Traumabewältigung: «Das Erlebte geht nicht einfach weg»
Im Kompetenzzentrum Psy4Asyl werden ausschliesslich geflüchtete Menschen therapeutisch begleitet. Mit welchen psychischen Beschwerden melden sich Ihre Klientinnen und Klienten?
Zu uns kommen Menschen, die unter Schmerzen leiden, für die es aber oft keine körperliche Ursache gibt. Fast alle haben massive Schlafprobleme und werden von Alpträumen geplagt. Auch tagsüber drängen sich Bilder von schlimmen Erlebnissen auf, sogenannte Flashbacks. Das führt dazu, dass die Betroffenen sich immer mehr zurückziehen oder Situation vermeiden, die sie an eine traumatische Situation erinnern könnte. Viele können sich nicht gut konzentrieren, sind unruhig und ständig im Alarmzustand. Eine Mehrzahl zeigt zudem depressive Symptome wie Niedergeschlagenheit und Selbstwertprobleme. Auch Ängste sind verbreitet.
Ab wann spricht man von einem Trauma?
Das Wort Trauma bedeutet eigentlich Verletzung. Eine Verletzung, die Wunden hinterlässt, die man auf den ersten Blick vielleicht nicht sieht. Ursache ist ein Ereignis, das die psychischen und körperlichen Bewältigungsmöglichkeiten eines Menschen massiv überfordert. Wenn ein Mensch eine extreme Bedrohung erlebt oder beobachtet, sich dabei hilflos und lebensbedrohlich gefährdet fühlt, kann es zu einem psychischen Trauma führen. Entscheidend ist also vor allem wie das Ereignis subjektiv erlebt wurde.
Welche Traumata begegnen Ihnen am häufigsten?
Geflüchtete Menschen tragen oft mehrere Schichten von Traumata in sich: das, was sie im Herkunftsland erlebt haben; das auf der Flucht Geschehene und das, was sie hier im Aufnahmeland erleben. Laut einer Studie der NGO Save the Children erleben geflüchtete Kinder und Frauen unterwegs bis zu sechs weitere traumatisierende Ereignisse: Hunger, Meeresüberquerungen mit Todesangst, Ausbeutung, Bedrohung, gewalttätige Pushback-Praktiken von Grenzwächtern. Sie wollten der Gewalt entfliehen und erfuhren auf der Suche nach Schutz schlimmste Gewalt.

Sara Michalik ist Psychotherapeutin FSP und Gründerin von Psy4Asyl, einer gemeinnützigen Fachstelle für psychische Gesundheit im Flüchtlingsbereich im Kanton Aargau. Psy4Asyl bietet Therapien, Weiterbildungen für Fachpersonen und niederschwellige, aufsuchende Angebote für Geflüchtete an und wurde 2016 gegründet.
Wie kommt es zu Traumatisierungen im Aufnahmeland?
Viele Geflüchtete leben über lange Zeit in Unsicherheit und Angst vor Wegweisung wegen den lange Asylverfahren. Eine ehemals angesehene Lehrerin oder ein Unternehmer erlebt sich plötzlich als abhängig und machtlos, als «niemand». Das kann Scham, Depressionen und Identitätskrisen auslösen. Viele erleben Einsamkeit durch die Sprachbarrieren und kulturelle Entwurzelung. Hinzu kommt, dass die Unterkünfte wenig Raum für Privatsphäre lassen, viele Asylsuchende wohnen auf engem Raum zusammen. So eng, dass man auch das Leben anderer hautnah miterlebt. Man hört Menschen weinen, Polizisten tauchen auf, man erlebt Zwangsausschaffungen mit. Das kann traumatisierend sein.
Was sind die Folgen von einem Trauma?
Etwas Entscheidendes bei Traumafolge-Reaktionen ist, dass das Gehirn nicht unterscheiden kann, was in der Vergangenheit geschehen ist und was jetzt passiert. Die Erinnerungen können so stark sein, als würde man das Schlimmste gerade wiedererleben. Der Körper reagiert so, als wäre die Bedrohung jetzt real: Herzrasen, beschleunigte Atmung oder auch Erstarrung, der Körper ist wie gelähmt.
Können Sie das an einem konkreten Beispiel aus Ihrer Praxis zeigen?
Zu mir in die Therapie kam eine junge Frau aus Eritrea, die eine Ausbildung zur Fachfrau Gesundheit machte und recht stabil war. Eines Tages erlebte sie auf der Heimfahrt von der Arbeit im Bus ein Flashback: Ein Mann roch wie der Täter, der ihr vor Jahren sexuelle Gewalt angetan hatte. Ihr Körper reagierte sofort, alles fühlte sich genauso an wie damals. Wer nicht versteht, was da gerade passiert, erlebt totale Hilflosigkeit und grosse Angst. Dank Therapie und Stabilisierungstechniken konnte die Frau das einordnen. Aber ohne dieses Wissen ist man dem ausgeliefert und erlebt unter Umständen die schlimmsten Erlebnisse innerlich immer wieder.
Laut Studien werden Traumata an die nächste Generation weitergegeben, bereits dem ungeborenen Kind.
Ja, einige Studien deuten darauf hin, dass Stress- und Überlebensmuster über Generationen hinweg weitergegeben werden können, etwa in Form einer erhöhten Alarmbereitschaft oder eines starken Sicherheitsbedürfnisses. Dabei spielen sowohl biologische Mechanismen als auch Beziehungserfahrungen, Erziehungsstile und familiäre Dynamiken eine wichtige Rolle. Erfahrungen mit Traumata können die Art, wie wir uns auf andere Menschen einlassen, beeinflussen. Wer menschengemachte Gewalt erfährt, kann unter Umständen kein Vertrauen mehr fassen. Verhaltensveränderungen zeigen sich oft nur sehr diskret auf der Bindungs- bzw. Beziehungsebene: in der Art, wie ich auf mein Kind reagiere, wie verlässlich ich bin, wie viel Nähe ich zulassen kann.
In Ihre Praxis kommen Eltern manchmal mit Ihrem Kleinkind. Können Sie da bereits erkennen, ob das Trauma der Mutter oder Vater sich auf das Beziehungsverhalten auswirkt?
Manche Kinder verhalten sich nicht entsprechend ihrem Entwicklungsalter. Sie stehen da und schauen einen mit grossen Augen erschreckt an, sprechen nicht, reagieren kaum auf Interaktion. Andere sind übermässig wachsam und ängstlich, sehen überall Gefahren oder wirken hyperaktiv. Aber man kann damit noch nicht feststellen, ob sein Verhalten mit der Traumageschichte der Eltern zusammenhängt. Da gehe ich nach dem Ausschlussverfahren vor: Zeigt ein Kind massive Ängste oder spricht nicht, mache ich zuerst eine Anamnese. Wenn ich das Verhalten nicht einordnen kann, spreche ich mit den Eltern über ihre Geschichte. Aber das braucht viel Vertrauen und Zeit und sehr viel Sensibilität. Die Eltern sollen nicht das Gefühl bekommen, sie seien schuld am Verhalten des Kindes.
Was für Anzeichen sehen Sie auf der Seite der Eltern?
In unserem Kompetenzzentrum beobachtete ich einmal eine Mutter aus der Ukraine, die apathisch dasass, während ihr Kleinkind auf eine Treppe zu krabbelte. Das sieht von aussen wie mangelnde Erziehung aus, dabei war die Mutter erschöpft und schwer traumatisiert. Ein weiteres Beispiel: Kinder haben Wutanfälle, das ist ganz normal. Traumatisierte Eltern können das aber als bedrohlich wahrnehmen. Auch spielt die Kommunikation über erlebte Gewalterfahrungen eine zentrale Rolle: Manche Eltern überschwemmen ihre Kinder mit ihren Geschichten. Andere schweigen und tabuisieren vollständig. Beides kann transgenerativ ungünstig wirken.
Sie setzen sich seit der Gründung von psy4asyl vor zehn Jahren stark für die psychische Gesundheit von Geflüchteten ein. Was ist Ihr Herzensanliegen?
Ich wünsche mir eine Psychoedukation für alle Betroffenen. Menschen sollen einordnen können, was mit ihnen passiert ist und warum sie so reagieren. Sie sollen hören, dass Trauma-Reaktionen wie Flashbacks, Angst, Alpträume normal sind, als eine normale Antwort auf abnormale Umstände. Und dass man schlimme Erinnerungen zwar nicht wegmachen kann, aber etwas tun kann um sich weniger hilflos und ausgeliefert zu fühlen. Wer verdrängt und schweigt, gibt das Erlebte nicht los. Es reinszeniert sich: im Verhalten, in der Beziehung zu den Kindern. Die Lösung liegt darin, einordnen, verstehen und darüber sprechen zu können.
Einzeltherapie erreicht nur wenige. Was braucht es darüber hinaus?
Wir schulen Betreuungspersonen, Lehrpersonen, Freiwillige, dass sie das traumasensible Wissen weitergeben können. Wir gehen in Unterkünfte und machen vor Ort Psychoedukation, mit Dolmetschern, einfacher Sprache, Zeichnungen. Wir stärken die Selbstwirksamkeit der Menschen und aktivieren ihre oft verschütteten Ressourcen, indem wir sie fragen, was tut dir gut? Wir erklären, warum spazieren gehen hilft, oder was man sonst für sich tun kann, um den Körper und die Seele zu beruhigen. Einmal sagte mir ein Mann, er habe früher gebetet, um zu sich zu kommen. Seit er hier sei, habe er das nicht mehr gemacht. Durch den Workshop realisierte er, wie gut ihm das tut und dass er das wieder für sich tun kann. Das sind kleine Dinge. Aber manchmal sind sie das Wichtigste.
Was wäre auf struktureller Ebene notwendig?
Menschenwürdigere Lebensbedingungen in den Unterkünften. Zu acht in einem Zimmer, über Monate unterirdisch leben oder nicht arbeiten dürfen – das sind Bedingungen, die für die Psyche schädlich sind. Beschäftigung wäre enorm wichtig. Wir haben strukturelle Verhältnisse geschaffen, die Menschen krank machen können.
Und gesellschaftlich?
Mehr Begegnung. Ich erlebe oft: Sobald jemand eine geflüchtete Person näher kennenlernt, will er sich für diesen Menschen einsetzen. Die Debatte ist im Moment sehr schwarz-weiss, es findet eine Entmenschlichung statt, aus Angst. Ich wünsche mir, dass wir weniger in dieser Angst bleiben und mehr in Kontakt gehen.
Was gibt Ihnen Kraft in dieser Arbeit?
Die Momente, in denen sich etwas löst. Ein Beispiel: Ich habe einen jungen Mann aus Afghanistan begleitet, schwer belastet, unsicherer Aufenthaltsstatus über Monate, dann eine Lehre, dann die beste Lehrabschlussprüfung seines Berufsstandes. Er kam zu mir mit dem Zeugnis, voller Stolz. Das sind die Momente, die mich antreiben. Trauma hinterlässt Narben – die muss man nicht schönreden. Aber sie müssen einen auch nicht pathologisieren. Ich darf erleben: Menschen sind unglaublich resilient und können an schlimmen Erfahrungen sogar wachsen.
Traumabewältigung: «Das Erlebte geht nicht einfach weg»