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Tischlein deck dich

Wenn der Wocheneinkauf in der Kirche stattfindet

von Noemi Harnickell
min
27.08.2026
Die Tischlein-deck-dich-Abgabestelle in der Basler Matthäuskirche engagiert sich seit 20 Jahren gegen Foodwaste und Armut. Möglich machen dies die Freiwilligen.

Existenziell  Kisten voller Kartoffeln, Kartons mit Zweifel-Chips, Harassen voller Zucchini. Kokosnussmilch, Gewürzmischungen, Toblerone, Nespressokapseln. Jeden Freitagmorgen verwandelt sich das Innere der Basler Matthäuskirche in einen kleinen Supermarkt, in dem armuts­betroffene Menschen für einen symbo­lischen Franken «einkaufen» dürfen. Dahinter steht der Verein Tischlein deck dich. Die Abgabestelle Matthäuskirche in Basel wurde 2006 gegründet und feiert dieses Jahr ihr 20‑jähriges Bestehen. Möglich ist das Jubiläum nur dank einer kleinen Gruppe Freiwilliger.

Ein faires System für alle

Kurz vor zehn Uhr warten im Vorraum der Matthäuskirche bereits fast hundert Menschen darauf, Lebensmittel zu beziehen. Ein Lossystem entscheidet, wer zuerst an die Reihe kommt. Eine Frau mit Einkaufswagen drängt sich vor. Ihr Mann sei krank, sie habe so wenig Zeit. Ein Mitarbeiter nickt. Sie darf vor. Eine Ausnahme. Standortleiterin Monika Gerber begleitet sie persönlich durch die Waren und legt ihr in den Korb, was sie braucht. «Sie haben Glück», sagt Gerber. «Schon das dritte Mal, dass Sie als Erste drankommen. Nächste Woche müssen Sie wieder anstehen wie alle anderen.» Die Frau nickt und greift nach einem Brot, aber Gerber schnalzt streng mit der Zunge. Die Bezügerinnen und Bezüger dürfen die Waren nicht selbst einpacken. Alles ist genau abgezählt und wird je nach Grösse des Haushalts verteilt. Diese ist auf einem Ausweis vermerkt, den alle vorzeigen müssen. «Unser Anspruch ist, dass auch die letzte Person noch etwas bekommt», erklärt Gerber.

Eine Mutter mit Kind verschwindet aus dem Hintereingang der Kirche und versucht, sich ein zweites Mal anzustellen – doch ein Helfer erwischt sie. Wütend ist Gerber deswegen nicht. «Jeder Mensch hier hat eine Geschichte und die ist nicht lustig», sagt sie. «Wäre ich in derselben Situation, wäre ich ebenso ein Schlitzohr!»

Von der Führungspositionzur Essenstafel

Monika Gerber leitet die Abgabestelle Matthäuskirche seit acht Jahren, gemeinsam mit Co-Leiter Urs Walther. Beide waren gerade frisch in den Ruhestand getreten und bewarben sich auf ein Inserat von Benevol. «Ich hatte als Kind immer schon den Traum, einen Tante-Emma-Laden zu führen», sagt Gerber lachend. Heute besteht ihr Team aus 15 Pensionärinnen und Pensionären, von denen 13 seit acht Jahren dabei sind, genau wie sie selbst. Gerber und Walther arbeiteten vor ihrer Pensionierung beide in Führungspositionen. «Das spielt doch keine Rolle», sagt Walther, darauf angesprochen. Gerber widerspricht: «Doch, tut es!» Man müsse Menschen managen können, um einen solchen Standort zu führen.

 

Ohne sie geht gar nichts: Das Team von Tischlein deck dich vor der Basler Matthäuskirche. | Foto: Katja Schmidlin

Ohne sie geht gar nichts: Das Team von Tischlein deck dich vor der Basler Matthäuskirche. | Foto: Katja Schmidlin

 

«Der Freitagmorgen ist ein Highlight für mich», sagt ein Helfer, während er eine leere Kiste zusammenfaltet. «Ich mache hier etwas Sinnvolles und erlebe einen wunderbaren sozialen Austausch!» Monika Gerber betont, es gehe dem Team nicht um Gutmenschentum. «Die Arbeit ist sinnstiftend», sagt sie, «aber sie ist es vor allem auch für uns. Wir müssen der Gesellschaft nichts zurückgeben. Wir machen es, weil wir Freude daran haben. Ausser Markus!» Sie grinst einen Helfer an, der gerade an ihr vorbeigeht. «Der hofft immer noch, dass er in den Himmel kommt!» Markus lacht gutmütig und ahmt kleine Engelflügel nach, ehe er die nächste Person in der Schlange abholt.

Eine beachtliche Bilanz

Was Freiwillige wie Beat und Monika Gerber jeden Freitag leisten, zeigt sich auch in Zahlen. Allein diese Abgabestelle rettete 2025 rund 963'000 Kilo Lebensmittel im Wert von über 5,7 Millionen Franken und verteilte sie an 14'900 bedürftige Personen. In der ganzen Schweiz ist Tischlein deck dich derzeit an 172 Standorten vertreten. Das Matthäusquartier im Kleinbasel hat laut einem Bericht der BZ von 2020 mit einer Sozialhilfequote von rund elf Prozent eine der höchsten der Stadt. Mehr als die Hälfte der Bewohnerinnen und Bewohner hat keinen Schweizer Pass.

«Dass sich eine Abgabestelle seit 20 Jahren unermüdlich gegen Foodwaste und Armut einsetzt, ist beeindruckend», sagt Dina Hungerbühler, Kommunikations­verantwortliche bei Tischlein deck dich. «Was wir in der Matthäuskirche sehen, zeigt, was man mit freiwilligem Engagement erreichen kann.»

Lebensmittel retten, statt sich zu schämen

Auch Daniel und Manuela (Namen geändert) kommen seit einem Jahr regelmässig zur Abgabestelle von Tischlein deck dich. Aus gesundheitlichen Gründen kann das Basler Paar keine Arbeit finden. «Es heisst, wir lebten am Existenzminimum», sagt Daniel. «Aber eigentlich sind wir drunter.» Alles werde teurer. Gerade sei der Butterpreis um 50 Rappen angestiegen. Mitte Monat hat er noch 1 Franken 25 Rappen auf dem Konto. Die Lebensmittel, die sie hier bekommen, reichem dem dreiköpfigen Haushalt für drei Tage. «Es erleichtert den Wocheneinkauf sehr!», sagt Manuela. «Am Anfang war es uns peinlich, hierher zu kommen», gibt sie zu. «Aber inzwischen sehen wir es so: Wir retten Lebensmittel und tun damit etwas Gutes!»

 

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