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Wo ist Gott, wenn die Welt zusammenbricht?

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01.01.2016
Kirchen und Theater arbeiten in Bern weiter zusammen. In der neuen Spielzeit gibt es zu insgesamt neun Stücken eine Zusammenarbeit zwischen dem Theater und insgesamt 23 Kirchen, kirchlichen Fachstellen und Religionsgemeinschaften. Den Auftakt macht Kleists «Erdbeben in Chili».

Das Bild auf dem Programmheft der ersten Premiere auf Berns Schauspielbühne könnte aktueller nicht sein: es zeigt die zerstörte Oasenstadt Palmyra. Das von der Terrormiliz Islamischer Staat soeben nochmals heimgesuchte Kulturdenkmal in der syrischen Wüste steht symbolisch für den Kernpunkt in Kleists Novelle: die Frage nach Gott in einer zerstörten Welt.

Der Dialog
Kleist Stück ist das erste, aber bei weitem nicht das einzige Stück in der kommenden Spielzeit, das die Gottesfrage stellt. Bis im Juni 2016 werden unter anderem «Hiob» (Joseph Roth), «Der gute Mensch von Sezuan», «Die Töchter des Danaos» und «Das Tagebuch der Anne Frank» auf die Bühne kommen und «im Dialog mit den lokalen Kirchen und Glaubensgemeinschaften» gezeigt werden. Das bedeutet: die Theaterthemen werden in Gesprächsgruppen, Predigten aufgenommen, vertieft und diskutiert. Kirchgemeinden organisieren Aufführungen in ihren Häusern oder besuchen mit Interessierten Vorstellungen.

Die Prallelen
Als zwei «sehr alte, ehrwürdige Institutionen, die mit Nachwuchsmangel beim Publikum kämpfen», hätten sich die Kirchen und das Theater im der letzten Spielzeit sehr erfolgreich zusammengetan, freut sich die neue Berner Schauspieldirektorin Stephanie Gräve, die diese von ihrer Vorgängerin Iris Laufenberg begonnene Zusammenarbeit unbedingt weiterführen will.

Die Herausforderung
«Wer Katastrophen erlebt und überlebt, der fragt unwillkürlich nach Gott», ist Cornelia Nussberber überzeugt. Die reformierte Pfarrerin an der Kirchgemeinde Bern-Bümpliz hat sich deshalb zusammen mit ihrem Kollegen Kaspar Junker von der Nachbargemeinde Bethlehem entschieden, ein Rahmenprogramm zur Theateraufführung anzubieten. «Wir wollen uns auch mit den dunklen Seiten der Religionen auseinandersetzen», betont Kaspar Junker. Das heisst Fragen stellen wie: Was ist Fanantismus? Gibt es ihn auch bei uns? Wo ist die Grenze zwischen Glaube und Aberglaube? Hat jedes Unglück einen Grund? Solche Fragen seien nötig, findet der junge Theologe, denn gerade das Stück von Kleist, das dieser geschrieben habe, als sein Weltbild zerbrach, zeige, was geschieht, wenn die Menschen Gott zum Mass aller Dinge machten: «Die verschiedenen Menschen übertragen ihre Wünsche, Ängste und Hoffnungen auf ihn. Die Geretteten erleben ihn als den helfenden, die Kirche zeichnet ihn als den rächenden, die fanatisierte Menschen fürchtet ihn als den strafenden Gott».

Die Zusammenarbeit
Mitmachen bei diesem Dialog tun nicht etwa nur die christlichen Kirchen. Über das neu eröffnete «Haus der Religionen» sind auch Muslime und Juden dabei. Die Hiob-Aufführung wird im Februar zu einem Symposium ausgebaut. Und am 4. Mai, am Holocaust-Gedenktag, ist im Haus der Religionen die Anne Frank-Aufführung zu sehen. Die Hauptrolle in diesem Stück spielt übrigens die jüdische Schauspielerin Deleila Piasko. Auf diese Besetzung freut sich Schauspieldirektorin Stephnie Gräve ganz besonders.

Rita Jost, reformiert.bern

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», ref.ch, Kibo


Zum Bild: Szenenbild aus «Das Erdbeben von Chili». Das Stück von Heinrich von Kleist ist noch bis Januar 2016 in der Vidmarhalle Bern zu sehen. Foto: zvg

Das Erdbeben in Chili (Heinrich von Kleist)
Die junge Donna Josephe, Tochter eines reichen Edelmanns in St. Jago, Chili, liebt gegen den Willen ihrer Familie den Hauslehrer Jeronimo. Der wütende Vater verbannt sie ins Kloster, doch auch dort gelingt es den beiden Liebenden, einander zu sehen. Die Frucht ihrer Liebe lasst sich bald nicht verbergen, sie werden ins Gefängnis geworfen und Josephe wird, obgleich nun Mutter, zum Tode verurteilt. Am Tag der Hinrichtung erschüttert ein furchtbares Erdbeben die Stadt St. Jago. Josephe entkommt in letzter Sekunde dem Tod, flieht mit ihrem Kind vor die Stadt. Sie wird überraschend von Jeronimo gefunden, der sich aus dem zusammenstürzenden Gefängnisgebäude retten konnte. Die beiden sind ausser sich vor Glück, als Familie vereint zu sein. Sie treffen auf hilfsbereite, warmherzige Menschen aus der besseren Gesellschaft von Chili, die sie, wohl wissend, um wen es sich handelt, in ihrer Mitte aufnehmen und die Vorräte mit ihnen teilen. Für einen Moment scheint es, als habe die entsetzliche Katastrophe, die unzählige Menschenleben gefordert hat, die Überlebenden besser gemacht. Voller Dankbarkeit gehen Josephe und Jeronimo mit ihren neuen Freunden zur Messe in die Kathedrale. Sie wollen Gott für ihre Rettung danken. Doch dort treffen sie auf einen eifernden Priester und eine hasserfüllte, rachsüchtige Menge ...
Spieldaten unter: www.konzerttheaterbern.ch

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