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Gesellschaft

Seelsorge am Rande des Lebens

Zahlreiche Spitäler bieten inzwischen Palliative Care an. In Basel gibt es erstmals in der Schweiz in diesem Rahmen eine mobile Seelsorge, ­welche die Schwerstkranken zu Hause aufsucht.

Pfarrer Gerhard Gerster empfängt mich in seinem Büro am Felix-Platter-Spital. Seine ruhige Art lässt erahnen, dass er in seiner Tätigkeit viel zuhört. Neben gutem Zuhören ist für schwierige Gespräche die Atmosphäre wichtig. Das war schon früher so. Mitte des 19. Jahrhunderts schrieb der Dichter Heinrich Heine: «Wenn man auf dem Sterbebett liegt, wird man sehr empfindsam und möchte Frieden machen mit Gott und der Welt.»
Unser Gespräch ist zum Glück nicht schwierig. Es dreht sich darum, dass seit dem Jahr 2015 in Basel ein mobiles Palliative-Care-Seelsorgeteam schwerstkranke und sterbende Menschen sowie deren Angehörige zu Hause seelsorgerlich unterstützt. 

Angst vor dem Tod
Gerhard Gerster ist mit einem kleinen Pensum in der Mobilen Seelsorge für Palliative Care tätig, daneben arbeitet der 58-Jährige als reformierter Seelsorger am Felix-Platter-Spital. Der Schwerpunkt des mobilen Dienstes liegt auf der praktischen seelsorgerlichen Versorgung zu Hause. Seelsorgerliche Begleitung ist ein ganzheitlicher Prozess, die unter anderem bei der Angstminderung von Sterbenden einen besonderen Beitrag leisten kann, ist der Pfarrer überzeugt. Ihm geht es bei der Begleitung darum, die Zusage «Fürchte dich nicht!», die über 300 Mal in der Bibel gemacht wird, in diesem letzten Lebensübergang erfahrbar werden zu lassen. «Als Menschen sind wir vorbehaltlos von Gott angenommen.»Dennoch sei die Angst vor einem Spitalaufenthalt und dem Tod weitverbreitet. «Für 90-Jährige, die zeitlebens gesund waren, kann der Eintritt ins Spital eine existenzielle Krise auslösen. Der mögliche Verlust der Selbstständigkeit bereitet Angst. Man weiss nicht, ob es wieder gut wird», sagt Gerster. Manchmal hängen Ängste und Trauer auch damit zusammen, dass man mit dem eigenen Leben nicht zufrieden ist und das Gefühl hat, etwas verpasst zu haben. Positive spirituelle Erfahrungen könnten diese Gefühle lindern und zeigen, wie viel Kostbares auch im Bruchstück und Unfertigen liege, bemerkt Gerster. In den Gesprächen im Spital oder zu Hause hilft er den Schwerstkranken, entsprechende Ressourcen und Erfahrungen zu erschliessen. «Palliative Care ist nicht end of life, sie beginnt früher, als wir es in den Köpfen haben», stellt Gerster klar. Sie helfe, die Endlichkeit als Teil des Lebens zu begreifen und zu akzeptieren und «Schmerzen im weitesten Sinne» zu lindern. Seit Cicely Saunders, der Mutter der Hospizbewegung, ist bekannt, dass psychische, soziale und spirituelle Schmerzen sich auch körperlich niederschlagen. 


Das Alter ist weiblich
Gerhard Gerster besucht vor allem Frauen, denn Männer sterben meist früher und haben die nötige Unterstützung ihrer Partnerinnen. Verwitwete Frauen hingegen können bei ihrer Trauer oft auf niemanden zurückgreifen. Sie sind auf sich allein gestellt und brauchen Hilfe. «Die Kirche hat den Auftrag, die Kranken aufzusuchen», ist Gerster überzeugt. Sei dies im Spital oder zu Hause. «Das steht schon im Neuen Testament.» 

Das Sterben bei Todkranken erfolgt laut Gerster nicht linear, sondern in Wellenbewegungen, mit Aufs und Abs. Auch die Angehörigen machen diesen Prozess mit, was für sie sehr anstrengend ist. «Das Sterben ist wie das Leben facettenreich. Ich erfahre jeweils viel über das Leben», konstatiert Gerster. «Sterben ist insofern etwas Lebendiges.» Beim Loslassen, so die Erfahrung von Gerster, sei es hilfreich, in Bildern das ganze Leben und die Fülle nochmals aufleben zu lassen. «Mich berührt es immer, wenn jemand stirbt. Jedes Sterben ist anders», resümiert Gerster. Aber trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen, freue er sich über das Leben.

29.08.2018 / Toni Schürmann