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Kultur

Schlemmen und slammen: In Dornach gings um die Wurst

Am ersten Birsecker Wurstessen kämpften sechs Pfarrer und Theologen mit ihren Texten um die Gunst des Publikums. Gewonnen hat Daniel Frei. Der Pfarrer erklärt, wie sich furzende Kühe an den Fleischfressern rächen.

Die Schweizer Reformation begann mit einer Wurst. In geselliger Runde schnitt der Zürcher Buchdrucker Frosch-auer in Zwinglis Anwesenheit Würste an und biss herzhaft hinein – ausgerechnet während der Fastenzeit. Mehr als 500 Jahre später zieht Dornach nach. Die reformierte Kirche lud zum ersten Birsecker Wurstessen ins Timotheus-Zentrum ein. Bei Bier, Würsten und Kartoffelsalat kämpften sechs Pfarrer und Theologen wie weiland die mittelalterlichen Minnesänger mit eigenen Texten um die Wurst. Passend zum Motto des Abends: «Is(s) was, Kirche? Es geht um die Wurst.»
Nach einem Kopf-an-Kopf-Rennen konnte sich Daniel Frei, Pfarrer für Weltweite Kirche, im Final gegen Juliane Hartmann, Aus- und Weiterbildung Pfarrer und Pfarrerinnen, durchsetzen. Unter grossem Applaus erhielt er wie bei Poetry Slams üblich eine Flasche Whiskey. 

Doch zurück zur Wurst: Mit dem Ruf «Preacher, gebt euren Senf» eröffnete Fredi Buchmann, Vizepräsident des Kirchgemeinderats, den Wettstreit: Als Erster trat Pfarrer Bernhard Jungen an. Mit Tempo und Witz nahm er die Bemühungen der Kirche aufs Korn, mehr Aktion, Leute und modernes Management in die frommen Hallen zu bringen. «Jesus war es wurst, wie viele Follower er hat, ihm ging es um die Wurst, um die Hungernden, für die er sich selbst als Fleisch servierte», so sein Fazit.

«Kein Hase muss seine Löffel abgeben»
Daniel Frei erzählt in seinem Auftritt, warum er als Vegetarier einmal im Jahr über eine «Schlachtschüssel» stolpert. Er, der «eingefleischte Vegetarier, für den kein Lamm auf immer schweigen, kein Hase seine Löffel abgeben und keine Kuh ihr Leben ausfurzen soll». Daniel Frei, dessen Credo lautet «Du bist, was du isst, angepisst von all dem Mist, den jeder frisst» erliegt der Versuchung, wenn er bei einer Metzgete in Franken sitzt. Von Gewissensbissen geplagt geht Frei schliesslich ein Licht auf: «Etwas Tapferes tun, ist heute genau das Gegenteil von damals: Kein Fasten brechen, sondern fasten, keine Würste essen, sondern Grünkohl, Dinkelacker und Pimpernellen. Weiter Bischöfe crashen, Religionen flashen, Idioten bashen.» 

Apropos furzende Kühe und Klimaerwärmung: «Seit einigen Jahren wird zurückgefurzt.» Das Methangas, das die Kühe produzieren, sei ihre Rache an uns Fleischessern, so Frei.

Kirche voller Würste
Juliane Hartmann führt in eine Metzgerei, wo die Würste in allen Grössen, Formen und Geschmacksrichtungen um die Vorherrschaft in der Kirche kämpfen. Die Chili-Würste wollen Schärfe in die Kirche bringen, die stromlinienförmigen Wienerli mehr Zeitgeist, die eckigen Landjäger mehr Profil und die Cervelats sehen sich als Märtyrer, «geritzt, geschnitten und auf Dornen aufgespiesst». Als schliesslich das arrogante Filet verkündet, Würste seien nur Abfall, in Darm gepresst, erkennt Hartmann: «Kirche ist Wurst, denn sie setzt auf Abfall, sammelt die Reste und macht sie mit viel Salz für lange Zeit geniessbar.»

Die Lokalmatadoren Heiko Behrens, Pfarrer in Dornach, und Thomas Brunnschweiler, Theologe und Germanist, thematisieren Zwingli, den Fleischkonsum und Shitstorm im Internet. Behrens trifft den Reformator Zwingli in der Dönerbude und führt ihn durch Dornach. Nachdem Zwingli mehrmals am «raumschiffartigen Bau des Thimotheus-Zentrums» vorbeigelaufen sei, ohne die reformierte Kirche zu erkennen, findet er diese durchaus gelungen.
Das Fazit des ersten Birsecker Wurstessens: Das Publikum ist begeistert. Und der Sieger? Der Whiskey habe ihm in Kombination mit der Siegesfreude so positiv auf die Stimmung und so negativ auf die Stimme geschlagen, dass er jetzt heiser sei, sagt Daniel Frei.

Tilmann Zuber