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Gaye Su Akyol im Zürcher Moods Club

Traumwandlerisches Manifest für die Freiheit

von Felix Reich/reformiert.info
min
09.05.2023
Die türkische Sängerin Gaye Su Akyol verbindet Istanbuls pulsierenden Rhythmus mit der anatolischen Musiktradition. Ihre Unbeugsamkeit lehrt Machthaber Erdogan das Fürchten.

Sie ist ganz bei sich und interagiert dennoch in jedem Moment mit dem Publikum. Gaye Su Akyol steht an einem Freitag im April auf der BĂŒhne des ZĂŒrcher Musikclubs Moods. Das ausverkaufte Konzert ist ein Heimspiel. Spricht Akyol zwischen den Songs englisch, bleiben die Reaktionen aus, wechselt sie ins TĂŒrkische, ist das Publikum sofort da.

Und sie spricht viel. Mit feinem Witz erzÀhlt sie die Entstehungsgeschichten ihrer Lieder und wird immer wieder unverhofft politisch. Und politisch sind die Songs, weil sie von der Freiheit handeln. Der Freiheit in ihrer existenziellen Dimension: in der Kunst, in der Liebe.

 

Albtraum als Auszeichnung

Von der britischen Zeitung «Financial Times» wurde Gaye Su Akyol einmal als «Erdogans schlimmster Albtraum» beschrieben. Es war als Auszeichnung gemeint. Sie gilt als wichtige Stimme fĂŒr die tĂŒrkische LGBTQI+-Community. Und vor zehn Jahren beteiligte sich die 1985 geborene Musikerin an den Gezi-Protesten. Die Demonstrationen gegen ein Bauprojekt, dem in Istanbul ein zentraler Park weichen sollte, weiteten sich nach brutalen PolizeieinsĂ€tzen zur landesweiten Protestwelle gegen die Repression von PrĂ€sident Recep Tayyip Erdogan aus.

Der Islamist ist 20 Jahre an der Macht. Am 14. Mai stellt er sich erneut zur Wahl. Gaye Su Akyol macht in ZĂŒrich mehrfach klar, was sie davon hĂ€lt: gar nichts. Deshalb ruft sie die Wichtigkeit der Wahlen in Erinnerung, bei denen Erdogan mit Kemal Kilicdaroglu zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder ein ernsthafter Gegner erwachsen ist, da sich die bunte Opposition zusammenraufen konnte, statt sich zu zersplittern.

 

 

Volksmusik und Surf-Rock

Vor politischer PĂ€dagogik bleibt Gaye Su Akyol trotz ihres mutigen Engagements gefeit. Ihre Kunst genĂŒgt sich selbst. Und doch blitzen in den intimen Songs metaphorische Zustandsbeschreibungen ihrer Heimat auf, etwa im wunderbar verschnörkelten «Bagrimizda Tas», der die TĂŒrkei als Shisha-CafĂ© beschreibt, in dem die Leute in ihrer TrĂ€gheit im Rauch des Konservatismus zu ersticken drohen.

In ihren Songs schliesst Akyol Ele-mente der anatolischen Tradition mit Surf-Rock und Grunge kurz. Die Tochter des Malers Muzaffer Akyol ist mit tĂŒrkischer Volksmusik und Klassik aufgewachsen, in der Jugend gesellten sich Nirvana und Nick Cave dazu. Alle EinflĂŒsse sind in ihrer eigenstĂ€ndigen MĂ©lange bis heute hörbar.

 

Politische Innerlichkeit

Mit ihrer Musik will Gaye Su Akyol «eine GegenrealitĂ€t erschaffen, um das organisierte Böse herauszufordern», wie sie jĂŒngst in einem Interview sagte. Sie glaube an die Macht der TrĂ€ume. «Wir messen der materiellen Welt zu viel Bedeutung bei und ignorieren die ungeheure Kraft, die in uns steckt.» Eine Aussage, die durchaus spirituell interpretiert werden darf. Jedenfalls findet sie ihr Echo im berĂŒhrenden Sog der psychedelisch vertrĂ€umten und oft dunkel schillernden Lieder.

Im Kontext der autoritĂ€ren und patriarchalen Machtstrukturen erhĂ€lt die Innerlichkeit, die Akyols Musik prĂ€gt, eine politische Dimension. In den Liebesliedern geht es immer um Selbstbestimmung und Gleichberechtigung. Freilich weiss die SĂ€ngerin, dass die Autokratie keine Erfindung der Islamisten ist. Deshalb bezieht sie sich immer wieder auf Selda Bagcan. Die Grande Dame der tĂŒrkischen Volksmusik wurde nach dem MilitĂ€rputsch 1980 verhaftet.

 

Zürcher Stadtbummel vor dem Konzert: Gaye Su Akyol auf Instagram.

 

Fantastisches Konzert in ZĂŒrich

In ZĂŒrich gelingt Gaye Su Akyol ein schlicht fantastisches Konzert. Ihre Songs klingen auf der BĂŒhne durch die reduzierte Instrumentierung kompakter und damit noch eine Spur mitreissender als auf ihren vier Studioalben. Und dabei wird jederzeit spĂŒrbar, dass ihre Musik zugleich ein traumwandlerisches Manifest der Freiheit ist.

 

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