Zwischen Zweifel und Vertrauen
«Ich bin der Ulf, der Mensch»: So schlicht antwortet Ulf Becker auf die Frage nach seiner Identität jenseits des Pfarramts. Becker ist Theologe, Pfarrer in Reiden seit 2008 und Synodalrat seit 2017. Doch Titel sind ihm nicht wichtig. Erst kommt der Mensch, dann das Amt.
Becker, Jahrgang 1965, ist in Nordhessen aufgewachsen, in einer ländlichen Gemeinde mit rund 3500 Einwohnern. Ein Dorf, das Halt geben kann und gleichzeitig eng wird, je älter man wird. Er stammt nicht aus einer Pfarrfamilie, aber Kirche gehörte dazu. Nicht im Zentrum, eher am Rand. Man ging hin, wenn es passte: zu besonderen Anlässen, zur Konfirmation, zu Hochzeiten oder Beerdigungen. Die Grossmutter war die Religiöseste – regelmässig, liberal, unaufgeregt. Dass ausgerechnet er später Theologie studieren würde, war keineswegs vorgezeichnet.
Der Weg beginnt leise, fast beiläufig: mit einem Konfirmationsunterricht, in dem er ernst genommen wird. Ein junges Pfarrehepaar, das Diskussionen zulässt, das Fragen nicht abwehrt, sondern aushält. Becker spricht von dieser Zeit mit spürbarer Dankbarkeit. Glaube war hier kein fertiges Paket, sondern etwas, was sich im Gespräch entwickeln durfte. Kurz darauf folgt ein Betriebspraktikum beim Pfarrer – «aus Witz», wie er sagt. Vierzehn Tage mitlaufen, zuschauen, mitdenken. «Ich war erstaunt über die Vielfalt dieses Berufes, der weit mehr ist als Unterricht und Sonntagspredigt», erinnert er sich.
Als Jugendlicher engagiert sich Ulf Becker stark in der Sonntagsschule und der Jugendgruppe. Kirche ist für ihn in dieser Zeit ein Ort, an dem man Verantwortung übernehmen, Dinge ausprobieren und Wirkung entfalten kann. Nicht spektakulär, aber spürbar.
Spannung und Vielseitigkeit
Auch die Studienwahl folgt keiner geraden Linie. Becker denkt über Naturwissenschaften nach, über Chemie oder Mathematik, entscheidet sich schliesslich aber für Theologie – nicht zuletzt aus praktischen Gründen wie Studienplatz und Wohnsituation. «Mit 18 oder 19 steht einem die Welt offen», sagt er, «und man weiss nicht, ob man mit 30 noch dasselbe will.» Er beginnt das Studium mit der klaren Vorstellung, Pfarrer zu werden, und merkt bald: Die akademische Laufbahn allein ist es nicht. Ihn zieht es zu den Menschen, in die Praxis, in die Begleitung und die Seelsorge.
Bis heute ist es genau diese Spannung und Vielseitigkeit, die ihn im Beruf hält: die Verbindung einer jahrtausendealten Tradition mit den Fragen und den Herausforderungen der Gegenwart. Becker spricht offen darüber, dass Bibelworte nicht einfach über Menschen «gestülpt» werden können. Glaube müsse sich an der Lebenswirklichkeit bewähren, müsse zuhören, mitgehen, aushalten. Pfarrer zu sein, so beschreibt er es, ist Beziehungsarbeit: fordernd, zeitintensiv, oft unplanbar, aber genau darin sinnstiftend.
Grundhaltung des Vertrauens
Sein Glaube hat sich verändert. Und er hofft, dass er es weiterhin tut. Was geblieben ist, ist eine Grundhaltung des Vertrauens, eine «Grundschwingung», wie er es nennt. Sätze wie «Du kannst nicht tiefer fallen als in Gottes Hand» tragen ihn, ohne alles zu erklären. Zweifel gehören für ihn selbstverständlich dazu, jeden Tag. Entscheidend sei, dass sich das Vertrauen immer wieder neu zusammensetze.
Als Theologe versteht Ulf Becker Glaube nicht als fertiges System, sondern als offenen Deutungsprozess. Theologie bedeutet für ihn, biblische Texte, kirchliche Tradition und heutige Lebenswirklichkeit immer wieder neu miteinander ins Gespräch zu bringen. In seiner Rolle als Synodalrat für Theologie geht es ihm weniger um Dogmen als um Orientierung: Wie bleibt Kirche sprachfähig in einer Zeit, in der Gewissheiten brüchig sind? Becker sieht Theologie als kritisches Korrektiv – auch gegenüber der eigenen Kirche. Sie soll Fragen zulassen, Spannungen aushalten und helfen, verantwortliche Entscheidungen zu treffen, die nicht nur organisatorisch, sondern auch geistlich getragen sind.
Über die Gemeindegrenzen hinaus
Auch das Amt als Synodalrat hat er nicht aktiv gesucht. Es kam eine Anfrage, ein freier Sitz, ein Gespräch. Ihn reizt der Blick über die eigene Gemeinde hinaus: Kirche als Ganzes zu denken, Strukturen mitzugestalten, Spannungen auszuhalten und unterschiedliche Perspektiven zusammenzuführen. Wichtig ist ihm dabei vor allem eines: dass Wirkung nicht an Namen hängt. Wenn etwas trägt, genügt das.
Privat schätzt Becker die einfachen Dinge: Begegnungen mit Menschen, Zeit mit der Familie – er ist Vater zweier erwachsener Kinder –, handfeste Projekte, Bücher jenseits theologischer Fachliteratur, das Unterwegssein im Dorf. Becker lacht gern – über Wortspiele, über Alltagsbeobachtungen, über die kleinen Schräglagen des Lebens. Leichtigkeit findet er dort, wo er nicht funktionieren muss, sondern einfach sein darf. Ulf. Keine Marke, kein Titel. Einfach ein Pfarrer und Theologe und ein Mensch, der neugierig geblieben ist, der Fragen nicht scheut und der daran glaubt, dass Glaube nicht bequem sein muss, um tragfähig zu sein.
Zwischen Zweifel und Vertrauen