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Kultur

Das Wort wurde Licht und Glanz

Wie kommt es, dass es in vielen reformierten Kirchen der Schweiz Glasfenster von berühmten Künstlern hat? Was suchen die Fenster von Chagall im Fraumünster in Zürich und die von Polke im Grossmünster? Ausgerechnet in Zürich, wo Zwingli die Bilder aus den Kirchen verbannt hat.

Dem Bildersturm entging keine der re-formiert gewordenen Kirchen in der Schweiz. Überall wurden die Altäre mit ihren Bildern und ihrer üppigen Ausstattung entfernt, Skulpturen von Heiligen wurden entsorgt, Wandbilder übermalt. Die Kunstwerke galten als Zeugen des Glaubens, mit ihnen waren Frömmigkeitspraktiken verbunden, die die Reformatoren ablehnten. Zwingli verbot das Anbeten der Heiligen, er unterband den Ablass, der oft mit der Stiftung von Altären und ihrer Ausstattung verbunden war. Im Zentrum des reformierten Glaubens stand allein die Bibel. Eine Ausnahme allerdings machte man bei den Glasfenstern. So hat sich beispielsweise im Berner Münster die gesamte vorreformatorische Chorver-glasung erhalten. Hier verhielt man sich pragmatisch. Die riesigen Fensterflächen neu zu verglasen, wäre enorm teuer gewesen.

Zwingli begründete die Rechtmässigkeit des Verbleibs der Glasfenster damit, dass die Darstellungen in den Fenstern ja nicht verehrt würden und deshalb von ihnen keine Gefahr des Rückfalls in die «abgöttery» ausgehe (Zwingli Werke, Bd. 4, S. 95). Er verbot nur Kultbilder. Die Glasfenster zählten nicht dazu. In den folgenden Jahrzehnten verschwanden die mittelalterlichen Glasfenster gleichwohl aus den meisten reformierten Kirchen. Dem reformierten Verständnis von Kirche entsprachen helle Räume, als Ausdruck des vom Evangelium ausgehenden strahlenden Lichts. So bevorzugte man Blankverglasungen. Nur vereinzelt wurden neue Glasfenster geschaffen, bei denen es sich jedoch lediglich um kleine Wappenscheiben handelt.

Revival im 19. Jahrhundert

Im 19. Jahrhundert schien man dieses Erbe einer spezifisch reformierten Ästhetik zu vergessen. Im Zuge des Historismus versuchte man bei den vorreformatorischen Kirchen das ursprüngliche Erscheinungsbild zu rekonstruieren. So erhielt beispielsweise das Basler Münster eine komplette Neuausstattung des Chors mit Glasfenstern.

Auch Neubauten wie die Basler Elisabethenkirche versah man mit wunderbaren Glasfensterensembles, die den Kirchen eine fromme Stimmung verleihen sollten. Im Stil sind diese Fenster von denjenigen, die zur gleichen Zeit für
katholische Kirchen geschaffen wurden, kaum unterscheidbar. 

Bei den Inhalten gibt es zwischen den Konfessionen Unterschiede. Häufig finden wir in den reformierten Glasfenstern Bilder des Lebens Jesu, insbesondere Geburt, Kreuzigung und Auferstehung. Beliebt waren auch Darstellungen der vier Evangelisten, der alttestamentlichen Propheten sowie der Reformatoren. Damit war der Bilderbann bei den Reformierten gebrochen. 

Auch Neubauten wie etwa die Jugendstilkirchen von Karl Moser erhielten nun reiche Glasfensterausstattungen. Allerdings blieb es in der Regel bei Glasfenstern. Mit anderen Bildwerken war man weiterhin zurückhaltend. 

Blütezeit im 20. Jahrhundert

Im 20. Jahrhundert begann man im gros-sen Stil die reformierten Kirchen – vor allem die vorreformatorischen, weniger die Neubauten – mit Glasfenstern auszustatten. Nun allerdings nicht mehr im historisierenden Stil, sondern mit modernen Fenstern. Es fand ein regelrechter Wettstreit zwischen den Gemeinden statt, wobei immer wieder die gleichen Künstler – eine gute Handvoll – zum Zuge kamen: der Bündner Augusto Giacometti, der Zürcher Max Hunziker, im Aargau Felix Hofmann und im Bernbiet Max von Mühlenen.

Diese Künstler arbeiteten fast nur für reformierte Kirchen und wählten für ihre Fenster eine spezifisch reformierte Ikonographie. Es handelt sich ausschliesslich um figürliche Bilder, um Erzählbilder, die man mit biblischen Texten in Verbindung bringen kann. Ab-strakte Glasbilder, wie sie in der Nachkriegszeit in den katholischen Kirchen beliebt waren, gibt es in den reformierten Kirchen der Schweiz kaum. Die durch die Abstraktion erzeugte mystische Stimmung empfand man für reformierte Kirchen als unpassend. Hier galt als Kriterium, dass ein klarer Bezug zwischen Bild und Wort erkennbar war.

Neue Ansätze im 21. Jahrhundert

Die Geschichte der Glasmalerei bewegt sich seit dem Mittelalter in Wellen. Es gibt Zeiten, wo sich die Gattung grosser Beliebtheit erfreut und Zeiten, wo sie fast gänzlich in Vergessenheit gerät. In ein Wellental geriet sie im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts. Erst nach der Jahrtausendwende ging es wieder aufwärts, doch die Blütezeit, die die Glasmalerei in der Mitte des 20. Jahrhunderts erlebte, wurde nicht wieder erreicht. 

Eine reformierte Ikonographie ist bei den jüngeren Glasfenstern kaum mehr erkennbar. Es finden sich darunter rein abstrakte Fenster wie im Auditoire Calvin in Genf (Udo Zembok) oder in Sissach (Remo Hobi), andere, die stark auf die Farbe setzen wie in der Niklauskapelle in Basel, in der ökumenischen Kirche in Flüh (beide Samuel Buri) oder in Pratteln (Claudia und Julia Müller) und solche, die stärker figürlich sind wie die Fenster im Grossmünster in Zürich (Sigmar Polke). 

Die Entstehung dieser jüngsten Fenster ist darauf zurückzuführen, dass heute bei den Reformierten verstärkt künstlerische und sinnliche Elemente auch im Gottesdienst Einzug halten. Glasfenster unterstützen diese Tendenz, indem sie eine neue Farbigkeit in die Kirchen bringen.

Johannes Stückelberger, Kunsthistoriker und Dozent für Religions- und Kirchenästhetik an der Theologischen Fakultät Bern
Kirchebote, 19.2.2018