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«Wunder eine Aufforderung, sich den Möglichkeiten des Lebens zu öffnen»

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01.01.2016
Buchpräsentation: Antologie zum Thema Wunder. In einer Lesung stellen Judith Kuckart , Urs Faes und Heinrich Steinfest ihre Beiträge vor und diskutieren mit der Literaturkritikerin Klara Obermüller. Ein Vorgespräch mit Urs Faes.

Wunder muten in einer aufgeklärten Welt, in der das Messbare und wissenschaftlich Belegbare das Mass aller Dinge zu sein scheinen, wie ein Relikt aus vergangenen Tagen an. Und doch fasziniert das Thema die Menschen nach wie vor. So verwundert es nicht, dass demnächst ein Buch erscheint, das sich dem Phänomen Wunder aus verschiedenen Blickwinkeln anzunähern versucht: «Wunder. Variationen von Zszusa Bánk bis Feridun Zaimoglu». Denn um ein Phänomen, eine Erscheinung oder die Wahrnehmung eines Ereignisses handelt es sich ja bei einem Wunder.
Der Zürcher Schriftsteller Urs Faes zählt zu jenen, die einen Beitrag zum oben erwähnten Buch beigesteuert haben. In seinem letzten Werk «Paarbildung» erzählt er die Geschichte einer an Brustkrebs erkrankten Frau, die während der Behandlung nach längerem Getrenntsein wieder auf ihren Liebhaber trifft. Die Ausnahmesituation schafft einen Rahmen, in dem Innehalten und Reflexion möglich werden und Unerwartetes entstehen kann Wunder?
Die Erfahrungen, die Urs Faes Roman zugrunde liegen er verfolgte während eineinhalb Jahren den Spitalbetrieb einer radioonkologischen Abteilung, fliessen auch in den Text im Buch über die Wunder. Zwei Bibelstellen wurden dem Schriftsteller vorgegeben: Der Durchzug der Israeliten durch das geteilte Meer auf der Flucht vor den sie verfolgenden Ägyptern und die Wiedererweckung des Jünglings von Nain. Letztere Wundererzählung aus dem Neuen Testament ist Ausgangsmotiv für den Beitrag von Urs Faes. Inhaltlich wird eine Spontanheilung geschildert, Krebszellen, die plötzlich nicht mehr unbändig wachsen, sondern überraschend absterben, entgegen den wissenschaftlich-medizinischen Gesetzen.
Gerade bei einem solchen Ereignis geschieht jenes Wunder, das wir per Definitionem heute noch zulassen können: Nämlich ein Vorgang, der wissenschaftlich nicht erklärt werden kann. Noch nicht, möchte man anfügen. Denn Vieles, was früher als Wunder gewertet wurde, ist heute erklärbar. Sind deshalb Wunder heute so selten?
Urs Faes sieht das ganz anders. Nicht die Definition des Wunders ist ihm wichtig, sondern die Haltung der Menschen, die am Wunder beteiligt sind. Im Dreigespann von Definition, Wahrnehnung, Interpretation geht es Urs Faes vornehmlich um die Wahrnehung. Sie bildet den zentralen Punkt. Weil wir im rasanten Alltag unbeirrt unsere Ziele verfolgen und und uns geistig immer schon am nächsten Ort befinden, obwohl wir physisch noch nicht dort sind, fehlt uns der Blick und die Offenheit für die Fülle an anderen Wegen und Möglichkeiten, die, entgegen der alltäglichen Realität, eintreten könnten.
Und damit sind wir wieder beim Innehalten. Offen sein für das, was sich uns auf unserem Weg alles an Möglichkeiten ergeben kann. Denn das ermöglicht die zugegeben oft kleinen und unscheinbaren Wunder des Alltags, gelegentlich sogar die grossen. Sie geschehen nicht dort, wo wir sie erwarten, und nicht so, dass wir sie sofort als solche erkennen, sondern sie durch unsere Haltung möglich machen. Manchmal ereignen sie sich auf dem Nebenschauplatz, an dem wir mit stierem, auf unsere nächstes Ziel gerichten Blick, vorbeigehen.
Urs Faes vermeidet es, Interpretationen zu geben. Er gibt den Lesenden lieber Leerräume, die sie mit ihrem Hintergrund und aus ihren Erfahrungen heraus füllen können. Denn auch hier gilt: Der Möglichkeiten sind viele. Nur was wir zulassen und überhaupt in Betracht ziehen, kann auch möglich, kann Wirklichkeit werden viellicht. Wunder sind deshalb, so Urs Faes, eine Aufforderung, uns den Möglichkeiten des Lebens zu öffen.
Wenn das Buch «Wunder. Variationen von Zszusa Bánk bis Feridun Zaimoglu» uns dem einen Schritt näher bringt, dann ist allein das schon richtig, ein kleines Wunder.



Bücher
Paarbildung, Urs Faes, Suhrkamp Verlag, ISBN: 978-3-518-42171-0, 28.50 Fr.
Wunder. Variationen von Zsusa Bánk bis Feridun Zaimoglu, edition chrismon ISBN 978-3-86921-097-1.

Lesung
Mittwoch, 28. März, 19 Uhr, Leonhardskirche

Franz Osswald

Links:
www.forumbasel.ch

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