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Konflikt um christliches Kulturerbe

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17.02.2022
Aserbaidschan kündigte an, vermeintliche «armenische Fälschungen» von Kirchen in Bergkarabach zu entfernen. Die Kirchen fordern eine Unesco-Präsenz. Die Südkaukasus-Spezialistin Amalia van Gent ordnet die Entwicklung ein.

Frau van Gent, der Konflikt um das christliche Kulturerbe in Bergkarabach geht in die nächste Runde. Was ist geschehen?
Am 3. Februar hat der aserbaidschanische Kulturminister Anar Karimow auf einer Pressekonferenz die Bildung einer Arbeitsgruppe angekündigt. Diese soll «die fiktiven Spuren, die von Armeniern auf albanischen religiösen Tempeln auf Bergkarabach hinterlassen wurden» beseitigen. Karimow bezeichnete dabei einmal mehr armenische Inschriften und Reliefs der Klöster und Kirchen als «Fälschungen». Die Sorge ist nun, dass das christliche Erbe von Bergkarabach zerstört wird.

Aserbaidschan hat im Herbst 2020 nach dem Krieg gegen Armenien sieben seiner seit 1991 von Armeniern kontrollierten Provinzen zurückerobert, wie auch einen grossen Teil von Bergkarabach. Warum will Aserbaidschan diese Denkmäler vernichten?
Um Aserbaidschans Anspruch auf Bergkarabach zu unterstreichen. Dazu propagiert der aserbaidschanische Präsident Ilham Alijew ein Narrativ der Geschichte, das bereits in den 1950er im ultra-nationalistischen Milieu kursierte. Es soll belegen, dass bis im 19. Jahrhundert keine Armenier in der Region lebten und sie deshalb keinen Anspruch auf Bergkarabach haben.

Wie geht genau das Narrativ?
Die historischen Kirchen und Tempelanlagen im Gebiet des östlichen Transkaukasiens seien das Werk des kleinen, christlichen Ur-Volks der Albaner. Die Armenier seien hingegen erst im Tross des russischen Vorstosses im 19. Jahrhundert hierher gelangt und hätten die albanischen Kirchen und Kulturstätten mit armenischen Inschriften versehen. Die Mehrheit der Historiker lehnt diese Theorie ab. Das Volk der Albaner, das mit den heutigen Albanern nicht zu verwechseln sind, hat es tatsächlich in dieser Region gegeben. Seine Spuren verloren sich aber im 13. Jahrhundert.

Wie viele Kirchen und Klöster sind von dem Vorhaben betroffen?
Laut armenischen Angaben sollen rund 2000 Kulturerbestätten bedroht sein. Allein in den nun von Aserbaidschan kontrollierten Provinzen Handrut und Schuschi stehen 13 armenische Klöster und 51 Kirchen, deren Gründungen zum Teil bis ins Frühzeitalter zurückreichen. Bekannt ist etwa die Klosterkirche Gtschawank. Der Kunsthistoriker Ulrich Bock bezeichnet diese als ein «steineres Archiv». Die vielen Inschriften würden wichtige Informationen über die Lokalgeschichte des 13. bis zum 18. Jahrhundert liefern. Werden die Inschriften, wie von Aserbaidschans Kulturminister verkündet, beseitigt, wäre das nicht nur ein Verlust für das armenische Kulturerbe, sondern auch ein Verlust für die weltweite Kulturgeschichte.

Wie wurde die Ankündigung in Armenien aufgenommen?
Die Armenier weltweit sind tief beunruhigt. Sie fürchten, dass Aserbaidschan den Charakter ihrer armenischen historischen Baudenkmäler grundlegend verändern und am Ende vernichten will.

Die Armenisch-Apostolische Kirche hat einen Aufruf publiziert, in dem sie die Weltöffentlichkeit, andere Kirchen und internationale Organisationen wie die Unesco bittet, gegen die sich abzeichnende Vernichtung armenischer Kulturgüter in Bergkarabach aufzustehen. War das nötig? Aserbaidschan versicherte doch einen respektvollen Umgang?
Das aserbaidschanische Kulturministerium betonte vier Tage nach seiner anfänglichen Deklaration und erst auf Druck aus dem Ausland, dass Aserbaidschan immer respektvoll mit seinem historischen und kulturellen Erbe umgegangen sei, ungeachtet seines religiösen und ethnischen Ursprungs. Das Ministerium bestätigte zwar die Schaffung der Arbeitsgruppe, die die Stätten untersuchen und allfällige Fälschungen dokumentieren und der internationalen Gemeinschaft präsentieren wolle. Von einer Entfernung armenischer Spuren war diesmal keine Rede mehr. Die armenische Kirche vertraut den jüngsten Zusicherungen aus Baku aber nicht. Und betrachtet es als absolut dringend, dass die UNESCO in der Konfliktzone Bergkarabach eine Erkundungsmission durchführt und die Kulturstätten so schnell wie möglich katalogisiert. Nur so könne «der Erhalt armenischer Denkmäler sichergestellt und Vandalismus verhindert werden».

Wieso werden internationale Kirchen diesbezüglich nicht aktiver?
Das ist schwierig zu beantworten. Vielleicht mangelt es an Information? Tatsache ist, dass die Armenier in ihrer Geschichte immer wieder sich selbst überlassen waren: Der Genozid von 1916 wird bis heute von vielen Akteuren nicht anerkannt – auch nicht vom Schweizer Ständerat. Dabei war dieser für die Armenier genauso folgenschwer wie der Holocaust für das jüdische Volk. Die Welt hat auch geschwiegen, als etwa Präsident Ilham Alijew 2005 die Sprengung des historischen armenischen Friedhofs von Dscholfa anordnete. Hunderte, andere sagen Tausende, armenischer Grab- und Kreuzsteine aus dem Mittelalter, manche wahre Juwelen der armenischen Kirchen-Kultur, wurden damals zu Staub und der historische Friedhof zu einem Fussballfeld für Aserbaidschans Soldaten verwandelt. Armenier können das Schweigen der Aussenwelt gegenüber solchen Verbrechen nicht verstehen und sind verbittert.  

Die Mehrheit der Bewohner von Aserbaidschan ist muslimisch. Armenien ist hingegen ein christliches Land. Wird in Bergkarabach ein Krieg der Religionen geführt?
Im südlichen Transkaukasien treffen sich zwar die Welten des Islam und des Christentums, in Bergkarabach gehen sie gar buchstäblich ineinander über. Doch beim Krieg um dieses kleine, grüne wasserreiche Gebiet ging es weder 1991 noch 2020 um die Religion. Kriegstreibend war vielmehr ein gnadenloser Ultranationalismus.

Eine persönliche Frage zum Schluss: Sie bereisen Armenien regelmässig, stehen in ständigem Austausch mit Armenierinnen und Armeniern. Was fasziniert Sie an dem kleinen Land?
Seine wild-raue Landschaft, die grenzenlose Weite seiner Hochebene und das Licht, das von einer ganz seltsamen, besonderen Qualität ist. «Zum ersten Mal war für mich Licht etwas ebenso, ja, Tastbares wie Wasser, Wind und Gras» umschrieb es der sowjetische Autor Andrej Bitow. Fasziniert bin ich aber auch von der Fähigkeit und dem Willen seiner Menschen, trotz allen Widrigkeiten in dieser kargen, steinigen Region weiter zu leben und zu überleben. Schliesslich fasziniert mich der buchstäbliche Galgenhumor, der Armeniern und Armenierinnen hilft, düstere Situationen zu meistern und Verzweiflung, Not sowie Leid zu verarbeiten.

Interview: Nicola Mohler, reformiert.info

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