Venezuela: Zwischen Trümmern und politischem Neubeginn
Täglich steigt Angie Sojo hinab in die Trümmer ihrer Wohnung Nummer 206 im Block B des Gebäudekomplexes «Residencias Caribe» in La Guaira. Einst lag sie im zweiten Stock. Bei dem Doppelbeben in Venezuela am 24. Juni ist das Gebäude förmlich in sich zusammengesackt – bis hinunter in die Tiefgarage. Von dem zwölfstöckigen Hochhaus in der Küstenstadt im Norden des Landes sind nur noch sechs Stockwerke sichtbar. Sie könnten jederzeit einstürzen.
Sojo sucht nach ihrem Mann, Gustavo Adolfo Riascos Gómez. Der 51-Jährige war Berufspilot. «Ich war gerade auf dem Weg nach Hause, als es anfing zu beben», erzählt sie. Ihr Mann war daheim und bereitete das Abendessen vor. Kurz zuvor hatten sie noch telefoniert.
Noch liegt der Staub in der Luft
Die 37-Jährige wirkt erschöpft, ihr Gesicht zeigt kaum eine Regung. Sie trägt einen weissen Helm, der sie bei einem weiteren Einsturz sicherlich nicht vor den Trümmern schützen würde. Gemeinsam mit unzähligen freiwilligen Helfern gelang es ihr, in die Trümmer ihrer Wohnung vorzudringen. Vor wenigen Tagen wurden die Überreste von vier Nachbarn gefunden. Dutzende Menschen werden allein in den «Residencias Caribe» noch vermisst.
Mehr als drei Monate nach dem Beben liegt noch Staub in der Luft. Der Geruch nach Verwesung ist verschwunden. Unten im Geröll ist es unheimlich still. Nur das grelle Surren einer Mücke ist zu hören.
Internationale Hilfe vor allem am Anfang
Die Regierungs-Zahlen zum Erdbeben sind seit Wochen unverändert. Nach der jüngsten Mitteilung vom 24. August kamen 6509 Menschen ums Leben. Eine offizielle Zahl der Vermissten gibt es bisher nicht. Unabhängige Bürgerinitiativen haben nach Angaben von Amnesty International mehr als 41'000 Vermisstenmeldungen registriert. Die Organisation weist allerdings darauf hin, dass sie Fehler und doppelte Einträge enthalten könnten und kritisiert mangelnde Transparenz der Behörden und ihre langsame und schlecht koordinierte Reaktion.
Internationale Hilfe habe es vor allem in den ersten Tagen gegeben, sagt Sojo: «Von den Russen, von den US-Amerikanern, von den Franzosen.»
Es sind vor allem die unzähligen Freiwilligen, die auch jetzt noch die Angehörigen bei ihrer Suche unterstützen. «Ich kann nicht einfach zu Hause herumsitzen, wenn ich helfen kann», sagt eine junge Frau aus der rund eine halbe Autostunde entfernten Hauptstadt Caracas. Eigentlich wollte sie eine Ausbildung bei der Polizei machen oder Psychologie studieren. Beides hat sie zunächst auf Eis gelegt.
Nur noch ein paar Töpfe und Deko übrig
Die Helferinnen und Helfer campieren vor dem Gebäude, ihre Zelte haben sie auf dem Gelände aufgeschlagen. Die Sonne brennt erbarmungslos auf sie herab. Immer wieder fällt der Strom aus. Der Küstenstreifen von La Guaira ist besonders stark von dem Doppelbeben betroffen.
20 Jahre lang hat Angie Sojo in den «Residencias Caribe» gelebt – mit Blick aufs Meer. Von ihrer Existenz übrig geblieben sind nur ein paar Töpfe, Küchendekoration und eine kleine Gladiatorenfigur. Die haben die Überlebenden am Eingang des Geländes aufgestellt – als Symbol für den fortwährenden Kampf und die anhaltende Suche nach ihren Angehörigen.
Währenddessen ist die Frage des Wiederaufbaus auch eine politische. Wer künftig über die Zukunft Venezuelas entscheidet, ist nach der Verschleppung des damaligen autoritären Staatschefs Nicolás Maduro durch die USA Anfang des Jahres umkämpft. Immer wieder kündigt Oppositionsführerin Maria Corina Machado an, nach Venezuela zurückkehren zu wollen – und viele Venezolaner hoffen darauf, hört man sich auf der Strasse um.
Trump setzt nicht mehr auf Opposition
Nachdem sie sich monatelang vor der Regierung Maduro versteckt hatte, verliess Machado Ende 2025 das Land, um in Oslo den Friedensnobelpreis entgegenzunehmen, den sie US-Präsident Donald Trump widmete. Siebenmal hat sie laut ihrem Presseteam versucht, ins Land zu kommen, ohne Erfolg. Machado wirf der Übergangsregierung vor, ihre Rückkehr zu verhindern. US-Präsident Donald Trump setzt inzwischen auf die Interimspräsidentin Delcy Rodríguez, die unter Maduro Vizepräsidentin war.
Angie Sojo zuckt mit den Schultern. «Es ist ja nicht so, dass wir Machado nicht hier haben wollen. Jeder, der mit anpacken will und Venezuela nicht als Selbstbedienungsladen betrachtet, ist willkommen. Hauptsache es ist nicht Maduro.» Ein Zuhause hat sie nicht mehr. Ihr Geld hat sie als Hotelfachkraft verdient, aber den Job hat sie nach dem Beben verloren. Gemeinsam mit ihrer Tochter wird sie bei ihrer Mutter in Caracas einziehen. Wie sie benötigen Tausende Familien in La Guaira weiter dringend Unterstützung, um ihr Leben wieder aufzubauen.
Doch zunächst bleibt Sojo in der Küstenstadt – bis sie ihren Mann gefunden hat. «Der Körper muss ja irgendwo sein. Ich weiche hier nicht, ohne dass ich zumindest einen Knochen finde.»
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