Zuhören verändert – beide Seiten
Für Stefanie Pfister bedeutet Zuhören weit mehr als «nur Zuhören». Es ist eine Haltung, eine Form der Präsenz. «Am Ende zählt das Menschliche – da sein, zuhören, Anteil nehmen, ohne zu werten», sagt sie. Früher sass sie selbst am Telefon, heute bildet sie jene aus, die dort Menschen in Krisen begleiten.
Der Weg dorthin war nicht geplant, sondern gewachsen. Nach ihrem Studium der Arbeits- und Organisationspsychologie arbeitete Stefanie Pfister ursprünglich im betrieblichen Umfeld, bis sie auf ein Inserat stiess: Gesucht wurden Freiwillige für die Dargebotene Hand. «Ich fand das faszinierend: anonym zuzuhören, ohne Blickkontakt, nur mit der Stimme», erinnert sie sich. Sie bewarb sich, durchlief die Ausbildung und nahm erste Gespräche entgegen. Und diese prägten sie. Die Freiwilligenarbeit bei der Dargebotenen Hand hat ihre ganze berufliche Richtung verändert. Aus dem Interesse wurde Berufung: Heute arbeitet sie zwar weiterhin im arbeitspsychologischen Kontext, begleitet aber auch Menschen psychotherapeutisch und gibt ihr Wissen an jene weiter, die ehrenamtlich für andere da sind.
Manche suchten Orientierung, andere ein Gegenüber
Pfister erinnert sich gut an ihre Anfangszeit am Telefon bei der 143: an Stimmen voller Angst, Einsamkeit, Überforderung. «Oft wollten die Menschen einfach nicht allein sein mit dem, was sie gerade durchmachten.» Manche suchen Orientierung, andere ein Gegenüber, das aushält, ohne zu werten, und dem man Gedanken öffnen kann, die sie sich sonst niemandem anvertrauen können. Wieder andere rufen an, weil sie sich sorgen, grübeln, nicht schlafen können oder weil sie in einer Beziehungskrise, Trauer oder Erschöpfung stecken. Es sind Gespräche über das Leben in all seinen Facetten: über Verlust, Zweifel, Überforderung und über Hoffnung. «Manchmal merkt man erst im Gespräch, dass es um etwas ganz anderes geht, als am Anfang gesagt wird, meist um die Sehnsucht nach Verbindung, nach einem Moment, in dem jemand einfach da ist», erzählt Stefanie Pfister.
Bis heute empfindet sie diese Erfahrung als prägend: «Ich war damals tief berührt, wie viele Menschen in unserer reichen Schweiz in Armut oder Einsamkeit leben. Das war mir vorher nicht bewusst.» Die gesellschaftlichen und geopolitischen Krisen der letzten Jahre – Pandemie, Krieg, Unsicherheit – hätten das Bedürfnis nach Halt noch verstärkt, weiss sie.
Heute leitet Stefanie Pfister Ausbildungsblöcke und Fachaustausche bei der Dargebotenen Hand. Sie begleitet Freiwillige, wenn schwierige Gespräche nachwirken, oder hilft, wenn sie Unterstützung brauchen. «Manchmal genügt es, über das Erlebte zu sprechen. So wie die Anrufenden selbst jemanden brauchen, brauchen auch die Zuhörenden Begleitung.» Für die 43-Jährige ist das Zuhören eine gegenseitige Bewegung: «Ich glaube nicht, dass ich es besser weiss als mein Gegenüber. Aber wir können gemeinsam hinschauen, verstehen, was gerade ist. Und manchmal entsteht dann etwas Neues – ein Gedanke, ein Gefühl, ein Stück Klarheit.»
Es geht um Würde und Präsenz
Was sie an der Arbeit besonders schätzt, ist der Raum für Tiefe. «Hier geht es nicht um Fallzahlen oder Krankenkassenberichte. Es gibt keinen Druck, etwas leisten zu müssen. Es geht um Würde und Präsenz. Darum, einfach da zu sein.» Das unterscheidet die Dargebotene Hand, die von der Reformierten Kirche Kanton Luzern unterstützt wird, von vielen staatlichen Angeboten. «Wir dürfen offen bleiben für Sinnfragen, für Stille, für das, was zwischen den Worten geschieht.»
Zuhören ist für sie auch eine Form gelebter Spiritualität. «Unabhängig von der Glaubensrichtung entsteht in echten Begegnungen etwas Verbindendes. Da sein, ohne etwas zu wollen, das hat für mich etwas sehr Tiefes.» Ihren persönlichen Glauben beschreibt sie als Haltung der Verbundenheit: Glaube ist für sie keine Institution, sondern Vertrauen.
In ihrer Arbeit erlebt die Mutter zweier Teenager-Jungs beides – das grosse Leid und die erstaunliche Widerstandskraft der Menschen. «Manchmal frage ich mich, wie jemand so viel tragen kann. Und dann bin ich tief beeindruckt, was trotzdem noch möglich ist.» Hoffnung, sagt sie, bedeute für sie Zukunft: «Die Hoffnung ist nicht immer da. Manchmal muss man sie sich selbst schenken. Oder jemand anderes glaubt und hofft für dich, bis du wieder kannst.»
Klavierstück am Telefon
Wenn sie von der Arbeit erzählt, klingt trotz aller Schwere Dankbarkeit mit. «Ich darf in so viele Lebenswelten eintauchen, das ist ein Geschenk.» Und auch wenn manche Geschichten nachhallen, hat sie gelernt loszulassen. Früher wollte sie oft wissen, wie es weitergeht. Heute denkt sie: «Ich war in diesem Moment da, und das reicht.»
Eine ihrer schönsten Erinnerungen ist ein Anruf, der harmlos begann: Ein Mann wollte am Telefon ein Klavierstück vorspielen, das er gerade übte. Erst im Gespräch wurde ihr klar, dass er es eigentlich jemandem vorspielen wollte, der nicht mehr da war. «Das war berührend. Da steckte so viel Sehnsucht und so viel Menschlichkeit drin. Ich habe das Gespräch nie vergessen.»
Wenn Stefanie Pfister nach einem Arbeitstag nach Hause geht, weiss sie, dass es ein guter Tag war, «wenn ich wirklich präsent war und wenn ich spüre, wie viel Dankbarkeit in diesen Begegnungen liegt». Dann ist sie sicher: Zuhören verändert – beide Seiten.
Zuhören verändert – beide Seiten