Besetzungen. Kritiker wiederum werfen ihr vor, soziale Probleme mit polizeilichen Mitteln lösen zu wollen.

 

«Eine neue Welt ist bereits möglich und notwendig.» Die Worte prangen über dem roten Gittertor, das den Eingang zu einem grossen Gebäude an der Via Santa Croce di Gerusalemme im römischen Quartier Esquilino versperrt. | Foto: Francesco Pistilli

«Eine neue Welt ist bereits möglich und notwendig.» Die Worte prangen über dem roten Gittertor, das den Eingang zu einem grossen Gebäude an der Via Santa Croce di Gerusalemme im römischen Quartier Esquilino versperrt. | Foto: Francesco Pistilli

 

Für die Menschen vor dem roten Tor ist diese politische Debatte sehr konkret. Sie schlafen auf der Strasse. Einige der besonders verletzlichen Menschen konnten vorübergehend untergebracht werden; viele andere blieben zunächst im improvisierten Camp vor dem Gebäude. Nach und nach werden die Menschen in Behausungen über die ganze Stadt verteilt. Auch die waldensische Kirche wurde angefragt, ob sie Räumlichkeiten habe. Bis Redaktionsschluss gab es keine Antwort dazu.

Weil es die Stadt nicht leisten kann

Vielleicht ist das die eigentliche Geschichte von Spin Time. Nicht nur die Geschichte einer Hausbesetzung und ihrer Räumung. Sondern die Geschichte einer Stadt, in der Menschen sich ihren eigenen sozialen Ort geschaffen haben, weil sie auf dem offiziellen Wohnungsmarkt keinen Platz finden. «Man organisiert sich hier selbst, weil die Stadt es nicht leisten kann», sagt der Schüler Emiliano.

Er stellt sich die Frage, was mit einer solchen Gemeinschaft passiert, wenn das Gebäude verschwindet. «Wir haben in unserer westlichen Welt viele Rechte für das Individuum, aber wer schützt die Rechte von Gemeinschaften?», mahnt Priester Don Mattia. In einer Gesellschaft die zunehmend unter Einsamkeit und sozialer Not leidet, eine wichtige Frage.

 

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