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Letzte-Hilfe-Kurs

Über das Sterben sprechen lernen

von Carole Bolliger
min
27.08.2026
Wie begleitet man einen Menschen am Lebensende? Was hilft und was nicht? Fragen wie diese stehen im Zentrum des Kurses «Letzte Hilfe». Ein Tag in Emmen zeigt: Das Bedürfnis, über das Sterben zu sprechen, ist gross.

Zwanzig Menschen haben sich an diesem Samstag eingefunden, darunter mehrere Pflegefachpersonen. Vier Männer sind dabei. Geleitet wird der Kurs von Conny Zurfluh, Pflegefachperson, und Fred Palm, Seelsorger der Reformierten Kirche Kanton Luzern. Die Atmosphäre ist offen, konzentriert, locker und persönlich.

Viele Teilnehmende bringen eigene Erfahrungen mit. Sandra etwa erzählt gleich zu Beginn, dass sie vor wenigen Monaten ihre Schwiegermutter beim Sterben begleitet hat. Nun ist ihre Tochter schwer krank. «Ich frage mich manchmal, ob ich damals alles richtig gemacht habe», sagt sie. Der Kurs helfe ihr, vieles besser zu verstehen – auch medizinische Abläufe im natürlichen Sterbeprozess. «Ich wünschte, ich hätte das schon früher gewusst.»

Diese Frage beschäftigt viele im Raum. Auch Peter hat einen Freund mit Krebs bis zuletzt begleitet. «Wenn man den Tod plötzlich so nah erlebt, bekommt man einen ganz anderen Blick darauf», sagt er. Besonders eindrücklich sei für ihn gewesen, wie wichtig es vielen Menschen ist, nicht allein zu sterben. «Manchmal fühlt man sich hilflos. Der Kurs hat mir gezeigt: Es gibt kein Richtig und kein Falsch.»

Der Kurs greift genau solche Un­sicherheiten auf. Fred Palm formuliert einen Satz, der im Raum hängen bleibt: «Menschen sterben nicht, weil sie nicht mehr essen. Sie essen nicht mehr, weil sie sterben.» Für viele Angehörige sei gerade diese Phase schwer zu verstehen. «Hier ist die Aufklärungsarbeit der Pflegefachpersonen den Angehörigen gegenüber sehr essenziell», weiss Conny Zurfluh.

Sterben ist Teil des Lebens

Die Kursleitenden vermitteln Grundlagen über den Sterbeprozess: Was im Körper geschieht, welche Veränderungen auftreten, warum Hände und Füsse kalt werden oder der Appetit verschwindet. Ein Film zeigt anschaulich, wie sich der Körper auf das Sterben vorbereitet.

Madeleine hat vor zwei Jahren ihre Mutter begleitet. Vieles habe sie damals nicht einordnen können. «Ich habe mich einfach hingegeben, aber nicht verstanden, was da passiert», sagt sie. Der Film im Kurs habe ihr gezeigt: «Genau so habe ich es erlebt.» Das gebe ihr Vertrauen in den natürlichen Prozess des Sterbens – und Mut, sich dem Thema zu stellen.

Auch für Fachpersonen ist der Austausch wertvoll. Berit, die lange in der Spitex gearbeitet hat, erlebt täglich, wie unterschiedlich Menschen sterben. «Jeder Mensch ist ein Individuum», sagt sie. «Man kann nicht nach Schema handeln.» Wichtig sei, genau hinzuhören, was jemand am Lebensende brauche. «Wir sind Begleiter auf diesem letzten Weg.» Der Kurs bestätigt diese Haltung. Es gebe kein allgemein gültiges Rezept – entscheidend sei die Aufmerksamkeit für den einzelnen Menschen. Conny Zurfluh ergänzt, dass der Austausch unter Pflegefachpersonen und den anderen Kursteilnehmenden ausserordentlich geschätzt werde.

Mut zum Gespräch

Ein zentrales Thema des Kurses ist das Gespräch über Wünsche am Lebensende. Fred Palm ermutigt die Teilnehmenden, solche Fragen frühzeitig anzusprechen, nicht erst, wenn ein Mensch bereits im Sterben liegt. «Manchmal braucht es mehrere Anläufe», sagt er. «Aber es ist wichtig, da­rüber zu reden.» Viele Angehörige hätten das Gefühl, sie könnten in den letzten Tagen oder Stunden einer sterbenden Person nichts tun. Dabei sei ihre Anwesenheit oft das Wichtigste. «Da sein, die Hand halten, sprechen, summen oder singen – das kann sehr viel bedeuten.» Auch kleine Rituale können wichtig sein. Peter erzählt, wie er seinen Vater im Altersheim in den letzten Tagen regelmässig besucht hat. «Wir haben immer zusammen einen Schnaps getrunken», sagt er und lächelt. «Das haben wir bis fast zuletzt gemacht.»

Ein Thema, das uns alle betrifft

Der Kurs will nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch ein Tabu aufbrechen. «Der Tod ist oft wie eine graue Wolke, die nicht richtig ins Leben gehört», sagt Bernadette, Pflegefachfrau und Ausbildungsverantwortliche. Dabei könne ein offener Umgang auch Leichtigkeit bringen. Auch Kursleiterin Conny Zurfluh betont, wie wichtig es sei, das Thema wieder stärker ins Leben zu holen. Früher sei das Sterben selbstverständlicher Teil des Alltags gewesen. «Heute haben wir das ein Stück weit verlernt», sagt sie. Umso wichtiger sei es, wieder darüber zu sprechen – in Familien, im Freundeskreis, in der Öffentlichkeit.

Der Kurs endet mit einem einfachen Appell: Mut haben, über das Sterben zu sprechen. Denn so schwer das Thema ist – es gehört zum Leben. Und manchmal, sagen die Kursleitenden zum Schluss, gebe es selbst im Sterben noch schöne oder sogar humorvolle Momente.

Der nächste «Letzte Hilfe»-Kurs findet am 26. September in Kriens statt. Infos/Anmeldung: www.reflu.ch

 

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