Verzicht auf Essen, einen Partner oder auf Normalität: Fasten hat viele Gesichter
Schwester Karin Müller, Diakonisse
Verzicht auf Partner
Eigentlich habe sie sich ihr Leben anders vorgestellt, erzählt Schwester Karin Müller. In einer Partnerschaft und mit einem Mann an der Seite. Doch es sei anders gekommen. Karin Müller ist vor zwanzig Jahren dem Diakonissenhaus beigetreten. Sie empfindet dies nicht als Verzicht. Im Gegenteil: «Das Leben in der Gemeinschaft ist ein Gewinn», erklärt die 47-Jährige.
Heute lebt Karin Müller in der Schwesternschaft in Riehen. Die Gemeinschaft wurde ihr Zuhause. Den Glauben alleine für sich zu leben, sei eine grosse Herausforderung, meint sie. Man könne sich im Alltag und in der Arbeit verlieren, sodass Gott vergessen gehe. Hier im Diakonissenhaus werde sie durch die Gebetszeiten und das spirituelle Leben daran erinnert, dass Gott noch da ist. «Man wird hier im Glaubensleben gestärkt und kann sich einbringen.»
Karin Müller wird oft darauf angesprochen, dass eine Ordensfrau auf so viel verzichten müsse. Doch so anders sei ihr Leben nicht, versichert sie. Auch die Diakonissen hätten ihre Arbeit, ihre Ferien, ihre Beziehungen und Kontakte. Karin Müller lebt in einer Wohngemeinschaft mit fünf Schwestern und arbeitet im geistlich-diakonischen Zentrum. Sie erhält ein Taschengeld. Für besondere Anschaffungen wie etwa ein Velo muss sie anfragen. Doch meist werde der Betrag bewilligt, man sei grosszügig, erklärt Müller.
Der Alltag der Schwesternschaft wird von drei Gebetszeiten geprägt, zu denen sie sich am Morgen, am Mittag und am Abend versammeln. Der Gewinn sei, dass sie ein ganzheitliches Leben führe und sie mit anderen im Glauben auf ein Ziel hin unterwegs sei, sagt die Diakonisse.
Karin Müller stammt aus dem Thurgau. Damals lernte sie eine Frau kennen, die in einer Gemeinschaft lebte. Die Lebensform und die Spiritualität faszinierten Müller und zogen sie an. Zunächst wohnte sie in einer kleineren Gemeinschaft.
«So als Kloster auf Zeit», erzählt sie. Ihr wurde bald klar, dass es ihr hier zu eng war. So wechselte sie ins Diakonissenhaus nach Riehen. Nach einer Probezeit trat sie ein und legte ein Gelübde auf Lebenszeit ab. Man könne dies durchaus mit einer Heirat vergleichen, meint sie. Bereut hat Karin Müller diesen Entscheid nie. tz
Monika Hungerbühler, Offene Kirche Elisabethen, Basel
Verzicht auf Essen
«Ich faste seit 28 Jahren», stellt Monika Hungerbühler, Co-Leiterin der Offenen Kirche Elisabethen in Basel, erstaunt fest. «Seit 15 Jahren führe ich regelmässig Fastenkurse durch.» Fasten hat für Hungerbühler nichts mit Abnehmen zu tun. Dennoch ist ihr ein Trend nicht entgangen, «der gerade en vogue ist». «5/2» heisst die Methode und verlangt, dass an zwei Tagen pro Woche gefastet wird. «Ich habe festgestellt, dass diese Formel in der kirchlichen Tradition verankert ist. Bekannt ist heute noch der Freitag als religiös begründeter Fastentag in der Woche. Dann, wenn Fisch auf dem Menüplan steht. Früher galt auch der Mittwoch als Fastentag, womit das 5/2-Modell eigentlich einen religiösen Hintergrund besitzt. Der einzige Unterschied zur heutigen Variante besteht darin, dass die beiden Fastentage in der Woche frei gewählt werden können.»
Die Fastenkurse, die Monika Hungerbühler leitet, dauern eine Woche. «Eine Woche fasten, ist mit Blick auf die Gesundheit ohne ärztliche Begleitung möglich.» An einem vorbereitenden Informationsabend werden solche Fragen behandelt. Während der Fastenwoche trifft sich die Gruppe täglich über Mittag.
Austausch, einfache Körperübungen, ein spiritueller Impuls und Stille sind die festen Programmpunkte jeder Zusammenkunft.
Monika Hungerbühler erlebt diese Zeit positiv, auch an sich selbst:
«Ich habe festgestellt, dass meine Sinne durch das Fasten geschärft werden. Zum Beispiel das Sehen. Ich habe erstaunt bemerkt, wie viele Menschen essend durch die Strassen gehen. Schon allein den Duft einer Bäckerei empfinde ich beglückend und bei der Arbeit bin ich konzentrierter.» Fasten, um abzunehmen, davon rät Monika Hungerbühler ab. «Natürlich nimmt man beim Fasten ein, zwei Kilo ab. Nach dem Fastenbrechen bleibt ein Gewichtsverlust aber nur erhalten, wenn man die alten Ernährungs-gewohnheiten umstellt.»
Das Schwierigste beim Fasten hat paradoxerweise mit dem Essen zu tun. «Man könnte meinen, dass das Darmentleeren oder das Fasten selbst am meisten Schwierigkeiten bereiten und das Fastenbrechen sozusagen die Belohnung darstellt. Dem ist aber nicht so. Den Körper wieder ans Essen zu gewöhnen, bereitet vielen Mühe.» Ihr Tipp, damit Fasten zur guten Erfahrung wird, ist kurz und bündig: «Fasten beginnt im Kopf mit der richtigen Einstellung.» of
Jürg Peter, Künstler
Verzicht auf Normalität
Seit 30 Jahren verzichte Jürg Peter auf Normalität, damit er kreativ sein kann. Der Musiker komponiere Musicals und bringe sie auf die Bühne. «Die Kunst ist mein Wesenskern»», erklärt der 53-Jährige. «Um ihn nicht zu ersticken, verzichte ich auf ein Leben in üblichen Strukturen und einer einträglichen beruflichen Position.»
Für den Zürcher Künstler war dies ein bewusster Entscheid: «Denn nur so kann ich nutzen, was mir an Kreativität geschenkt ist.» Konkret bedeutet das zunächst, dass Jürg Peter nicht die in der Schweiz üblichen Tagesstrukturen einhält, sondern seinen eigenen Rhythmus pflegt. Als Komponist sei er darauf angewiesen, dass seine Energie fliesse. Das folge keinem festen Zeitplan. «Ich kann einen kreativen Schub nicht auf morgen verschieben, er würde sich in Nichts auflösen.» Wenn Jürg Peter komponiert, fühlt sich das in seinem Kopf an «wie ein grosses Feuerwerk». Im Nachhinein weiss der Komponist nicht mehr, wie das Stück zustande gekommen ist. Das sei, als würden die Synapsen in seinem Kopf Funken schlagen. Eine solche Phase kann bei dem Komponisten mehrere Tage und Nächte dauern. Darauf folgt meistens eine gewisse Erschöpfung. Peter ist überzeugt, es lohne sich, dies zuzulassen.
Für seine Lebensweise zahlt Jürg Peter seinen Preis. Es ist schwierig, soziale Kontakte zu pflegen. «Ich bin wach, wenn andere schlafen», erzählt der Musiker. Oder er frühstückt am Abend. In unserer Gesellschaft gelte in der Regel als fleissig, wer früh sein Tagwerk beginnt. Bei Jürg Peter sind die Rollläden oft bis zum Abend heruntergelassen. Da werde er von den Nachbarn manchmal schon schräg angeschaut, gibt Jürg Peter zu. Für eine Beziehung sei das auch nicht ganz einfach. Eine Partnerin müsse viel Verständnis aufbringen, wenn er in seine eigene Welt abtauche oder zu bestimmten Zeiten nicht da sei. «Das bedeutet aber nicht, dass ich nicht zugewandt bleibe», räumt der Musiker ein. Mit ihm könne man viel erleben. as
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