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Mani Matter: Die Menschen haben Gott vergessen

von Christian Kaiser / reformiert.info
min
31.03.2023
50 Jahre nach Mani Matters Tod zeigen neue Dokumente: Der Chansonnier war auch ein Gottsucher und plante gar eine «Verteidigung des Christentums». Der Revoluzzer und gedankliche Querschläger war zwar ein Kritiker der Kirche, setzte sich aber für die Bewahrung des christlichen Fundaments ein.

Mani Matter sagte von sich, er sei areligiös erzogen worden. Sein Vater las den Kindern am Sonntag aus Wilhelm Busch vor, nicht aus der Bibel, und bei Tisch wurde nicht gebetet. Die Zeit bei der Fahrt in die Ferien vertrieb man sich mit Wortspielereien, z.B. mit dem Durchdeklinieren von Ortsnamen: Ich bellinzona, du bellinzonast, er bellinzonat usw. Dass aus Mani Matter später einer der grössten Schweizer Wortkünstler und Chansonniers aller Zeiten wurde ist hinlänglich bekannt, weit über die Landesgrenzen hinaus. Auch 50 Jahre nach seinem plötzlichen Unfalltod singen Schulkinder seine Lieder auf dem Schulweg, und die Rapperszene bastelt fleissig weiter an zeitgenössischen Coverversionen der Werke des Berner «Verslischmieds».

 

Matters private Seite kommt zum Vorschein

Noch immer wenig bekannt ist eine private, nachdenkliche Seite des Juristen und Kabarettisten: Matter beschäftigte sich intensiv und – wie für den scharfsinnigen Denker üblich auf hohem intellektuellem Niveau – mit Fragen rund um Christentum, Glaube und Religion. In welchem Ausmass er dies tat und mit welcher Verve und Akribie geht immer deutlicher aus seinem Nachlass hervor.

Seine Notizbücher, Textskizzen und Entwürfe auf Loseblättern wurden posthum nach und nach veröffentlicht: 1974 die «Sudelhefte» mit Notizen zwischen 1958 und 1971; 2011 Matters bis dahin übersehenes Notizbuch, das er während eines Aufenthalts mit der ganzen Familie in Cambridge 1968 führte; und zuletzt 2016 die Textsammlung «Was kann einer allein gegen Zen Buddhisten», die kürzere Schriftstücke des jungen Mani Matters enthält. Zudem wurden rund 1000 Seiten Aufzeichnungen aus dem Familienbesitz transkribiert, die seit 2017 im Schweizerischen Literaturarchiv in Bern einsehbar sind.

 

Vom Wert des christlichen Erbes fĂĽr eine funktionierende Gesellschaft

Eine der Überraschungen in den «Sudelheften» war, dass Mani Matter sich vorgenommen hatte, eine «Verteidigung des Christentums» zu schreiben. Rund zehn Seiten in den 130-seitigen Sudelheften können als Vorüberlegungen für ein solches Werk gelten. Der Jurist, 1961 hatte Mani Matter das bernische Fürsprecher-Patent erworben, hegte offenbar die Absicht, zum Fürsprecher des christlichen Glaubens zu werden! Und wie ein guter Anwalt sammelte er in seinen Notizen Argumente, die für das Christentum sprechen.

Etwa beklagte er, dass die Unkenntnis des christlichen Gedankenguts verbreitet sei und dass immer weniger Menschen wüssten, wie wichtig christliche Werte für eine funktionierende Gesellschaft seien: «Unsere besten Motive, die uns so selbstverständlich sind, dass wir sie als fraglos und allgemein menschlich ansehen, sind unser christliches Erbe. ... Die meisten Leute wissen nur nicht mehr, was alles sie dem Christentum verdanken.»

 

Seiner Zeit weit voraus

Paul Bernhard Rothen, bis 2010 Pfarrer am Basler Münster und danach im Appenzellischen, durchforschte Matters Aufzeichnungen. Sein Buch über «Mani Matter und die Verteidigung des Christentums» erschien vor zehn Jahren zum 40. Todestag. Pfarrer Rothen ist überzeugt, dass Matters Überlegungen heute aktueller denn je sind. Er schreibt: «Matter war in seinem Denken seiner Zeit weit voraus.

Rothens Buch trägt den Titel «i de gottvergässne stedt», ein Zitat aus einem Liedtext Matters. Der Refrain des Songs stellt die Frage, ob es der Endpunkt der menschlichen Entwicklung von 5000 Jahren sei, von nichts anderem mehr zu träumen als vom Luxuslotterleben in gottvergessenen Städten. Darin zeigt sich ein mögliches Motiv Matters, das Christentum zu verteidigen: Die Menschen haben Gott vergessen, und Gott vergisst die Menschen in ihren Sackgassen der Wohlstandsgesellschaft.

 

Mani Matter, ein «unüblicher» Revolutionär

Laut Rothen hat sich Mani Matter 1968 gefragt, ob es seine Aufgabe sei, das Christentum so zu verteidigen, «dass es sich von der Anklagebank erheben und gerechtfertigt seinen Teil zum gemeinsamen Wohl – oder gar zu einem zukünftigen Heil – beitragen kann?» Matter hat den ganzen Kanon der neueren theologischen Fachliteratur studiert und konzis zusammengefasst: Karl Barth, Ernst Bloch, Martin Buber, Dorothee Sölle, Augustin, Pelagius, Rudolf Karl Bultmann oder auch der Atheist Bertrand Russell fanden Eingang in seine Notizen. Mit Kurt Marti stand er in Briefkontakt. Auch Dadaisten wie Kurt Schwitters und Hans Arp hatten es ihm angetan.

In seiner Zeit in Cambridge beschäftigt er sich lieber mit Franz von Assisi und den Dadaisten als an seiner Habilitationsschrift über Staatstheorie zu arbeiten. Und Matter stellte plötzlich selber überrascht fest, er glaube immer mehr, es gehe ihm am Ende um Religion, wie in seinen Cambridge-Notizen von 1968 nachzulesen ist, die 2011 erschienen. Im einleitenden Essay zeigt sich Matters Freund, der Musiker und Schriftsteller Urs Frauchiger, erstaunt über die «bohrenden, immer wieder durchbrechenden Fragen nach Gott, nach Gut und Böse». Im revolutionären Umfeld des Jahres 1968 sei das «weiss Gott! – nicht nur unusual, sondern schlicht anstössig» gewesen.

 

Mani Matter im Berner Mattequartier

Mani Matter im Berner Mattequartier.
Foto: Rodo Wyss, Archiv Zytglogge Verlag

 

Das Leben als suchender Gottesdienst

Frauchiger verwehrt sich aber dagegen, Matters kreisendes Fragen rund ums Christentum als «Bekenntnis» oder gar «Erleuchtung» zu etikettieren. Man dürfe sich nicht dazu hinreissen lassen, ihn «plötzlich als ‹Gottsucher› abzustempeln».

Allerdings umkreisen einige Notizen genau diese menschliche Suche nach Gott: «Das Christentum ist also nicht die Behauptung: Gott ist, sondern die Antwort auf die Frage: Wie ist Gott? Es sagt: Gott ist transzendent; er hat die Welt geschaffen; er ist ihr Zweck und damit das Subjekt aller wahren Forderungen (Wahrheit, Güte, Schönheit); er ist uns gnädig, auch wenn wir sie nicht erfüllen. Wenn wir Gott erkennen, erkennen wir uns, als sein Geschöpf im Mitsein mit andern, auf­gerufen und doch immer sündhaft und dennoch von ihm gnädig angenommen. Unser Leben wird zum Gottesdienst, indem wir diesen Ruf zu beantworten suchen.» Kaum vorstellbar, dass Matter so etwas schreiben würde, wenn er selbst diesen Ruf nicht gehört und das Leben nicht als suchenden Gottesdienst verstanden hätte.

 

​Matters Glaubensbekenntnis

Schon früh hatte Matter ein «Bekenntnis» verfasst, wie seit 2017 zugängliche Dokumente aus dem Literaturarchiv in Bern zeigen. Darin heisst es: «In meinen Träumen / weisse Häuser im Mondlicht. / Mein Gott hat keine Gestalt. / Er spricht.» Mani Matters Gott ist also ein sprechender, einer, der sich im Schöpfungsakt des Schreibens offenbart. Im Literaturarchiv findet sich auf einem Notizzettel in blauer Kugelschreiberschrift mit vielen Durchstreichungen sogar eine Art «Credo» Matters. Er hält dort fest, dass er an die Willensfreiheit des Menschen glaube. «Daher ist mein Glaube: dass Gott (ein höherer Wille) diesen freien Willen geschaffen hat, damit er nach ihm frage und ihn in allen Dingen suche.»

Für Matter ist der Mensch also ein Gott suchendes Wesen, das seine freien Entscheidungen auf einen höheren Willen ausrichten will. Dem Menschen sei der Wille zu wissen und zu erkennen eingepflanzt, damit er begreife, dass er nichts wisse. Und diese schmerzhafte (sokratische) Erkenntnis des Nichtwissens ist für Matter der erste Schritt zum Glauben. «Das Tier hat nur eine Möglichkeit sein Leben zu führen. Der Mensch sieht davon viele. Und vielleicht hat uns Gott die Fähigkeit, ihn zu suchen, als Richtschnur gegeben, um mit den Möglichkeiten fertig zu werden. Das bedingt Freiheit, und ich glaube auch an sie. 

 

Die MĂĽhen des Kirchenapparates

Vielleicht müsste man darum Urs Frauchigers Verdikt, man dürfe Matter nicht als Gottsucher bezeichnen, überdenken. Nach der Durchsicht der neusten Quellen, müsste man zum Schluss kommen; doch, er war einer. Trotzdem lässt sich Matter schlecht dazu vereinnahmen, PR für die Kirche zu machen. In seiner Kritik der Kirchen war er unzimperlich: Der Kirchenapparat erwecke den Eindruck, die Bibel sei ein unfruchtbares Buch und ihr Gottesdienst ein langweiliges Stück.

«Heute hat man das Gefühl, die Bibel sei Sache der Pfarrer, sie werde schon genügend beackert; und wenn nichts daraus entspriesst, so ist man versucht zu schliessen, sie gebe offenbar nichts mehr her.» Weil in der Kirche trotz allen Aufwands so wenig Schöpferisches zu spüren sei, glaube man, die Quelle sei ausgeschöpft. Am Ende sei es darum die Kirche, die das Christentum zugrunde gerichtet habe. Auch darum erachtete er eine Verteidigung des Christentums als dringend nötig.

 

 Mani Matter im Berner Mattequartier

Mani Matter: Ein Gottsucher oder nicht? 
Foto: Rodo Wyss, Archiv Zytglogge Verlag

 

«In meinen Träumen weisse Häuser im Mondlicht. Mein Gott hat keine Gestalt. Er spricht.»

Mani Matter
Troubadour und Chansonnier



Sympathie fĂĽr die Dadaisten und das Mittelalter

Mani Matters Gott war ein sprechender und der Poet liebte das Sprachexperiment. Seinen Notizen zu den Dadaisten Kurt Schwitters oder Hans Arp kann man entnehmen, dass Matter eine gewisse Verwandtschaft verpürte: Gott zeigt sich im kreativen Prozess, im radikalen Spiel mit Sprache, im Wort, das einen Anfang macht. Häufig zitiert Matter auch den Dadaisten Hugo Ball, der sich im Alter immer mehr der mittelalterlichen Mystik zugewandt hat.

Matter schreibt etwa, die Menschen des Mittelalters seien hundertmal vornehmer gewesen als die Zeitgenossen, ausgestattet mit einer wunderbaren Beobachtungsgabe, welche den Erscheinungen der Tiere und leblosen Gegenstände («natur morte», Stilleben) Respekt entgegenbrachte. «Sie beobachteten zu anderen Zwecken als wir. Sie suchten ihre Analysen für die Seele, statt für die Geldhetze nutzbar zu machen. Das Gold der Seele suchten sie zu gewinnen, nicht das der Börse.»

 

Die einfachen Dinge fĂĽr die Seele nutzbar machen

An dieser fast schon enthusiastischen Stelle ahnt man, was den extrem genau beobachtenden Poeten Matter im Grunde antrieb; die duchdringende Betrachtung der einfachen Dinge für die eigene (und andere!) Seelen nutzbar zu machen, indem er ihre Essenz in Worte fängt: eine erfundene Uhr, eine Kuh, die aus dem Bild läuft, ein Zündhölzchen, das alles in Brand setzen kann. Heute würde man Matters aufgezeichnete Betrachtungen wohl auch mit «Achtsamkeit» oder «purer Präsenz» bezeichnen: Seine präzisen Beobachtungen stehen am Anfang von Wortmeditationen über das Komplexe im Einfachen. Er war ein Meister des «Pars pro toto»: ein winziges Puzzle-Teilchen verweist aufs grosse Ganze.

 

«Matters Werk stellt immer wieder neu die grossen Fragen, die auch Glaubensfragen sind: Was dürfen wir glauben? Was sollen wir tun?»

Paul Bernhard Rothen, Pfarrer und Buchautor

 

Für den Theologen Paul Bernhard Rothen besteht Mani Matters Leistung jedenfalls darin, dass er den Menschen mit ihrem Menschlich-Allzumenschlichen Verhalten mit seinen kunstvoll verdichteten Schilderungen Würde verleiht: «Bei allem Verkorksten und Kleinkarierten sind die Menschen doch geliebt – ob sie das nun wert sind oder nicht.» Damit habe Matter als unbefangener Aussenstehender das Erbe der christlichen Kultur aufgesogen und neu belebt. Man erkenne an Matters Beschreibung des alltäglich Kleinen, dass das hilflose, verdrehte Leben mit seinem Gelingen und Misslingen in eine grössere Liebe eingebettet sei. Und so stelle uns Matters Werk immer wieder neu die grossen Fragen, die auch Glaubensfragen sind: «Was dürfen wir glauben? Was sollen wir tun?»

 

Philosophieren gehört zu jedem Job

Matter war ein Fragensteller, ja, ein Allesinfragesteller: Gesellschaft, Politik, Juristerei, Kunst (auch seine eigene), Gott und die Welt – Matter hinterfragt scharfsinnig Zusammenhänge und Voraussetzungen für ds Gelingen. Der brillante Kopf und vielen Diskussionspartnern krass überlegene Denker verstand das Fragenstellen als Kern jeder richtig betriebenen Philosophie. Und zu philosophieren sei schlicht in jedem Beruf eine geistnotwendige Denkfunktion: «Es ist ein Nicht-aufhören-zu-fragen; ein Sich-nicht-zufrieden-Geben mit der Lösung der Aufgaben, die andere uns stellen; ein Warum-eigentlich?, Wozu?, Können-wir-überhaupt? etc.» Diese Arbeit sei von jeder und jedem immer wieder von vorne zu beginnen. «Da nützt keine Universitätsphilosophie.» Für Matter galt das ganz selbstverständlich auch für die Theologie als Mutter aller Geisteswissenschaften.

 

 

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