Unterwegs auf der Flucht
Simon Salman aus dem Libanon
«Ich schöpfe meine Hoffnung aus den kleinen Dingen»
«Zurzeit sieht die Lage im Libanon sehr schlecht aus. Im Flüchtlingslager Shatila in Beirut unterstützen wir Flüchtlingsfamilien aus Syrien sowie sehr bedürftige Gastfamilien, die Flüchtlinge bei sich aufnehmen. Die Situation ist äusserst bedrückend. Die finanziellen Mittel, die uns zur Verfügung stehen, reichen nur noch bis Ende September. Wir unterstützen die circa 950 Flüchtlingsfamilien mit Bankkarten, die sie monatlich mit 100 US-Dollar aufladen können, um Nahrungsmittel und Medikamente zu kaufen oder die Miete und Arztbesuche zu zahlen. Ich wage gar nicht daran zu denken, was passieren wird, wenn den Familien dieses Geld nicht mehr zur Verfügung steht. Wir müssen davon ausgehen, dass sie aufgrund der existenziellen Not ihre letzten Güter verkaufen und die Kinder zu irgendeiner illegalen, nicht altersgerechten Arbeit schicken werden. Vielen bleibt nur noch die Prostitution. Können sie die Miete nicht mehr begleichen, nehmen auch die Spannungen innerhalb der Gastgemeinden zu.
Im Nordirak, wo wir 30 000 Personen, also rund 4600 Familien, unterstützen, ist die Situation etwas stabiler. Noch sind genug finanzielle Mittel vorhanden. Aber die Krise hält seit fünf Jahren an, die internationalen Geldgeber sind müde geworden. Längerfristig reicht die finanzielle Unterstützung auch hier nicht. Im Moment ist das Land noch relativ sicher, aber wer weiss schon, wie sich die politische Lage entwickelt.
Meine Hoffnung ist zu einem kleinen Funken geworden. Die Lage im Libanon erschüttert mich. Es brauchte ein Übereinkommen unter den regionalen Machtvertretern, um zu einer Lösung zu finden. Sie haben das letzte Wort, die Bevölkerung hat nichts zu sagen. Verschärft man in Europa die Kontrolle der Grenzen, wird das die Menschen auf der Flucht nicht aufhalten. In ihrer Not versuchen sie doch alles, um an einen Ort zu gelangen, wo Frieden herrscht.
Obwohl ich über langjährige Erfahrung in der Betreuung von Hilfsprojekten verfüge, komme ich mit dem Ausmass der aktuellen Flüchtlingsbewegungen kaum klar. Familien, Frauen mit Kindern in dieser Not zu sehen, ist schrecklich. Ich schöpfe meine Hoffnung aus den kleinen Dingen: Aus dem Lächeln eines Kindes, das dank unserer Unterstützung eine Banane zu essen kriegt. Auf der anderen Seite versuche ich, damit fertig zu werden, dass Menschen, die ich betreut habe, von einem Tag auf den andern verschwinden. Wer weiss, wo sie sind und ob sie noch leben?»
Leo Meyer aus Serbien
«Wir unterstützen sie entlang der Fluchtrouten mit dem Nötigsten»
«Im Moment treffen bis zu 4000 Flüchtlinge am Tag in Serbien ein. Sie wollen weiter Richtung Norden, über die Grenze nach Ungarn. Die Leute sind total erschöpft, haben bereits einen langen Weg hinter sich. Wir unterstützen sie entlang der Fluchtrouten mit dem Nötigsten: Wasser, Brot, Versorgung von Wunden, mobile Toiletten, Information. In der Alten Ziegelei in Subotica ist ein informeller, illegaler Sammelplatz entstanden. Dort verbringen jeweils einige Hundert Flüchtlinge die Nächte, ohne Strom, ohne Wasser. Auch da helfen wir, das Minimum an Versorgung abzudecken. Zusätzlich unterstützen wir der Gemeinde in Kanijza bei der Betreuung des dortigen Durchgangslagers, das zunehmend an seine Grenzen stösst.
Sollte sich die Kontrolle der Grenzen in Europa und Ungarn verschärfen, entsteht in den Durchgangslagern ein Stau, die Anzahl der Flüchtlinge wird sich innert Kürze massiv erhöhen. Das wird die bestehenden Strukturen total überfordern. Wird der Flüchtlingsstrom an der ungarischen Grenze blockiert, führt das zur Zunahme von Schleppern. Die Menschen werden dann zunehmend gezwungen sein, neue Fluchtrouten zu suchen. Ich hoffe, die europäischen Länder finden eine einvernehmliche Lösung untereinander. Es bedrückt mich, mir vorzustellen, dass am Ende die ganzen Flüchtlingsströme den ärmsten Regionen Südosteuropas überlassen werden.
Den Umgang der Gastbevölkerung mit den Flüchtlingen erlebe ich als ruhig und freundlich. Die Menschen hier machen einen guten Job, sie begegnen den Flüchtlingsfamilien offen. Die Grenzgemeinde Kanjiza hat alles gut organisiert, die grosse Stadt Subotica hingegen macht fast nichts. Solange sich die Anzahl der kommenden und der weiterziehenden Flüchtlinge in etwa die Wage hält, geht es. Bei einem Stau hingegen wird die Organisation zusammenbrechen.
In zwei Monaten ist hier in Serbien Winter! Dann kann es sehr kalt werden. Draussen schlafen wird unmöglich. Wir brauchen Unterkünfte, Kleidung, Decken. Und das, sollte es zu einem Rückstau kommen, schnell einmal für 20 000 Flüchtlinge!
Wenn ich die Schlange von Menschen vorbeiziehen sehe, den Bahngleisen entlang der Grenze zu, die offenen Füsse, die Erschöpfung, die Not, dann erschüttert mich das zutiefst. Hoffnung und Motivation schöpfe ich aus der Tatsache, dass wir mit unseren Projekten die Menschen unterstützen können, wenigstens die nächsten Stunden und Tage zu überstehen.»
Andrea Ruder aus Basel
«Es ist ihnen ein grosses Anliegen, ihren Kindern eine gute Zukunft zu ermöglichen»
«Mit dem Projekt Edulina, das, in Zusammenarbeit mit den Kantonen, vorerst in den beiden Kantonen Basel-Stadt und Baselland angeboten wird, unterstützen wir fremdsprachige Familien mit Migrationshintergrund dabei, ihre Kinder zu fördern. Ziel des Projekts ist es, dass interessierte und informierte Eltern ihre Kinder optimal auf Kindergarten und Schule vorbereiten können. Die Workshops bestehen aus sieben Nachmittagen à je drei Stunden, in denen die Teilnehmenden Wichtiges über die Entwicklungsschritte ihrer Kinder, über die Sprache sowie über gesunde Ernährung erfahren. Zudem erhalten sie praktische Anregungen für den Familienalltag. Die Kurse werden in verschiedenen Herkunftssprachen angeboten, momentan auf Türkisch, Albanisch, Spanisch, Arabisch und Tigrinya, das in Eritrea gesprochen wird. Sie werden von professionellen, interkulturellen Vermittlerinnen und Vermittlern geleitet.
Diese Vermittlerinnen und Vermittler spielen eine zentrale Rolle bei Edulina. Sie sprechen die Herkunftssprache der Migrantenfamilien und sind in der Regel selbst in die Schweiz immigriert. Damit werden sie für die Teilnehmenden der Workshops zu wichtigen Bezugs- und Vertrauenspersonen und zu einer Art Vorbild, was die Integration angeht.
2014 fanden insgesamt sieben Edulina-Workshops statt, dieses Jahr bereits zehn. Im Kanton Basel-Stadt konnten wir 2015 erstmals zwei Workshops für Familien aus Syrien anbieten, die erst seit kurzem in der Schweiz leben. Die Erfahrung zeigt, dass Edulina einem grossen Bedürfnis der Flüchtlingsfamilien entspricht. Es ist ihnen ein grosses Anliegen, ihren Kindern eine gute Zukunft zu ermöglichen. Dabei ist die Bildung zentral. In unseren Workshops beginnen die Familien, sich untereinander auszutauschen und ein soziales Netzwerk zu knüpfen. Davon profitieren sie sehr, und sie werden nachhaltig gestärkt.»
Für die Heks-Flüchtlingshilfe im In- und Ausland
spenden an: PC-Konto 80-1115-1, Vermerk «Flüchtlinge Weltweit und der Schweiz»
Zum Bild: Leben zwischen den Ruinen: Flüchtlingslager Shatila in Beirut.
Aufgezeichnet: Annegret Ruoff
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