Logo
Politik

Von der Welt vergessen

Eine Zukunft für Christen im Nahen Osten sehe er nicht. Dies ist das pessimistische Fazit von Daniel Williams. Der US-Amerikaner kennt die Region seit rund 20 Jahren. Er arbeitete als Korrespondent für die Washington Post und als Beobachter für die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch.

In Zürich stellte der Journalist und Autor Daniel Williams sein neues Buch «Forsaken. The Persecution of Christians in Today’s Middle East» über die Verfolgung von Christen im heutigen Nahen Osten vor. Darin kommt er zum Schluss, dass die Welt die dort ansässigen Christen vergessen habe und ihrem Schicksal überlasse.

Die Haltung seines Heimatlandes zeige dies symptomatisch, so Williams. Das Aussenministerium der USA habe kürzlich entschieden, die Verfolgung der Christen im Irak durch die Terrorgruppe Islamischer Staat IS als Völkermord einzustufen. Fast im selben Atemzug jedoch hätten die Regierung bekanntgegeben, den bedrohten Christen nicht zu helfen.

Weder Macht, Einfluss noch Fürsprecher
Williams legte dar, wie sich die aktuelle Situation der Christen im Nahen Osten präsentiert. Im Irak habe die christliche Bevölkerung weder Macht noch Einfluss und keine Fürsprecher. In Syrien sei es nicht viel anders. Das Wohlwollen, welches die Regierung vielleicht noch für die Christen hege, gehe im grausamen Bürgerkrieg unter. Ob die Christen in Syrien eine Zukunft haben, sei fraglich, egal wie der Krieg ausgehe. Aber auch in Ländern, wo kein Krieg herrscht, litten Christen unter schwierigen Lebensbedingungen. Etwa in Ägypten, wo sie nicht die gleichen Rechte wie Muslime haben.

Williams illustrierte dies mit Beispielen aus der täglichen Realität von Christen in den betroffenen Gebieten. Er erzählte von einer Regel, als Christ mit gesenktem Kopf gehen zu müssen, um die Unterwürfigkeit dem Islam gegenüber zu zeigen; von falschen Rechtfertigungen dafür, den christlichen Glauben zu verfolgen, wie die angebliche Zugehörigkeit zu Kopten, die in den Kreuzzügen involviert gewesen seien; von Polizeien, die wegschauen, und Regierungen, welche die Situation verharmlosen; von niedergebrannten Kirchen und zerstörten christlichen Symbolen; vom Zwang als Christ zum Islam konvertieren zu müssen, oder von Massenköpfungen.

Die Ideologe hinter der Verfolgung
Es gebe zwei vorherrschende Meinungen zur Christenverfolgung im Nahen Osten, die aber beide die Realität nicht komplett wiederspiegelten, betonte Daniel Williams. Die eine Seite bildeten die Islamkritiker mit dem Standpunkt, der Islam selbst sei in seinen Grundzügen gegen die Existenz des Christentums. Auf der anderen stünden die Islamverteidiger mit der Meinung, der Islam habe überhaupt nichts mit der Christenverfolgung zu tun. «Beide haben Unrecht. Natürlich hat der Islam sehr wohl etwas damit zu tun, allerdings kann man deswegen nicht alle Moslems in einen Topf werfen», meinte Williams.

Der Hass des IS richte sich nicht nur gegen das Christentum, sondern gegen jede Art von Religion, die nicht der eigenen, sehr streng ausgelebten Version des Islams entspricht. Auch Juden und liberale Moslems litten unter Unterdrückung und Verfolgung. Dies widerspreche der alten Tradition des Islams, die anderen Buchreligionen – das Judentum und das Christentum – zu tolerieren. In Ägypten zum Beispiel, erinnerte sich Williams, hätten die Christen bis vor einigen Jahrzehnten wichtige Positionen innegehabt und seien ein fester Bestandteil der Gesellschaft gewesen.

Davon sei heute nichts mehr übrig: «Ein würdiges Leben mit christlichem Glauben ist im Nahen Osten nicht mehr möglich. Es tut mir leid, dass ich so schlechte Nachrichten bringe», lautet das pessimistische Fazit von Daniel Williams.

Die Organisation Christian Solidarity International CSI habe bereits 2011 eine Genozidwarnung für Christen veröffentlicht, wie John Eibner, Projektleiter Naher Osten bei CSI, sagte. Das Referat von Daniel Williams war Teil der CSI-Vortragsreihe zur Zukunft der religiösen Minderheiten im Nahen Osten und der letzte von drei Anlässen zum fünften Jahrestag des «Arabischen Frühlings».

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».

Valérie Jost / Kirchenbote / 9. Mai 2016