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«Wenn wir verlieren, kämpfen wir weiter»

von Marius Schären / reformiert.info
min
13.06.2023
Mit einer Klage gegen den Zementkonzern Holcim fordern vier Menschen aus Indonesien Gerechtigkeit. In Bern erzählten die Betroffenen, wie ihre Lebensgrundlagen bedroht sind.

So neu und erstaunlich die Welt hier f├╝r die beiden Inselbewohnenden ist: Im Gespr├Ąch mit den Parlamentarierinnen und Parlamentariern und Medienleuten war vor allem ihre Betroffenheit und ihr Engagement zu sp├╝ren. Begleitet waren sie von Suci Tanjung, Direktorin der gr├Âssten indonesischen Umweltorganisation Walhi, und Parid Ridwanudin, Climate Justice Campaigner bei Walhi. Diese beiden ├╝bersetzten auch die Aussagen der Kl├Ągerin und des Kl├Ągers auf Englisch.┬á

Meeresanstieg bedroht Existenzen

F├╝r die kleine Insel Pari ist das Thema existenziell. ┬źDie Klimaerw├Ąrmung hat grossen Einfluss auf unser Leben. Wir fangen viel weniger Fische als noch vor ein paar Jahren. Die h├Ąufigeren und extremeren Wetterwechsel machen die Fahrten aufs Meer risikoreicher┬╗, sagte Asmania. Mit ihrem Mann, der Fischer ist, ern├Ąhrt sie drei Kinder ÔÇô und daf├╝r m├╝sse sie immer h├Ąrter arbeiten.

 

Asmania und Edi Mulyono auf der Galerie im Bundeshaus in Bern.

Edi Mulyono und Asmania (ohne Nachnamen) von Pari im Bundeshaus – auf ihrer ersten Reise ins Ausland. | Foto: Daniel Rihs/Heks)

 

Auch Edi Mulyono lebt vom Meer. 2010 seien 87 Fischer in den Wellen gestorben. 2020 seien es bereits ├╝ber 240 gewesen, sagte er in Bern. Und: ┬źDas Steigen des Meeresspiegels schr├Ąnkt auch den Tourismus ein. Es kommen immer weniger.┬╗ F├╝r ihn ist nichts tun also gar keine Option. ┬źWenn wir in diesem Fall vor Gericht verlieren, k├Ąmpfen wir weiter f├╝r Klimagerechtigkeit┬╗, sagte Mulyono. Schliesslich t├Ąten sie das nicht nur f├╝r sich: Es betreffe Millionen von Menschen.┬á

23 Millionen Menschen betroffen

Unterst├╝tzt wurden die Aussagen der Inselbewohnenden von den beiden Mitgliedern der Organisation Wahli und vom Heks, dem Hilfswerk der evangelischen Kirchen Schweiz. Yvan Maillard Ardenti, Verantwortlicher Klimagerechtigkeit, wies in einer Pr├Ąsentation unter anderem darauf hin, dass 199 K├╝stenbezirke und St├Ądte in Indonesien im Jahr 2050 j├Ąhrlich von Flutkatastrophen werden betroffen sein. Ausserdem w├╝rden etwa 118ÔÇÖ000 Hektaren der Landfl├Ąche vom Meer ├╝berflutet und bis zu 23 Millionen Menschen betroffen sein. Die entstehenden wirtschaftlichen Verluste w├╝rden auf rund 100 Millionen Dollar gesch├Ątzt.┬á

 

Die Kampagne zur Holcim-Klage soll die Öffentlichkeit dafür sensibilisieren, dass es ein systematisches Problem gibt.

Da das Heks schon l├Ąnger in Indonesien t├Ątig und Klimagerechtigkeit ein Schwerpunkt seiner T├Ątigkeit ist, unterst├╝tzt es die Klagenden. ┬źDie Kampagne zur Holcim-Klage soll die ├ľffentlichkeit daf├╝r sensibilisieren, dass es ein systematisches Problem gibt┬╗, erl├Ąuterte Maillard Ardenti: Es entst├╝nden klimabedingte Verluste und Sch├Ąden, aber wer diese zurzeit am meisten verursache, zahle nichts.┬á

Vor allem Interesse bei den Gr├╝nen

Bei den Parlamentarierinnen und Parlamentariern stiess die M├Âglichkeit zum Austausch beschr├Ąnkt auf Interesse. Kurz zu Beginn anwesend war Marc Jost (EVP), w├Ąhrend des ganzen Gespr├Ąchs Delphine Klopfenstein Broggini (sie hatte eingeladen), Isabelle Pasquier-Eichenberger und Natalie Imboden (alle Gr├╝ne). Sp├Ąter sprach noch Fabian Molina (SP) mit den G├Ąsten und f├╝hrte sie ein St├╝ck durchs Bundeshaus.┬á┬á

Wir diskutieren hier noch ziemlich gemütlich – aber für andere Menschen werden Auswirkungen der Klimaerwärmung bereits existenziell.

Dabei w├Ąre das Thema von fundamentaler Wichtigkeit, findet zumindest die Berner Nationalr├Ątin Natalie Imboden. ┬źDie eindr├╝ckliche Begegnung mit den Betroffenen hat f├╝r mich klar gezeigt: Wir diskutieren hier noch ziemlich gem├╝tlich ÔÇô aber f├╝r andere Menschen werden Auswirkungen der Klimaerw├Ąrmung bereits existenziell. Wir m├╝ssen vorw├Ąrtsmachen!┬╗ Der an der Klimakonferenz COP27 im vergangenen November in letzter Minute eingerichtete Fonds f├╝r Sch├Ąden und Verluste (Lost and Damage) sei dabei ein wichtiger Schritt. Damit sollen L├Ąnder, die am meisten unter Auswirkungen der globalen Erw├Ąrmung leiden, finanziell unterst├╝tzt werden.

 

Fabian Molina begrüsst gut gelaunt die Gäste aus Indonesionen.

Auch SP-Nationalrat Fabian Molina begrüsste die Gäste aus Indonesien und führte sie ein Stück durchs Bundeshaus. | Foto: Daniel Rihs/Heks

 

Nicht nur ein Thema des S├╝dens

Auch die Genfer Gr├╝ne Delphine Klopfenstein Broggini forderte Massnahmen. ┬źUnd zwar braucht es nicht nur in der Wirtschaft Ver├Ąnderungen: Wir sind klar gefordert, auch politisch zu reagieren.┬╗ Dabei gelte es einerseits Verantwortung in der Schweiz zu ├╝bernehmen, sich aber auch ├╝ber die Grenzen hinweg international zu verbinden und zu handeln.┬á

 

 

Die Inselbewohnerin Asmania wies schliesslich noch auf einen wichtigen Punkt hin, der hierzulande manchmal vergessen zu gehen scheint: ┬źEs ist nicht nur ein Thema des S├╝dens ÔÇô auch der Norden der Erde ist betroffen.┬╗ W├╝rde das Gericht gegen sie entscheiden, w├Ąre das schwach, findet sie. Und es w├╝rde ein Grund sein, ihre Bewegung noch st├Ąrker ausweiten zu wollen.

 

Die Klage gegen Holcim

Warum klagen vier indonesische Menschen den Schweizer Zementkonzern Holcim an? Gem├Ąss Angaben des Hilfswerks Heks verursacht die Zementherstellung 8% aller Emissionen an Kohlendioxid weltweit. Holcim figuriere unter den 50 gr├Âssten Emittenten von CO2 weltweit und sei der gr├Âsste in der Schweiz. Also trage der Konzern (zumindest einen Teil) der Verantwortung f├╝r den Klimawandel.

Mit Unterst├╝tzung des Heks und der indonesischen Organisation Walhi haben vier Inselbewohnende von Pari im Juli 2022 zuerst einen Antrag auf Schlichtung eingereicht. Im Oktober 2022 wurde an der Schlichtungsanh├Ârung zwischen den Parteien aber keine Einigung erzielt. Deshalb reichten die vier am Zuger Kantonsgericht im Februar 2023 Klage ein und beantragten Prozesskostenhilfe. Nun wird auf den Entscheid des Richters gewartet.

Die Klagenden fordern von Holcim, die klimabedingten Sch├Ąden auf der Insel Pari anteilig zu entsch├Ądigen, einen Beitrag zu Anpassungsmassnahmen an den Klimawandel auf der Insel Pari zu leisten und seine absoluten CO2-Emissionen bis 2030 um 43% und bis 2040 um 69% (bezogen auf die Werte von 2019) zu reduzieren. Als L├Âsungen fordern sie weiter, dass L├Ąnder mit hoher historischer Verantwortung wie die Schweiz einen Beitrag an den auf der COP27 vereinbarten Fonds f├╝r Sch├Ąden und Verluste leisten und auch andere Unternehmen ebenfalls f├╝r Verluste und Sch├Ąden aufkommen und ihre Emissionen drastisch reduzieren.

 

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Die Anwältin Nina Burri ist Fachperson für Wirtschaft und Menschenrechte beim Hilfswerk der Evang.-ref. Kirchen Schweiz. Sie verfolgt den Prozess, den bedrohte Fischer gegen Holcim anstreben.