«Das gibt es doch gar nicht»
«Das gibt es doch gar nicht.» – «Das kann doch gar nicht sein.» – «Völlig übertrieben.» Solche Bemerkungen schrieb eine 14-jährige Testleserin an den Rand des Manuskripts von Carlo Meiers neuem Kaminski-Kids-Krimi «Streng geheim!». Das Mädchen konnte sich schlicht nicht vorstellen, dass eine Familie so wenig Geld haben kann wie jene, von der Meier erzählt.
Doch je weiter die Testleserin las, desto mehr veränderten sich ihre Kommentare. Plötzlich bangte sie mit den Figuren und sorgte sich darum, ob die Familie ihre Wohnung verlieren könnte. «Sie wurde immer empathischer», erzählt Meier. Für ihn ist diese Reaktion fast die perfekte Beschreibung dessen, was er mit dem Buch erreichen möchte: Kindern und Jugendlichen eine Lebenswirklichkeit zeigen, die sie vielleicht nicht kennen, und Verständnis für Menschen wecken, denen es finanziell weniger gut geht.
Entstanden ist das Buch zum 30-Jahr-Jubiläum der Schuldenberatung Triangel. Deren Leiter André Widmer kennt Carlo Meier seit mehr als 25 Jahren und arbeitet seit den Anfängen der Kaminski-Kids immer wieder an den Büchern als Experte mit. Als das Jubiläum näherrückte, fragte er den Autor an, ob sie gemeinsam etwas dazu machen könnten. Das Thema lag nahe: Armut, Schulden und die Frage, wie schnell Menschen in finanzielle Schwierigkeiten geraten können.
Ein persönliches Thema
Für Meier ist es eines seiner persönlichsten Bücher. Er wuchs in einer Arbeiterfamilie in einem Zürcher Arbeiterquartier auf. Schulden habe seine Familie zwar nie gehabt. Die Regel sei eisern gewesen: Gekauft wird erst, wenn das Geld dafür da ist. Trotzdem weiss Meier, wie es sich anfühlt, «den Franken umdrehen» zu müssen. Eine unerwartete Zahnarztrechnung konnte das Familienbudget durcheinanderbringen.
Heute sei es viel einfacher geworden, Geld auszugeben, das man noch gar nicht besitze, sagt Widmer. Kredit, Leasing oder Ratenzahlung sind jederzeit verfügbar. Doch längst nicht immer ist Konsum der Grund für finanzielle Schwierigkeiten. Bei einem grossen Teil der Menschen, die Triangel berät, stehen Ereignisse wie Trennung, Scheidung, Krankheit, Unfall oder Arbeitslosigkeit am Anfang der Probleme.
Wie unsichtbar finanzielle Not sein kann, erlebt Widmer immer wieder. Er erzählt von einem Klienten, dem er dank kirchlicher Unterstützung vor Weihnachten 100 Franken geben konnte. Nicht zum Begleichen einer Rechnung, sondern ausdrücklich, um sich selbst etwas Gutes zu tun. Der Mann hatte Tränen in den Augen. Nun könne er nach Monaten endlich wieder einmal etwas Warmes essen gehen. «Das gibt einem schon zu denken», sagt Widmer. Von aussen sei solchen Menschen ihre Not häufig nicht anzusehen.

«Streng geheim»!
Ein Diebstahl aus der Klassenkasse führt die Kaminski-Kids und ihren Hund auf die Spur eines besonderen Mädchens – und danach bis in die armen Viertel der Grossstadt. Dabei stossen sie auf einen Fall, der streng geheim bleiben sollte.
Carlo Meier, Die Kaminski-Kids: Streng geheim! (Bd. 22), Fontis Verlag, 2026. 176 Seiten, empfohlen ab 8 Jahren.
Möglichst nah am Menschen
Auch deshalb möchte Meier Armut nicht zur blossen Kulisse für einen spannenden Kinderkrimi machen. «Ich versuche, möglichst bei der Realität und beim Menschen zu bleiben.» Die Fakten sollen stimmen, gleichzeitig müssen die Figuren lebendig sein. Eine Szene brachte selbst den erfahrenen Autor beim Schreiben zum Weinen. Das Mädchen legt sich in der Geschichte zu seiner kranken Mutter ins Bett. Im Dunkeln weint die Mutter, schliesslich nimmt sie die Hand ihrer Tochter. Irgendwann schlafen beide ein. Auch Widmer kamen beim Lesen des Manuskripts die Tränen. Der neue Band sei emotionaler als andere Kaminski-Kids-Geschichten, sagt Meier:
Die Triangel-Beratung, eine Beratungsstelle der Reformierten Kirche Kanton Zug, verbindet mit dem Buch ganz bewusst auch einen Präventionsgedanken. Denn finanzielle Schwierigkeiten sind noch immer mit viel Scham verbunden. Menschen kämen oft mit gesenktem Kopf zu ihm in die Beratung, erzählt Widmer. Viele glaubten, sie seien die Einzigen, denen so etwas passiert. Zunächst gehe es deshalb darum, Vertrauen zu schaffen und ihnen zu zeigen: Andere sind ebenfalls betroffen.
Über Geld sprechen
Für Widmer beginnt Prävention schon früh. Kinder sollten lernen, mit Sackgeld umzugehen und zu erleben, dass nicht jeder Wunsch sofort erfüllt werden kann. Entscheidend sei vor allem: «Finanzen dürfen kein Tabu sein.» Auch der neue Kaminski-Kids-Krimi soll dazu beitragen, indem er sie in eine andere Lebenswelt mitnimmt.
«Das gibt es doch gar nicht»