Über den eigenen Glauben zu reden, ist vielen peinlich
Viele seien zwar auf der Suche nach spirituellem Halt, aber gleichzeitig misstrauisch, wenn es um Glaube und Religion gehe. Die traditionellen Religionsgruppen würden an den Rand gedrängt, auch die Landeskirchen. Ersatzreligionen wie zum Beispiel die Menschenrechte treten an ihre Stelle. Mit diesen Überlegungen leitete Herbert Winter den Abend in der Aula der Universität Basel ein. Winter ist Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes, der das Podium zur Frage «Ist Religion altmodisch?» veranstaltete.
Prominente Gesprächsrunde
Die Diskussionsrunde war prominent besetzt mit Peter Schmid, Vizepräsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes und Baselbieter alt Nationalrat, Alfred Bodenheimer, Leiter des Zentrums für Jüdische Studien der Universität Basel, Elham Manea, Politologin an der Universität Zürich und Muslimin sowie Werner Kieser, Unternehmer, Philosoph und Atheist.
Alfred Bodenheimer wies darauf hin, dass Religion höchstens in Europa aus der Mode gekommen sei, während sie in den anderen Erdteilen zentrale Bedeutung habe. Aber auch in der DDR und in Polen habe sich gezeigt, wie wichtig die Kirchen für die Selbstbefreiung der Gesellschaft sein können. Bodenheimer ortet hier ein grosses Potenzial und mahnte: «Wir müssen dem anderen sein Bekenntnis lassen.»
Für Peter Schmid bedeutet «altmodisch» nicht dasselbe wie «aus der Mode sein». Unter «altmodisch sein» versteht er, sich seiner religiösen Wurzeln und ihres kulturellen Reichtums bewusst zu sein. In diesem Sinne sollten Religionen «nie aufhören, altmodisch zu sein». Darin sieht Schmid die beste Prävention gegen das unhistorische Denken des Fundamentalismus.
Gefährlich sei der politisch-ideologische Fundamentalismus, sagte Elham Manea. Sie hofft auf einen Islam, der sich reformiert und im Rahmen demokratischer Staaten manifestiert: «Religion muss dem Menschen dienen, nicht umgekehrt.» Für Werner Kieser liegt der Ursprung von Fundamentalismus in der Unsicherheit: «Fundamentalisten haben grosse Zweifel, die sie mit Radikalität bekämpfen.»
Alfred Bodenheimer betonte, dass die Vermittlung von religiöser Identität wesentlich sei. «Man kann sich heute zu allem outen, aber das religiöse Bekenntnis ist das peinlichste.» Dieses Tabu, über Religion zu sprechen, behindere die eigene Identitätsfindung, beschädige die Gesellschaft und das Geprächsklima, so Bodenheimer.
Peter Schmid plädierte für eine neue Sprachfähigkeit: «Ich wünsche mir eine Gesellschaft, wo es den Menschen gelingt, ihre eigene Religion in zeitgemässe Worte zu fassen.» Nur so könne man das Schweigen über Religion überwinden und den «Traditionsabbruch», wie er heute durch gesellschaftliche Säkularisierung und Pluralismus geschehe, aufhalten.
Zum Bild: Von links: Podiumsgäste Alfred Bodenheimer und Peter Schmid mit Moderator Patrick Griesser. | giger
Karin Müller
Über den eigenen Glauben zu reden, ist vielen peinlich