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Gesellschaft

Wissen, was uns definiert

Die Diskussionsrunde «Basel im Gespräch» in der Offenen Kirche Elisabethen beschäftigte sich mit dem «Therwiler Handschlag». Die Teilnehmer warnten vor dem «Handschlag per Dekret», warben für «wachsame Toleranz» und sahen die Schule in der Pflicht.

Ob es an der Fussball-EM lag oder das Thema «Therwiler Handschlag» mittlerweile etwas abgenutzt ist, konnte Pfarrer Frank Lorenz, Co-Leiter der Offenen Kirche Elisabethen, am Mittwochabend in Basel nicht beantworten. Jedenfalls war das Publikumsinteresse an dieser Veranstaltung der Reihe «Basel im Gespräch» merklich kleiner als an den vorhergehenden. Doch die Voten der eingeladenen Gäste und die anschliessende Diskussion machten schnell klar, dass der Händedruck, den zwei muslimische Sekundarschüler ihrer Lehrerin verweigerten, immer noch Fragen aufwirft.

Der Theologe und Ethiker Georg Pfleiderer, Markus Melzl, Kriminalkommissär a. D., Jean-Michel Héritier, Primarlehrer im multikulturellen Kleinbasel und Präsident der Freiwilligen Schulsynode, sowie der Jurist Daniel Ordás beleuchteten den Vorfall und seine Auswirkungen aus verschiedenen Perspektiven. «Haltet uns nicht vor, dass es eine Männerrunde ist», bat Moderator Frank Lorenz. Die angefragten Frauen hätten alle keine Zeit gehabt.

«Ajatollahisierung» des Rechtsstaates
Georg Pfleiderer und Daniel Ordás warnten davor, den Händedruck per Dekret zu fordern oder ihn gar in die Verfassung zu schreiben, wie das SVP-Nationalrätin Sandra Sollberger forderte. Dies führe zur «Ajatollahisierung» des Rechtsstaates. Man würde damit genau das erreichen, was man eigentlich verhindern wollte. Werte könne man nicht per Gesetz verordnen. Die Frage sei, so Pfleiderer, «wie wir in der Schule zum Umgang mit Multikulturalität erziehen».

Jean-Michel Héritier plädierte dafür, eine Gesellschaft des Miteinanders und der Beziehungen aufzubauen. Dies sei die Aufgabe der Schule und es müsse mit Beharrlichkeit geschehen. Mit Kuschelpädagogik habe das nichts zu tun. Von Fremden die Einhaltung von Werten zu verlangen, bedeute, dass man sich zuerst selber hinterfragen und klären müsse, worin diese Leitkultur bestehe, sagte Daniel Ordás. «Wenn wir wissen, was uns definiert, können wir besser damit umgehen.»

Markus Melzl meinte, dass gewisse Probleme nicht thematisiert würden. «Man schaut weg.» Er wies darauf hin, dass die beiden Jugendlichen aus Therwil spätestens im Berufsleben anecken dürften, wenn sie die bei uns üblichen Umgangsformen verweigerten. Ordás konnte sich nicht daran erinnern, während seiner Schulzeit den Lehrpersonen die Hand gedrückt zu haben. Alltagsgesten, zu denen der Händedruck gehöre, seien Veränderungen unterworfen, erklärte Pfleiderer. So könne man davon ausgehen, dass man zu Zeiten von Jesus Frauen gegenüber distanziert gewesen sei.

Die Angst vor Parallelgesellschaften
Damit war die Gesprächsrunde bei der Frage nach dem Respekt, insbesondere gegenüber Frauen. Es gebe alternative Respektbezeugungen, sagte Héritier. Eine Lehrerin, die er kenne, habe gar nicht bemerkt, dass ihr ein muslimischer Vater nie die Hand gedrückt habe, weil er sich jedes Mal aufs Höflichste vor ihr verbeugt habe. Die Diskussion über die Gleichstellung der Frau sei bisweilen scheinheilig, meinten einige Anwesende. Ein Beispiel führte Monika Hungerbühler, Co-Leiterin der Offenen Kirche Elisabethen, an: Ihr als ausgebildeter Theologin werde von der katholischen Kirche das Priesteramt verwehrt.

Markus Melzl befürchtet, dass in der Schweiz bereits Parallelgesellschaften existieren. Viele jugendliche Migranten lebten in zwei Welten. Georg Pfleiderer meinte, er könne die Sorge darüber verstehen, warnte jedoch davor, sich mit der «alle gegen den gemeinsamen Feind»-Strategie etwas vorzumachen. Damit lenke man von den Problemen ab. «Wir sind keine einheitliche Gesellschaft.»

Karin Müller / Kirchenbote / 23. Juni 2016