Zeugnisse der europäischen Kultur- und Geistesgeschichte
1886 war ein historisch bedeutsames Jahr: John Stith Pemberton verkaufte in Atlanta erstmals ein Getränk unter dem Namen Coca-Cola. Carl Benz beantragte für das von ihm gebaute Automobil ein Patent. Und der Schweizer Julius Maggi erfand eine nach ihm benannte Würzsauce. Auch in Basel ereignete sich Bedeutendes, das bis in die heutige Zeit nachwirkt.
Anfang Mai 1886 nahm die Chr. Merian’sche Stiftung nach dem Tod von Margaretha Merian ihre Tätigkeit auf. Ausserdem gelangten im selben Jahr «Teile der Sammlung Falkeisen – bestehend aus Drucken und Handschriften – zusammen mit dem Kirchenarchiv an die Universitätsbibliothek», sagt Noah Regenass, Bereichsleiter Historische Sammlungen Unibibliothek Basel. «Die grafischen Blätter wurden dem Kunstmuseum übergeben.»
Sammlung und Kirchenarchiv
Die Sammlung Falkeisen bezeichnet ein Konvolut von Handschriften, Drucken und Grafiken, die von Pfarrer Theodor Falkeisen-Bernoulli und seinem Sohn, Antistes Hieronymus Falkeisen, angelegt wurde. Sie umfasst zirka 125 Laufmeter. «Thematisch beschäftigt sich die Sammlung vorwiegend mit der Basler und der Schweizer Geschichte sowie mit Literatur», erklärt Regenass. «Im Jahr 1823 schenkte der kinderlose Hieronymus Falkeisen seine gesamte Sammlung dem Kirchenarchiv, darunter auch Grafiken, Karten und Zeichnungen.»
Der besondere Wert dieser Sammlungen liegt in ihrer Fähigkeit, Vergangenheit als etwas Lebendiges erfahrbar zu machen.
Beim Kirchenarchiv handelt es sich um eine Sammlung der Evangelisch-reformierten Kirche Basel-Stadt, bestehend aus einem klassischen Archivteil sowie aus historischen Manuskripten und Drucken. «Während die klassischen Archivalien infolge des Abrisses des Kapitelhauses an der Rittergasse an das Staatsarchiv übergeben wurden, gelangten die wissenschaftlichen Bestände 1886 als Depositum an die Universitätsbibliothek», legt Noah Regenass dar.
«Das Kirchenarchiv umfasst Brief- und Aktenbände – unter anderem von Persönlichkeiten wie Wolfgang Fabricius Capito, Matthias, Bonifacius Amerbach – und bringt es auf rund 90 Laufmeter.» Ende 2025 gingen sowohl die Sammlung Falkeisen wie auch das Kirchenarchiv als Schenkung in den Besitz der Universitätsbibliothek Basel über.
Preziosen und Manuskripte
Laut Regenass wäre es unseriös, für die Sammlung und das Archiv einen finanziellen Wert zu beziffern. Ein grosser Teil der Sammlungen bestehe aus handschriftlichen, unikalen Objekten, die sich einer marktüblichen Bewertung entziehen. «Ihr Bedeutungsgehalt erschliesst sich nicht über Zahlen, sondern über ihren Platz im kulturellen Gedächtnis», sagt Noah Regenass. «Im Vordergrund steht der kulturelle Wert.» Und dieser lasse sich sehr wohl benennen. «Die Dokumente, darunter zahlreiche Briefe aus der Zeit der Reformation und des Humanismus, vermitteln ein ausserordentlich differenziertes Bild der damaligen Kultur- und Geistesgeschichte. Sie machen Denkweisen, Konflikte und Netzwerke sichtbar, die Europa in einer Phase tiefgreifender Umbrüche nachhaltig geprägt haben.»
Gerade die Korrespondenzen würden einen unmittelbaren Zugang zu den intellektuellen Aushandlungsprozessen jener Zeit erlauben. «In ihnen verdichten sich Fragen nach Glauben, Bildung, Macht und Verantwortung, aber auch nach individueller Gewissensfreiheit und sprachlicher Verständigung über politische und konfessionelle Grenzen hinweg», ergänzt Regenass. Die Briefe seien damit nicht bloss historische Quellen, sondern Zeugnisse einer europäischen Kommunikationskultur, in der Dialog, Kritik und Gelehrsamkeit als tragende Prinzipien verstanden wurden.
Fruchtbare Zusammenarbeit
Die Objekte der Sammlung Falkeisen und des Kirchenarchivs befinden sich seit bald 140 Jahren in der Basler Universitätsbibliothek, wo sie gehütet, katalogisiert und mit Sorgfalt gepflegt werden. «Die Schenkung verändert diesen verantwortungsvollen Umgang nicht grundlegend, sondern gibt ihm vielmehr eine neue, zukunftsgerichtete Perspektive», sagt Regenass.
Er lobt die wunderbare Zusammenarbeit von Unibibliothek Basel und reformierter Kirche im Zusammenhang mit der Schenkung. «Insbesondere möchte ich Lukas Kundert und dem Kirchenrat danken. In den gemeinsamen Treffen entwickelte sich ein fruchtbarer Austausch, der von Offenheit, Vertrauen und einem gemeinsamen Verantwortungsbewusstsein für das kulturelle Erbe getragen war.»
Zeugnisse der europäischen Kultur- und Geistesgeschichte