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Judenfeindlichkeit

«Wir sehen eine neue Dimension von Antisemitismus»

von Cornelia Krause/reformiert.info
min
11.03.2024
Der Antisemitismusbericht 2023 zeigt einen massiven Anstieg von Vorfällen in der Schweiz. SIG-Generalsekretär Jonathan Kreutner fordert Sofortmassnahmen vom Bund. 

In 2023 wurden deutlich mehr antisemitische Taten ver√ľbt als in den Jahren, gar Jahrzehnten, zuvor.¬†Ausl√∂ser daf√ľr waren der Angriff der Hamas auf Israel und die darauf folgende israelische Offensive im Gazastreifen.¬†War das f√ľr Sie in diesem Masse zu erwarten?

Es ist schon speziell: Ende September hatten wir die erste Sitzung f√ľr den Bericht des Jahres 2023. Damals war die Lage vergleichsweise erfreulich. Im Gegensatz zu den Jahren 2021 und 2022, die auch pandemiebedingt stark durch antisemitische Verschw√∂rungstheorien gepr√§gt waren, sahen wir insgesamt leicht r√ľckl√§ufige Fallzahlen. Doch dann kam der 7. Oktober. In den folgenden drei Monaten registrierten wir so viele F√§lle, wie noch zu keinem Zeitpunkt. Und die Welle antisemitischer √úbergriffe begann unmittelbar nach den Terrorattacken der Hamas, noch vor dem Beginn der israelischen Bodenoffensive.Sie war quasi eine Reaktion darauf, dass Juden in Israel umgebracht wurden und das Land sagte, es werde sich wehren. Es ist absoluter Humbug, dass die Bodenoffensive der Ausl√∂ser war.

Wie erklären Sie sich das?

Es zeigt, wie stark Antisemitismus latent vorhanden ist und wie wenig es braucht, damit er zum Vorschein kommt. Als Auslöser reichte es aus, dass Israel angegriffen wurde, eigentlich absurd.

Die Vorf√§lle in der digitalen Welt nahmen geringf√ľgiger zu ‚Äď anders als in den Vorjahren.

Das ist so, gilt aber nur bis zum 7. Oktober. Danach, ganz typisch provoziert von einem Trigger, hatten wir zahllose Onlinevorfälle. Ungewöhnlich waren also eher die Monate zuvor, hier hätte man vorsichtig sogar von einer Beruhigung im Onlinebereich sprechen können.

 

Beschimpfungen und Tätlichkeiten

Beschimpfungen und T√§tlichkeiten Seit dem Angriff der Hamas auf Israel und dem Gazakrieg wurden in der Schweiz mehr antisemitische Vorf√§lle registriert als je zuvor. In ihrem j√§hrlichen Antisemitismusbericht schreiben der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) und die Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus von einer ¬ęregelrechten Antisemitismuswelle¬Ľ. Beunruhigten in den letz‚Ä®ten Jahren vor allem vermehrte judenfeindliche √Ąusserungen und Hetze ‚Ä®im Internet, schreckt 2023 die Anzahl der Vorf√§lle in der realen Welt auf. 155 F√§lle wurden bekannt, im Vorjahr waren es noch 57 gewesen. √úber zwei Drittel ereigneten sich nach dem 7. Oktober.

¬ęEine derartige H√§ufung von T√§tlichkeiten, Schmierereien, Beschimpfungen und Vorf√§llen an Demonstrationen ‚Ä®innert so kurzer Zet ist beispiellos¬Ľ, heisst es in einer Mitteilung. Zehn √úbergriffe wurden registriert, im Vergleich zu einem im Jahr 2022. Versch√§rft haben sich auch die Inhalte von Schmierereien und Zuschriften, sie reichten von Todesdrohungen bis hin zu Vernichtungsfantasien. Die Verfasser des Berichts gehen davon aus, dass die Lage im Nahen Osten ‚Ä®unterschiedliche Gruppen zu antisemitischen √Ąusserungen, Taten oder ‚Ä®Parolen veranlasste: sowohl rechts- und linksextreme Personen, pro-‚Ä®pal√§stinensische wie auch solche aus der Mitte der Gesellschaft.

Ein besonderes Augenmerk legt der Bericht auf die an pro-pal√§stinensischen ‚Ä®Demonstrationen skandierte Parole ¬ęFrom the river to the sea, Pales‚Ä®tine will be free¬Ľ. Sie bedeute in Konsequenz ein Ausl√∂schen Israels ‚Ä®und komme einem Gewaltaufruf gleich.

 

Vor einer Woche griff ein Jugendlicher in Z√ľrich einen orthodoxen Mann mit einem Messer an. Das Opfer wurde lebensgef√§hrlich verletzt.¬†Wie ordnen Sie die Attacke ein mit Blick auf antisemitische Vorf√§lle in der Schweiz?

Sie zeigt eine komplett neue Dimension des Antisemitismus in der Schweiz. Eine T√§tlichkeit wie die Messerattacke in Z√ľrich haben wir seit Jahrzehnten nicht erlebt, deshalb ersch√ľttert uns das massiv. Selbst mit Blick auf Nachbarl√§nder wie Deutschland und Frankreich, in denen die Bedrohungslage anders ist, ist diese Tat extrem. ¬†

Es gibt j√ľdische Mitb√ľrger, die der Ansicht sind, der Angriff sei vorhersehbar gewesen, angesichts der politischen Lage und der zahlreichen propal√§stinensischen Demonstrationen. Ist das f√ľr Sie plausibel?

Manche sehen das so. Und tats√§chlich ist seit dem 7. Oktober ein N√§hrboden f√ľr physische Angriffe entstanden. Aber eigentlich haben mich der Zeitpunkt und die Heftigkeit der Attacke doch √ľberrascht. Denn unmittelbar nach dem Angriff auf Israel gab es zahlreiche antisemitische Vorf√§lle in der Schweiz, damals h√§tte ich eher damit gerechnet. Gegen Jahresende hat sich die Lage etwas beruhigt.¬† ¬†

Die Parole ¬ęFrom the river to the sea. Palestine will be free¬Ľ spielt gerade an pro-pal√§stinensischen Demonstrationen eine grosse Rolle. Sie widmen ihr eine ganze Passage in ihrem Bericht. Warum?

Fast bei allen diesen Demonstrationen wurde dieser Slogan als Kampfbegriff skandiert oder auf Schildern gezeigt. Damit wird ein N√§hrboden geschaffen, denn der Slogan richtet sich ganz klar gegen j√ľdische Menschen. Zwischen dem Jordan und dem Mittelmeer liegt Israel mit sieben Millionen j√ľdischen B√ľrgerinnen und B√ľrgern. Befreiung heisst hier Ausl√∂schung und Vertreibung. Alles andere ist ein Sch√∂nreden dieser Tatsache. ¬†

Glauben Sie, das ist im Bewusstsein aller Menschen, die diese Parole verwenden, auch angekommen?

Die einen sind sich dessen sehr bewusst, mit allen Konsequenzen. Die anderen wollen damit provozieren. Andere wissen es vielleicht nicht so genau, deren Naivit√§t ist unfassbar. Es muss doch m√∂glich sein, solche Demonstrationen ohne diesen antisemitischen Gewaltaufruf durchzuf√ľhren.

 

Jonathan Kreutner

Der Historiker ist seit 2009 Generalsekretär des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes (SIG). Seit Anfang 2020 ist er Mitglied der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus (EKR).

 

Was bedeutet der Messerangriff auf den orthodoxen Mann f√ľr das Sicherheitsempfinden unserer j√ľdischen Mitb√ľrgerinnen und Mitb√ľrger?

Schon unmittelbar nach dem Angriff auf Israel war unser Sicherheitsempfinden ersch√ľttert. Doch eigentlich befinden wir uns diesbez√ľglich in einem Dauerzustand. J√ľdische Menschen sind es gewohnt, dass Sicherheitspersonal in ihrem Alltag eine Rolle spielt. Polizisten vor Synagogen und Gemeindeh√§usern irritieren sie nicht. Ich w√ľrde sagen, nach der Attacke herrscht nun Verunsicherung, aber, zumindest bei vielen, keine Angst. Tatsache ist allerdings, dass auch ich mich heute umgeschaut habe, um zu sehen, wer hinter mir l√§uft. In bestimmten Gegenden in Frankreich und Deutschland ist man das gewohnt, aber hier in der Schweiz kannte ich das bisher nicht. ¬†

Im Z√ľrcher Kantonsrat kam es diese Woche zum Eklat nach einer Wortmeldung zur Messerattacke. Ein SVP-Vertreter warf linken Parteien Antisemitismus vor. Sehen oder bef√ľrchten Sie eine Instrumentalisierung des Falls durch die Politik?

Eine Instrumentalisierung darf nicht sein. Dass man diese Tat ‚Äď ein Angriff, bei dem nur durch das beherzte Eingreifen von Passanten kein Mensch gestorben ist, politisch ausnutzen will, geht nicht. Und nicht nur das, es ist auch gef√§hrlich. Denn indem man den Antisemitismus auf ein politisches Spektrum begrenzt, wird er in anderen Bereichen der Gesellschaft ausgeblendet. Antisemitismus manifestiert sich in allen Milieus, er kommt in der linken wie der rechten Ecke vor, unter muslimischen Migranten und in der Mitte der Gesellschaft. ¬†

Aus dieser Tat abzuleiten, dass alle Muslime in diesem Land ein Antisemitismus-Problem haben, wäre falsch und gefährlich.

Wie haben Sie die Anteilnahme in der Bevölkerung erlebt?

Am Wochenende habe ich bereits sehr viele pers√∂nliche Emails erhalten. Das, obwohl nicht absolut klar war, dass die Tat einen antisemitischen Hintergrund hatte. Diese absolute Gewissheit hatten wir erst am Montag bei der Medienkonferenz , bei der ich mit Vertretern von Stadt und Sicherheitsbeh√∂rden auf dem Podium sass. Was offizielle R√ľckmeldungen angeht, haben Stadt und Kanton schnell reagiert. Auch die Unterst√ľtzung der Landesregierung haben wir gesp√ľrt. Es gab ein Treffen zwischen SIG-Pr√§sident Ralph Lewin und Bundesr√§tin Elisabeth Baume-Schneider und mehrere Bundesr√§te haben √∂ffentlich ihre Anteilnahme ausgesprochen.¬†

Die Vereinigung der islamischen Organisationen in Z√ľrich (Vioz) hat sehr schnell nach dem Angriff die Stellungnahme ¬ęNicht in unserem Namen!¬Ľ ver√∂ffentlicht. Was k√∂nnen Religionsgemeinschaften tun, um sich unter diesen schwierigen Umst√§nden nicht spalten zu lassen?

Die Vioz hat die Messerattacke sehr schnell und deutlich verurteilt. Das war sehr wichtig, denn die Tat war ja islamistisch motiviert. Diese Reaktion ist deshalb ein sehr deutliches Signal nach innen, an die eigene Gemeinschaft. Aber auch die j√ľdische Gemeinschaft und unser Dachverband haben eine Verantwortung. Wir d√ľrfen nicht pauschalisieren und stigmatisieren. Wir m√ľssen zwar unsere Befunde offenlegen, Probleme ansprechen und wir d√ľrfen nicht wegschauen. Aus dieser Tat aber abzuleiten, dass alle Muslime in diesem Land ein Antisemitismus-Problem haben, w√§re falsch und gef√§hrlich.¬†

Was sind Ihre Forderungen an die Politik mit Blick auf die Verschärfung der Lage?

Einiges ist ja bereits passiert. Das Hamas-Verbot ist in der Vernehmlassung und muss danach rasch umgesetzt werden. Auch ein positiver Schritt sind die geplante Strategie und der Aktionsplan gegen Rassismus und Antisemitismus, die der Nationalrat vom Bundesrat fordert. Beim Verbot von Nazi-Symbolen drehen wir uns noch immer im Kreis, das darf nicht sein. Grunds√§tzlich braucht es jetzt Sofortmassnahmen: Der¬†Bund¬†muss sein Engagement gegen Antisemitismus verst√§rken und¬†wenn¬†er¬†gewisse Dinge selber¬†nicht¬†tun¬†kann,¬†dann¬†soll¬†er¬†zivilgesellschaftlichen¬†Organisationen,¬†die¬†sich hier seit¬†Jahrzehnten¬†engagieren,¬†unterst√ľtzen.¬† ¬†

Was heisst das konkret?

Bis heute gibt es keine staatliche Meldestelle f√ľr Antisemitismus. In Deutschland organisiert das der Staat, hier m√ľssen wir das selbst organisieren und mehrheitlich tragen,¬† um √ľberhaupt Statistiken und Analysen zum Antisemitismus in diesem Land zu haben. Und auch die Pr√§vention organisieren wir selber, gehen mit Projekten wie Likrat beispielsweise in Schulen. Eigentlich ist Pr√§vention eine staatliche Aufgabe. Die Messerattacke ist ein Weckruf, sie war nicht ein Angriff auf die j√ľdische Minderheit, sondern ein Angriff auf die Schweiz. Jetzt muss es auch der letzte gemerkt haben: Antisemitismus ist nicht ein Problem der Betroffenen, sondern der Gesellschaft, und deshalb ist die Gesellschaft auch in der Verantwortung.

 

(Das Interview wurde am 12.03. mit Blick auf die Veröffentlichung des Antisemitismusberichts aktualisiert)

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