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«Silent Rebellion»

Wenn Schweigen zur Rebellion wird

von Christa Amstutz/reformiert.info
min
28.01.2026
«Silent Rebellion» zeigt eine Emanzipationsgeschichte während des zweiten Weltkriegs in der Schweiz. Das Spielfilmdebüt der Neuenburger Regisseurin Maire-Elsa Sgualdo ist ein kleines Meisterwerk.

Eben erst hat Emma ihre Hand in den Fahrtwind des Cabriolets gehalten, glücklich und mit Vorfreude, was ihr das Leben bringt. Sie ist arm und intelligent und ist für den «Tugendpreis» einer Stiftung vorgeschlagen. Der Preis könnte sie ihrem Traum, Krankenschwester zu werden, näherbringen. Momente später zeigt die Kamera ihre Hand, die sich zur Faust ballt, Grasbüschel packt und Blumen zerdrückt bis sie erschlafft.

Die Vergewaltigung

Während eines Ausflugs mit der Pfarrfamilie, für die die fünfzehnjährige als Haushaltshilfe arbeitet, wird sie von einem Gast der Familie beim Spaziergang abseits der Picknick-Gesellschaft vergewaltigt. Der Journalist stammt aus reichem Haus, tritt weltmännisch und laut auf und verweigert ihr verächtlich jede Unterstützung, als sie ihn schwanger in Genf aufsucht.

Im Gegensatz zum Vergewaltiger ist an Emma nichts laut. Die französische Jungschauspielerin Lila Gueneau trägt den Film in stiller, berückender Intensität. Emmas Gesicht bleibt scheinbar immer ruhig. Doch in feiner Mimik, einem Blick, einem Augenaufschlag oder einem Zusammenkneifen der Lippen spiegeln sich ihr ganzer Schmerz, ihre Wut, aber auch die Entschlossenheit, ihre Würde zu bewahren und ihren eigenen Weg zu gehen.

Das Debüt

Mit «Silent Rebellion» ist der Neuenburger Regisseurin Maire-Elsa Sgualdo ein wunderbar stiller Film gelungen. Er berührt mit eindringlichen Bildern, langsamer Kameraführung und knappen, aber vielsagenden Dialogen. «Silent Rebellion» wurde vergangenen Herbst beim Filmfestival von Venedig in der Sektion «Venezia Spotlight» uraufgeführt und erhielt viel Beachtung. À bras-le-corps, so der Originaltitel, ist im Moment nur mit deutschen Untertiteln zu sehen.

Es ist der erste Spielfilm von Sgualdo. Erfolgreich war sie an Filmfestivals zuvor schon mit vier Kurzfilmen. Auch sie legten den Fokus auf Frauengeschichten.

 

 

Die Geschichte

Brillant ist, wie Sgualdo die Geschichte der Schweiz im zweiten Weltkrieg mit der Lebens- und Beziehungsgeschichte ihrer Protagonistin verknüpft.

1943: Emma lebt im Schweizer Jura, nahe der französischen Grenze. Sie arbeitet bei der Pfarrfamilie, sorgt für ihre beiden kleinen Schwestern, stickt Tücher für einen Zuschuss und unterstützt ihren Vater nebenbei bei der Arbeit. Ihre Mutter hat die Familie verlassen. Emma verachtet sie dafür. Als sie später mit ihrem Bub in die Stadt flüchtet, nähern sich die beiden Frauen wieder an.

Durch die Radiosendungen im Pfarrhaushalt und im Gespräch mit dem Pfarrer, der sie als Seelenverwandte sieht, bekommt sie mit, was in Europa geschieht. Und sieht wie in nächster Nähe an der Grenze jüdische Flüchtlingsfamilien ins Verderben zurückgeschickt werden.

Um Schande abzuwenden wird die schwangere Emmae mit einem jungen Mann aus dem Dorf verheiratet. Der Grenzwächter akzeptiert ihren unehelichen Sohn. Alles scheint perfekt für einen Neustart als unbescholtene Frau.

Doch sie liebt ihren Mann nicht. Auch weil er das Unrecht an der Grenze ausblendet und seinen Einsatz als Grenzwächter mit billigen Erklärungen rechtfertigt. So wie das die ganze Schweiz in dieser Zeit getan hat.

Die Hoffnung

Schliesslich verlässt Emma ihren Mann, zieht los mit dem Baby in die Stadt, ins Ungewisse. Ihr Traum, Krankenschwester zu werden, ist gestorben. Sie arbeitet in einer Munitionsfabrik und kann ihre gestickten Tücher an eine Boutique verkaufen. Aber sie kämpft weiter.

Im Gegensatz zu ihrem früheren Arbeitgeber und Mentor, dem Pfarrer. Er hatte im Gottesdienst immer wieder dazu aufgerufen, nicht wegzuschauen und ist schliesslich an der Haltung der Schweiz im zweiten Weltkrieg zerbrochen. Emma besucht ihn nochmal, bringt ihm frische, duftende Fliederblüten. Er reagiert nicht mehr darauf, ist verstummt.

Die Protagonistin hingegen schafft es, trotz prekärer Bedingungen ein eigenständiges Leben zu führen und sich daran zu freuen. Zum Schluss sieht man sie mit Frauen tanzend an einem Fest mit Klezmermusik. Es ist eine Szene voller Hoffnung. 

In diesen Tagen wird «Silent Rebellion» als Vorpremiere an vielen Orten aufgeführt, oft in Anwesenheit der Regisseurin oder mit Begleitveranstaltungen. Allgemeiner Kinostart ist der 29. Januar: www.outside-thebox.ch

 

Trotz aller Probleme, das Leben feiern. | Filmstill www.outside-thebox.ch

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