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Mit Liebe, Sex und Partnerschaft assoziert man landläufig die Generation der Teenager oder Zwanzig- bis Dreissigjährigen. Doch weit gefehlt. Wandelt heute Amor auf Erden, so schaut er nach den Clubs und Diskotheken auch in den Altersheimen vorbei. Denn dort wartet eine wachsende Klientel auf seine Pfeile.
Die grössten Veränderungen im Bereich Partnerschaft fanden in den letzten Jahren jenseits der Pensionsgrenze statt. Das zeigen schon die Statistiken: Mit der zunehmenden Lebenserwartung verändert sich der Lebensabend. Hatten im Jahr 1980 dreissig Prozent der 85- bis 89-jährigen Männer eine Partnerbeziehung, so stieg diese Zahl 2010 auf 62 Prozent.
Ähnlich sieht es bei den Frauen aus. 1980 pflegten 9 Prozent aus dieser Altersgruppe eine Paarbeziehung. 2010 lebten 18 Prozent mit einem Mann zusammen, sei es mit oder ohne Eheversprechen. Entsprechend muss das Bild von der Witwe im einsamen Kämmerlein oder des verschrobenen Rentners revidiert werden. Viele der Betagten sind gut vernetzt und aktiv. «Einsamkeit im Alter existiert, ist aber weniger häufig als vermutet», erklärt François Höpflinger, Professor am Institut für Soziologie der Universität Zürich.
Themen wie Partnerschaft und Zusammenleben haben in den letzten Jahrzehnten in der Grosseltern-Generation einen neuen Stellenwert erhalten. Stehen nach der Pensionierung nicht mehr die Arbeit und der Nachwuchs an erster Stelle, so rückt die Beziehung in den Vordergrund. Man will die gemeinsame Lebenszeit noch geniessen, solange man zusammen ist und die Gesundheit dies zulässt.
Mit 70 Jahren
Schmetterlinge im Bauch
Die festgefügten Normen und Bilder vom Alter sind ins Wanken geraten. Das Leben jenseits der Pension verspricht Freiheit, sei es beim Reisen, in der Freizeit oder Partnerschaft. Manch eine Tochter staunt, wenn ihre 70jährige Mutter plötzlich mit leuchtenden Augen von der neuesten Bekanntschaft und den Schmetterlingen im Bauch berichtet.
Die Generation der Grosseltern hat die vorgegebenen Wege längst verlassen. Sie lassen sich von den Moralvorstellungen, die sie ihren Töchtern predigten, nicht mehr leiten: Manche ziehen zusammen, Einzelne heiraten, während andere Paare ihre jeweilige Wohnung behalten und ein Paar werden.
Auch in den Altersheimen spielen Partnerschaften eine grosse Rolle, erklärt die Psychogerontologin Cristina Camichel. Bei ihren Besuchen stellt sie fest, wie viele der Betagten, wenn sie ins Heim eintreten, sich auf neue Beziehungen einlassen. «Das ist gut, denn den Leuten geht es im Alltag oftmals so besser und sie sind glücklicher», erzählt Cristina Camichel. Sie hat beispielsweise erlebt, wie ein Mann seine Partnerin nach einem Schlaganfall motivierte, sich nochmals aufzuraffen, um «mobiler» zu werden.
Andererseits ist in den letzten Jahren die Zahl der Scheidungen von langjährigen Ehen stark gestiegen. Sind die Kinder aus dem Haus, wollen manche nicht länger in einer unglücklichen Beziehung ausharren und trennen sich. AHV und Pensionskasse sichern diesen Schritt finanziell ab.
In Sachen Erotik und Sexualität sind die Betagten heute aktiver als noch ihre Eltern oder Grosseltern. Selbst wenn Alterssexualität nach wie vor tabuisiert wird, zeigt eine Untersuchung der Universität Zürich, dass mehr als die Hälfte der Männer und ein Drittel der Frauen nach ihrem 70. Geburtstag Geschlechtsverkehr haben. Cristina Camichel weiss, dass sich bei vielen die «Qualität der körperlichen Beziehung im Alter verändert» und Vertrautheit, Nähe, Verständnis, Zärtlichkeit oder Kameradschaft an Bedeutung gewinnen.
Bitte nicht stören!
Für die Altersheime und Pflegeheime bedeutet die neue, alte Lust eine Umstellung. Cristina Camichel erinnert sich, wie in den siebziger Jahren in der Pflege im Zürcher Oberland Bewohner auf andere Stockwerke verlegt wurden, da man befürchtete, sie könnten intim werden. Wenn sich ein Paar treffen wollte, so geschah dies heimlich in der nächsten grösseren Stadt. Damit niemand Verdacht schöpfte, stiegen die Verliebten in zwei verschiedene Busse. «Solche Zeiten sind gottlob vorbei», stellt Cristina Camichel fest.
Heute können Paare in «gut geführten» Alters- und Pflegeheimen zusammen kommen. Das Schild «Bitte nicht stören!» an der Türe schützt sie vor ungewollten Überraschungen, obschon dann alle mitbekommen, dass «da was hinter der Türe geschieht». Bei gleichgeschlechtlichen Paaren gebe es jedoch bis heute Vorbehalte. Da sei die Toleranz nicht so gross, sagt Cristina Camichel.
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Tilmann Zuber
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