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Alterspsychologie

Bettina Ugolini: Allein ist nicht gleich einsam

von Carole Bolliger
min
19.08.2026
Wer allein lebt, ist nicht automatisch einsam. Für Bettina Ugolini, Alterspsychologin an der Universität Zürich, beginnt Einsamkeit dort, wo Menschen sich nicht mehr gesehen fühlen. Am Tag der älteren Generation in Zug spricht sie darüber, was dagegen hilft.

«Ich bin einsam»: Diesen Satz sagen nur wenige Menschen laut. «Einsamkeit ist mit viel Scham verbunden», erklärt Bettina Ugolini. Wer zugibt, einsam zu sein, habe oft das Gefühl, gleichzeitig eingestehen zu müssen, keine tragfähigen Beziehungen zu haben. Schnell stünden Fragen im Raum wie: Warum ist das so? Habe ich etwas falsch gemacht? Gerade deshalb sprechen nur wenige über Einsamkeit.

Dabei verwechseln viele Einsamkeit häufig mit Alleinsein. Für Ugolini ist der Unterschied entscheidend. «Ich bin selbst gerne zwischendurch allein», sagt sie. Entscheidend sei, ob dieses Alleinsein auf einem tragfähigen sozialen Netz basiere. Wer weiss, dass andere im Notfall da sind, kann das Alleinsein durchaus geniessen. Einsamkeit hingegen bedeute, sich nicht gesehen, nicht verstanden und nicht aufgehoben zu fühlen. Dieses Gefühl könne sogar mitten unter anderen Menschen entstehen.

Kein Problem des Alters

Deshalb warnt die Alterspsychologin davor, vorschnell Schlüsse zu ziehen. Nur weil jemand viel Zeit allein verbringe, bedeute das noch lange nicht, dass er einsam sei. «Ob sich jemand einsam fühlt, kann letztlich nur die betroffene Person selbst sagen.» Der wichtigste Schritt sei deshalb, nachzufragen – ehrlich und ohne Vorurteile.

Dass Einsamkeit vor allem ältere Menschen betrifft, hält Ugolini für einen weit verbreiteten Irrtum. «Einsamkeit ist kein Phänomen des Alters allein», betont sie. Zwar nähmen mit den Jahren Risikofaktoren wie Verwitwung, gesundheitliche Einschränkungen oder der Verlust von Freunden zu. Gleichzeitig zeigten Studien aber, dass auch Jugendliche besonders gefährdet seien, sich einsam zu fühlen.

Nicht die Anzahl der Kontakte sei entscheidend, sondern deren Qualität. «Es braucht keine hundert Freunde», sagt Ugolini. Drei bis fünf verlässliche Beziehungen, in denen Menschen füreinander da seien, könnten bereits ein tragendes Netz bilden.

Gute Fragen statt gute Ratschläge

Doch woran erkennt man, dass jemand einsam ist? Eine einfache Antwort gebe es nicht. Oft seien es kleine Veränderungen: Jemand zieht sich zurück, wirkt traurig oder nimmt weniger am gesellschaftlichen Leben teil. Umso wichtiger sei es, aufmerksam zu sein und das Gespräch zu suchen.

Dabei rät Ugolini davon ab, vorschnell Lösungen anzubieten. Sätze wie «Geh doch einfach unter Leute» seien wenig hilfreich. Viel wichtiger sei es, gute Fragen zu stellen: Wie geht es dir? Was fehlt dir? Was würde dir im Moment helfen? Wer nachfrage, müsse auch aushalten können, dass der andere vielleicht traurig werde oder nicht sofort über seine Gefühle sprechen wolle. «Manchmal genügt es schon, verlässlich da zu sein und immer wieder nachzufragen.»

Kirche kann Heimat sein

Gerade hier sieht Ugolini auch die Kirchen in einer besonderen Verantwortung. Sie wünscht sich Kirchgemeinden, die nicht nur Angebote organisieren, sondern aufmerksam wahr­neh­men, wenn langjährige Besucherinnen und Besucher plötzlich fehlen. Sie erzählt von ihren Eltern, die über Jahre regelmässig ein Seniorenfrühstück ihrer Kirchgemeinde besuchten. Als sie altersbedingt nicht mehr kommen konnten, fragte niemand nach. «Dabei hätte vielleicht schon ein Anruf oder ein Fahrdienst gereicht», sagt Ugolini. Kirche könne weit mehr sein als ein Veranstaltungsort – nämlich ein Ort, an dem Menschen Zugehörigkeit und Verlässlichkeit erleben.

Der erste Schritt zählt

Wie viel eine kleine Geste bewirken kann, hat Ugolini selbst erlebt. Nach einer zufälligen Begegnung mit einer älteren Frau in der Migros sagte sie im Scherz: «Beim nächsten Mal trinken wir einen Kaffee.» Die Frau nahm sie beim Wort, suchte ihre Kontaktdaten heraus und schrieb ihr. Ugolini besuchte sie tatsächlich. Für sie zeigt dieses Erlebnis, wie wenig es braucht, damit aus einem flüchtigen Kontakt eine echte Begegnung wird.

Deshalb richtet sie zum Schluss einen einfachen Wunsch an alle Besucher des Anlasses: «Sprechen Sie nach dem Vortrag einen Menschen an, den Sie noch nicht kennen.» Denn vielleicht beginne für jemanden genau so der erste Schritt aus der Einsamkeit.

 

Tag der älteren Generation

Bettina Ugolini ist Gastreferentin am Tag der älteren Generation in Zug, organisiert von der Reformierten Kirche in Zusammenarbeit mit der Katholischen Kirche und Pro Senectute. In ihrem Vortrag zeigt sie auf, weshalb Einsamkeit kein Problem des Alters allein ist, wie tragfähige Beziehungen entstehen und welche Rolle Nachbarschaft, Kirche und Gesellschaft dabei spielen.

Donnerstag, 1. Oktober, 14 Uhr, Burgbachsaal in Zug. Teilnahme kostenlos, Anmeldung erforderlich bis Freitag, 11. September, an info@ref-zug.ch oder telefonisch: 041 726 47 47.

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