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Konfirmation und dann?

Warum Jugendliche in der Kirche bleiben

von Carole Bolliger
min
23.05.2026
Nach der Konfirmation verabschieden sich viele Jugendliche meist von der Kirche. Nicht so in der reformierten Kirche Ägeri, im Kanton Zug. Was steckt dahinter? Und können auch andere Kirchgemeinden davon lernen? 

Damian Latka ist 52 Jahre alt, Lehrer von Beruf und seit Jahrzehnten Teil desselben Kirchenprojekts, in dem er einst selbst Konfirmand war. Bis heute engagiert er sich im Konfprojekt der Reformierten Kirche Ägeri, seine beiden Töchter, inzwischen konfirmiert, sind ebenfalls dabei. Was ihn damals gehalten hat? «Die Atmosphäre», sagt Latka. «Und die Art, wie wir miteinander gearbeitet haben.» Besonders die Konflager hätten ihn geprägt. Noch heute sei diese Woche eine der «coolsten Wochen im Jahr».

Latkas Engagement ist erstaunlich. Denn in vielen Kirchgemeinden läuft es anders: Feierliche Konfirmation – und dann sind die meisten Jugendlichen weg. Die Kirche sieht sie nicht mehr, und wenn, dann Jahrzehnte später. In Ägeri hingegen kehren viele zurück, engagieren sich und bleiben.

Nicht bespielen lassen, sondern mitgestalten

Wie kommt das? Thomas Schlag, Professor für praktische Theologie an der Universität Zürich, ist dieser Frage in breit angelegten Umfragen nachgegangen. Für Schlag ist klar: Jugendliche bleiben dort, wo sie ernst genommen werden und echte Beteiligung erleben. «Junge Menschen wollen nicht einfach bespielt werden», sagt er. Entscheidend seien Beziehungen, Vertrauen und die Möglichkeit, Verantwortung zu übernehmen.

 

Thomas Schlag. | Foto: zvg

Thomas Schlag. | Foto: zvg

Jugendliche suchen Räume, in denen sie sich ausprobieren können und erleben, dass ihre Meinung zählt.

 

Gerade in einer Zeit, in der Jugendliche zwischen Schule, Ausbildung, Leistungsdruck und sozialen Medien stehen, würden Orte wichtiger, an denen Gemeinschaft und persönliche Erfahrungen mit Glaubensthemen im Zentrum stehen. «Jugendliche suchen Räume, in denen sie sich ausprobieren können und erleben, dass ihre Meinung zählt», sagt Schlag. Unbedingt dazu gehörten auch positive Erfahrungen mit Menschen, die in der reformierten Kirche ihren Glauben leben. Reine Angebotslogik oder perfekt organisierte Programme reichten dafür oft nicht aus.

Suzie Fuchs, Sozialdiakonin und langjährige Begleiterin des Konfprojekts in Ägeri, stimmt Schlag zu: Das Entscheidende sei nicht das perfekte Programm, sondern echte Beteiligung. «Jugendliche merken sofort, ob man ihnen wirklich etwas zutraut.» In ihrem Projekt übernehmen ehemalige Konfirmandinnen und Konfirmanden früh Verantwortung. Sie gestalten Gottesdienste mit, begleiten Jüngere oder helfen im Lager. Das Konfprojekt, sagt Fuchs, «ist für manche wie ein Netz, das trägt».

Eine Woche, die bleibt

Besonders prägend ist das sogenannte Konflager, eine intensive Woche, in der es um mehr geht als Bibeltexte. Jugendliche setzen sich dort mit sich selbst auseinander, mit Freundschaft, Zweifeln, Glaubensfragen. «Dort wird es tief», sagt Fuchs.

Damian Latka erinnert sich noch genau, wie er nach den Treffen und Lagern nach Hause kam. Irgendetwas fehlte dann im Alltag. «Man hatte dort Gespräche mit Tiefgang», sagt er. «Danach wirkte vieles draussen wieder oberflächlich.» Er vermutet, dass genau das der Grund ist, warum so viele zurückkommen, sie erleben dort etwas, was ausserhalb selten geworden ist: echte Gemeinschaft, intensive Gespräche und das Gefühl, wirklich gemeint zu sein.

Fuchs beschreibt es ähnlich: Viele Jugendliche würden im Lager zum ersten Mal merken, was sie eigentlich können. In einem geschützten Rahmen entdeckten sie Seiten an sich, die im Alltag keinen Platz hatten. «Wenn Menschen sich gesehen und wertgeschätzt fühlen, wachsen sie über sich hinaus.»

Das Gespür für Unechtes

Lässt sich das auf andere Kirchgemeinden übertragen? Schlag ist vorsichtig optimistisch, er betont, dass Jugendliche ein feines Radar für Unechtes hätten. Als das Projekt in Ägeri einmal stärker in Richtung klassischen Unterricht abdriftete, reagierten die Jugendlichen prompt: «Wenn das so bleibt, kommen wir nächstes Jahr nicht mehr.»

Das war keine leere Drohung, es war eine ehrliche Rückmeldung. Und eine, die zeigt: Vertrauen lässt sich nicht verordnen. Es entsteht oder es entsteht nicht.

Für Latka ist diese Zeit längst Teil seiner Identität. «Vieles von dem, wie ich heute denke und lebe, stammt aus dieser Zeit», sagt er. Ohne seine Erfahrungen im Konflager wäre er später nie in die Jugendarbeit gegangen, ist er überzeugt. Dass heute seine Töchter ebenfalls Teil des Konfteams sind, freut ihn besonders. Für ihn zeigt es, wie nachhaltig solche Erfahrungen wirken können – weit über die eigentliche Konfzeit hinaus.

 

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