Theologische Vorlesungen für Nichttheologen: Welche Lieder?
Wer in BaselStadt die Primarschule besucht hat und zwischen 1950 bis 1980 geboren wurde, kennt das Gesangbuch «Alles singt und springt». Bald beginnen die Melodien wieder zu klingen, die man aus der Zeit der Kindheit kennt: «Nun will der Lenz uns grüssen, von Mittag weht es lau». Die Liedersammlung ist in sogenannte Stoffgruppen gegliedert und enthält Kinderlieder, Lieder über Natur und Jahreszeiten, Handwerk und Arbeit, Sitten und Bräuche, und im Vorwort wird erläutert: «Da und dort klingt auch das Ewige an.» Tatsächlich sind einige dieser Stoffgruppen der religiösen Tradition und dem Kirchenlied gewidmet. Sie heissen: «Lob Gottes», «Religiöse Feiern», «Besinnliches».
Hintergründige Lieder
Auch in den anderen Stoffgruppen finden sich viele Lieder mit religiösen Inhalten. Ganz selbstverständlich gehen diese Liedtexte mit biblischen Motiven und christlichen Glaubensvorstellungen um. So heisst es beispielsweise im Lied der Nachtwächter: «Hört, ihr Herrn, und lasst euch sagen: Unsre Glock hat vier geschlagen! Vierfach ist das Ackerfeld; Mensch wie ist dein Herz bestellt.» Angespielt wird hier auf das Gleichnis vom Sämann (Markusevangelium 4, 19). Bisweilen sind die biblischen Bezüge verborgen: Das bekannte Frühlingslied «Roti Reesli im Garte» rezipiert das Motiv des vergänglichen Grases aus Psalm 103. Wer dies weiss, erkennt den hintergründigen Sinn des vordergründig harmlosen Kinderliedes.
1987 wurde das «Alles singt und springt» in Basel abgelöst durch «sLiederköfferli». Sein Erscheinungsbild und die Liedauswahl passen besser in unsere Gegenwart. Noch immer sind etliche religiöse Lieder enthalten. Die Verfasser modifizierten die Liedersammlung und bewahrten doch einen Drittel des traditionellen Liedgutes.
Diese Kontinuität fehlt in der 2011 erschienenen Auflage des Schweizer Singbuches für die Unterstufe: Bei den Weihnachtsliedern sucht man «O, du fröhliche» und «Stille Nacht» vergebens. Unter dem Titel «Fast Vergessenes» finden sich die Lieder: «Weisst du wieviel Sternlein stehen» und die ersten Strophen von «Der Mond ist aufgegangen». Was man als Abbruch der christlichen Tradition in der Gegenwart bezeichnet, wird im Vergleich dieser Liedersammlungen deutlich: Fast Vergessenes oder schon ganz Vergessenes?! Man mag diese Entwicklungen hin zur Säkularisierung der Gesellschaft beklagen oder begrüssen. Man wird sie mit Vorteil schlicht wahrnehmen und ernst nehmen müssen: Die Dinge verändern sich.
Für die Arbeit im Unipfarramt ergab sich aus dieser Wahrnehmung eine wesentliche Erkenntnis: Den heute Älteren wurde in der Primarschule beispielsweise in Liedern nicht wenig Wissen um biblische Geschichten, christliche Vorstellungen und Gebräuche ganz selbstverständlich und beiläufig vermittelt. Dieses Wissen kann bei Studierenden heute nicht mehr vorausgesetzt werden. Im Auftrag der Theologischen Fakultät der Universität Basel und ermöglicht durch die reformierten Kirchen Basel-Land und Basel-Stadt finden deshalb regelmässig Lehrveranstaltungen für Studierende verschiedener Studienrichtungen zu Themen wie: «Einführung in die Bibel», «Basiswissen Christentum» und «Glaubensvorstellungen des Christentums» statt. Sie sind keine Glaubenskurse, aber sie vermitteln Wissen über das Christentum, das heute zum Teil aus genannten Gründen nicht mehr vorhanden ist.
Vorlesung
Ab Donnerstag, 19. September, wöchentlich um 10.15 Uhr im Hörsaal 115 für Studierende aller Fachrichtungen.
Zum Bild: Lieder mit christlichem Inhalt wie «Morgenlied eines Bauersmanns» sind im aktuellen Gesangbuch kaum mehr zu finden.
Wissen über Glauben und Brauchtum gehen so verloren. | zvg
Luzius Müller
Theologische Vorlesungen für Nichttheologen: Welche Lieder?