Warum wir nie den ganzen Regenbogen sehen?
Guck mal, ein Regenbogen! Die Faszination dieser Naturerscheinung hat bis heute nichts an Kraft verloren. In der Bibel erscheint er am Ende der Geschichte von Noah, wo er von Gott nach der Sintflut an den Himmel gesetzt wird.
Im Hebräischen bedeutet das Wort für den Bogen am Himmel ursprünglich Kriegsbogen. Das heisst, Gott nimmt seine eigene Waffe und setzt sie in den Himmel, als Zeichen: Ich bin bereit, meine Waffe abzugeben, ich möchte nicht mehr strafen.
Der Regenbogen als vertrauensbildende Massnahme. Genauso wie wir Menschen begrüssen mit einem Handschlag, was ursprünglich den tiefen Sinn hatte zu zeigen: Ich habe keine Waffe in der Hand, ich bin offen. Der Bogen ist also Gottes Handschlag für uns. Und wir Menschen denken: Na toll, erstmal hier alles platt machen und dann sagen: Lass uns wieder Freunde sein. Der alttestamentliche Gott ist nicht immer leicht zu verstehen. Und als Freund der Evolutionstheorie tue ich mich auch schwer zu glauben, dass Noah entschieden hat, welche Tiere überleben. Und wenn er schon die Auswahl über die ganze Tierwelt hatte, warum musste er ausgerechnet auch zwei Mücken mit aufs Boot nehmen? Das wird nicht erwähnt. Wohl aber, was Noah macht, sobald er wieder festen Boden unter den Füssen hat: Er pflanzt einen Weinberg, keltert und sagt sinngemäss «Gott, lass uns drauf anstossen.» Nie wieder Katastrophen!
Aber hat Gott sich wirklich an dieses Versprechen gehalten? Was ist denn ein Tsunami anderes als eine Sintflut? Wo ist denn das Versprechen auf Frieden? Die Sintflut, der wir heute ausgesetzt sind, die besteht nicht nur aus Waffen oder Wasser, die besteht aus Informationen, in denen wir ertrinken. Die Sintflut von heute sind Spam-Mails. Und dahinter: Die Sintflut der Sinnlosigkeit, überschwemmt, überfordert und ausgebrannt, dass wir lieber zum Himmel schreien als schauen wollen.
Wir kennen einen Regenbogen immer nur als Halbkreis. Warum? Weil die Erde dazwischen steht. In Wirklichkeit ist es aber ein ganzer Kreis. Und deswegen ist dieses Symbol auch so tief, weil es die Verbindung zwischen Himmel und Erde zeigt und wir aber, solange wir auf der Erde sind, den ganzen Bogen nicht sehen können. Wir kommen nicht ans Ende des Regenbogens. Warum nicht? Weil er im Auge des Betrachters entsteht. Auch wenn ich mit anderen gleichzeitig den Regenbogen betrachte, sieht jeder seinen eigenen! Und jeder will ihn greifen, aber es geht nicht. Ich denke, da hinten ist das Paradies, da muss ich hin, und mit jedem Schritt den ich dieser Illusion hinterher renne, entfernt sich das vermeintliche Ziel von mir.
Das ist wie mit dem Glück. Wenn ich denke, irgendwo wartet das Paradies, kann ich dort, wo ich bin, nicht glücklich sein. Unser Hirn gaukelt uns nicht nur Farben vor, die es so gar nicht zu sehen gibt. Es gaukelt uns vor allem immer vor, die Wiese des Nachbarn ist grüner als meine eigene. Und das schlimme: Es stimmt! Weil wir aus lauter Neid auf die Wiese des Nachbarn vergessen, unsere eigene Wiese zu giessen. Da dürfen wir uns nicht wundern, wenn die verdorrt. Der Regenbogen ist nicht dazu da, dass wir ihn verfolgen, sondern dass wir stehen bleiben. Er ist dafür da, dass wir staunen und uns erinnern: Da ist mein Schatten, das ist die Verheissung und hier ist mein Ort. Nicht am Ende des Regenbogens. Wenn ich das nicht kapiere, bin ich nur am Rennen und werde nie ankommen weder bei mir, noch am Ende des Regenbogens, noch beim Anderen.
Eckart von Hirschhausen
Warum wir nie den ganzen Regenbogen sehen?