Aus Kindern werden Leiter
An einem gewöhnlichen Wochentag herrscht in der Jungen Kirche Klettgau reger Betrieb. Während sich die Jüngsten im «Fiire mit de Chliine» treffen, bereiten andere Leiter den nächsten Jungschi-Nachmittag vor. Wenige Tage später steht der Teenagerclub auf dem Programm, danach ein Jugendhauskreis oder der Gottesdienst für junge Erwachsene, «Boxenstopp». Dazwischen laufen Konfirmandenunterricht, Bibelgruppen und Lagerplanungen. Was von aussen wie viele einzelne Angebote wirkt, ist in Wirklichkeit eine Gemeinschaft, die seit rund fünf Jahrzehnten gewachsen ist.
Über mehr als zwei Jahrzehnte wurde die lebendige Kinder- und Jugendarbeit von Pfarrer Lukas Huber begleitet und gefördert. Gemeinsam mit zahlreichen Ehrenamtlichen legte er den Grundstein für das, was heute als Junge Kirche Klettgau weit über die Region hinaus bekannt ist. Als Lukas Huber 2001 seine erste Pfarrstelle im Klettgau antrat, ahnte wohl niemand, dass aus den damaligen Jungscharen einmal eine der grössten regionalen Kinder- und Jugendarbeiten des Kantons entstehen würde. Heute vereint die Junge Kirche Klettgau einen Fächer von Angeboten, die von solchen für Kinder im Kindergartenalter bis zu jenen für junge Erwachsene reichen, und wird von fünf reformierten Kirchgemeinden getragen. Huber selbst würde diesen Erfolg nie für sich beanspruchen. «Ich mache eigentlich keine Jugendarbeit», sagt er. «Ich bin der Coach im Hintergrund.»
Brückenbauer im Hintergrund
Nach seinem Start in Oberhallau begann Huber schon früh, die Jugendarbeit regional zu denken. Statt dass jede Kirchgemeinde ihre eigenen Angebote entwickelte, setzte er auf Zusammenarbeit. Schritt für Schritt entstanden neue Gefässe für Teenager und junge Erwachsene. Zu seinen wichtigsten Aufgaben gehörte es, die verschiedenen Kirchgemeinden zusammenzubringen, Leiterinnen und Leiter zu begleiten, Konflikte zu lösen und neue Ideen zu fördern. «Eine meiner wichtigsten Aufgaben war es, die Kirchgemeinden beieinanderzuhalten», sagt Huber. Immer wieder vermittelte er zwischen Jugend lichen, Ehrenamtlichen und Kirchgemeinden. Blieben nach einer Veranstaltung etwa Kerzenwachsflecken auf dem Boden des Kirchgemeindehauses zurück, war es Huber, der das Gespräch suchte, Verständnis auf beiden Seiten weckte und dafür sorgte, dass aus kleinen Reibereien keine grossen Konflikte wuchsen.
Gerade diese Aufbauarbeit im Hintergrund habe wesentlich dazu beigetragen, dass sich die Junge Kirche über Gemeindegrenzen hinweg entwickeln konnte. Sein Grundsatz lautet bis heute: «Wir schaffen nicht zuerst Strukturen und hoffen dann, dass Leben entsteht. Wir schaffen Strukturen für das, was lebt.» So erhielt diese Entwicklung im August vergangenen Jahres organisatorisch eine neue Form. Die Junge Kirche Klettgau wurde als Kirchgemeindeverband gegründet. Er vereint die gemeinsame Kinder- und Jugendarbeit der reformierten Kirchgemeinden Beringen, Löhningen-Guntmadingen, Gächlingen, Neunkirch und Oberhallau. Der Verband bildet heute das organisatorische Dach einer Jugendarbeit, die längst gelebt wurde, bevor sie auf dem Papier festgehalten wurde.
Verantwortung übernehmen
Dass dieses Konzept funktioniert, beweist Sebastian Ebi. Der 36-Jährige besuchte selbst als Kind die Jungschar, engagierte sich später als ehrenamtlicher Leiter und arbeitet heute als Teamentwickler der Jungen Kirche Klettgau. Er begleitet 30 bis 60 ehrenamtliche Leiterinnen und Leiter, unterstützt Teams bei Herausforderungen und fördert ihre Weiterentwicklung. «Ich bin Ansprechperson für die Hauptleiterinnen und Hauptleiter. Mir ist wichtig, dass es den Teams gut geht und sie Unterstützung erhalten.»
Warum kommen junge Menschen überhaupt zur Jungen Kirche? «Sie finden hier einen Ort, an dem sie so sein dürfen, wie sie sind», sagt Ebi. Gemeinschaft sei meist der erste Grund. Der Glaube entwickle sich oft erst später. «Viele erleben hier Freundschaften, Vertrauen und einen Platz, an dem sie angenommen werden.» Gerade in einer Zeit, in der viele Jugendliche unter Einsamkeit leiden und soziale Kontakte zunehmend in die digitale Welt verlagert werden, sei das wichtiger denn je.
Gemeinsames Konflager
Zu den jüngsten Erfolgen gehört der Gottesdienst für junge Erwachsene, «Boxenstopp». Jeden zweiten Sonntagabend treffen sich rund 30 bis 40 junge Erwachsene zunächst zum gemeinsamen Essen, anschliessend feiern sie zusammen Gottesdienst. Musik, Moderation, Organisation und oft sogar die Predigt übernehmen die jungen Erwachsenen selbst. «Meine Aufgabe ist nicht, alles selber zu machen», sagt Pfarrer Huber. «Unsere Aufgabe ist es, junge Menschen zu befähigen, Verantwortung zu übernehmen.» Auch die Zusammenarbeit der Kirchgemeinden wächst weiter.
Seit 2024 organisieren acht reformierte Kirchgemeinden gemeinsam mit neun Pfarrpersonen unter dem Namen «Konfetti» ein grosses Konfirmandenlager. In diesem Herbst findet das Lager bereits zum dritten Mal statt. Ohne das Netzwerk der Jungen Kirche wäre ein Projekt dieser Grösse kaum denkbar.
Vielleicht ist genau das das Besondere an der Jungen Kirche Klettgau: Sie wurde nie am Reissbrett geplant. Aus Beziehungen entstanden neue Ideen, aus Ideen neue Angebote und erst später die passenden Strukturen. Ein Weg, der seit fast 50 Jahren trägt.
Aus Kindern werden Leiter