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Andrea Spingler

«Der Tod hat schon lange keinen Platz mehr in unserem Alltag»

von Matthias Zehnder
min
27.08.2026
Alle Welt schwärmt von Longevity und will das Leben bei maximaler Gesundheit verlängern. Aber was passiert mit Menschen, denen die Medizin nicht mehr helfen kann? Die Seelsorge spielt bei dieser Begleitung am Lebensende eine Schlüsselrolle. Ein Gespräch mit der Spitalseelsorgerin Andrea Spingler.

Longevity ist im Trend: Die Gesellschaft will den Alterungsprozess immer mehr aufhalten und das Leben maximal verlängern. Wie erleben Sie vor diesem Hintergrund Menschen, die mit dem Sterben konfrontiert werden?

Die Longevity-Bemühungen möchten das Sterben zeitlich hinausschieben. Sie sind damit Teil des Trends zur Selbstoptimierung, der die Zerbrechlichkeit des menschlichen Lebens ganz grundlegend aus dem Bewusstsein drängt. Sterbende Menschen sind, wie wir alle, davon umgeben und geprägt. Wer lange krank ist, muss häufig seine letzten Kräfte mobilisieren, um beschwerliche Therapien durchzustehen und Hoffnung auf Heilung aufrecht zu erhalten. Wenn dann Therapien abgebrochen werden und damit die Hoffnung mit einem Mal in sich zusammenfällt, ist das oft ein grosser Schock. Fürs Nachdenken übers Sterben war davor schlicht kein Platz. Das liegt aber nicht nur an Longevity-Bestrebungen, sondern insgesamt an den weitreichenden Möglichkeiten einer hoch-spezialisierten modernen Medizin.

Das heisst: Die Gesellschaft sieht im Tod eine Art «Systemfehler» und nicht einen Teil des Lebens?

Ja, das würde ich durchaus so sehen. Der Tod hat schon lange keinen selbstverständlichen Platz mehr in unserem Alltag. Viele von uns waren bis weit ins Erwachsenenalter nie dabei, als jemand gestorben ist. Wenn auch im hohen Alter und bei fortgeschrittener Krankheit alles medizinisch Mögliche gemacht wird, stirbt jemand zuletzt wohl auf der Intensivstation, umgeben von Schläuchen und Maschinen. Ein ruhiges Sterben zuhause, in einem Hospiz oder Pflegeheim, bei dem Grosskinder, Nachbarn und Freundinnen dabei sind, wird seltener. Wir nehmen uns selber damit die Möglichkeit, uns während des Lebens dem Sterben anzunähern.

Machen die moderne Medizin und die Longevity-Bestrebungen das Sterben schwerer?

Longevity ist das Bemühen einer privilegierten Elite in reichen Ländern. Das gesunde, selbstbestimmte Leben gilt ihr als machbar. Da liegt es nahe, dass «selber schuld» ist, wer nicht alt wird und gesund bleibt. Das Sterben wird deshalb zur maximalen Zumutung. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit und Begrenztheit wird entsprechend schwer, wenn nicht eigentlich unmöglich. Dabei wäre sie ja schon viel, viel früher hilfreich und notwendig, weil sie eine Grundvoraussetzung des Menschseins ernst nimmt.

Ziel der Longevity-Bewegung ist eine Verlängerung des gesunden Lebens. Was ist Ihr Ziel?

Für mich persönlich: Ein erfülltes, dankbares Leben. Und ein getrostes, hoffnungsvolles Sterben. Aber Ziel ist falsch. Weil ich weiss, dass das nicht in meiner Hand liegt. Deshalb eher: Ein Wunsch, eine Hoffnung.

Für die Menschen, die ich im Spital begleiten darf, ist meine Hoffnung, dass sie zu einem gnädigen Blick auf das eigene Leben finden, weil ich darauf vertraue, dass sie von Gott so Angesehene sind. Ein gnädiger Blick aufs eigene Leben kann Gelungenes und unfertig Gebliebenes gleichermassen wahrnehmen – vielleicht sogar mit einem humorvollen Schmunzeln. Wer sein Leben so sieht, der muss nichts mehr erkämpfen, wird aber durchaus sorgsam umgehen mit sich selber.

Longevity hat mit Selbstoptimierung zu tun. Gegen Lebensende kämpfen viele Menschen aber vor allem mit dem Verlust der Kontrolle. Wie reagieren Sie?

Ich bin überzeugt, dass unser Wert nicht in unserer Leistung begründet ist, sondern in Gott. Das ist eine Zumutung für uns moderne Macherinnen. Es ist deshalb eine lebenslange Aufgabe, sich das sagen zu lassen und es zu verinnerlichen. Man kann es nicht erst dann lernen, wenn man eben nichts mehr zu leisten hat.

Cicely Saunders, die Begründerin der modernen Hospiz-Bewegung, hat den Satz geprägt: «Wenn nichts mehr zu machen ist, gibt’s noch viel zu tun». Das ist die Aufgabe der Palliativ-Teams. Menschen bei denen «nichts mehr zu machen ist», so sorgfältig und so würdevoll zu unterstützen, dass sie mit dem Kontrollverlust noch möglichst gut leben können.

Die Longevity-Bewegung hofft stark auf die Zukunft und eine immer bessere Medizin. Worauf hoffen Menschen auf der Palliativstation, wenn es keine medizinische Aussicht auf Heilung oder Lebensverlängerung mehr gibt?

Die eben erwähnte Cicely Saunders sagte: «Es geht nicht darum, dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr Leben.» Es gibt viele kitschige Postkarten mit diesem Satz. Aber auf der Palliativstation ist das nicht kitschig, sondern existenziell. Ich habe grösste Hochachtung vor den Palliativ-Ärztinnen und -Pflegenden, die ihre Patienten feinfühlig und hellhörig wahrnehmen, sich viel Zeit nehmen für Gespräche mit ihnen und ihren Angehörigen, um eben möglichst genau herauszufinden, was «mehr Leben» für gerade diesen Menschen bedeutet, und um das zu ermöglichen. Noch kraftvoller als alle diese erfüllten Momente ist es sicher, wenn ein Mensch auch über sein Lebensende hinaus hoffen kann.

Die Medizin will den Tod besiegen. Verdrängen wir dadurch das Sterben noch mehr?

Natürlich will die Medizin den Tod zurückdrängen. Wäre das nicht so, dann stünden uns heute Therapien und Medikamente, die wir so selbstverständlich in Anspruch nehmen, nicht zur Verfügung.

Problematisch wird es dann, wenn die Behandlung zum Automatismus wird: Dann setzt, sobald eine Diagnose gestellt ist, die Maschinerie ein. Aber wissen wir, ob die Patientin das wirklich will? Hat sie überhaupt Angst vor dieser Krankheit und vor dem Sterben? Oder hat sie vielleicht gar grössere Angst vor dem Leben? Hat sie ein Umfeld, das sie begleitet, wenn es ihr während den Therapien schlecht geht? Oder sind ihre Angehörigen überfordert und brauchen selber Unterstützung?

Hat sich die Art und Weise, wie Menschen am Lebensende nach Gott oder Sinn suchen, durch die moderne Medizin und den Wunsch nach Immer-Weiter-Leben verändert?

Ich glaube, es ist eher umgekehrt: Erst weil der Glaube an Gott und die Hoffnung auf die Ewigkeit nicht mehr selbstverständlich sind, entsteht der Wunsch nach dem «ewigen irdischen Leben». Aber ich möchte dafür nicht die moderne Medizin verantwortlich machen. Das ist eine komplexere und vielschichtigere Entwicklung. Und abgesehen davon ja auch durchaus wertvoll: Dass nicht jede Krankheit oder jeder Schicksalsschlag einfach als «Gottes Wille» hingenommen werden muss, oder dass ein Kind, das mit einer orthopädischen Fehlstellung zur Welt kommt, nicht als «von Gott bestraft» aus der Familie ausgeschlossen wird, sondern relativ einfach operiert werden und dann ein aktives Leben führen kann – hinter diese Selbstverständlichkeiten wollen wir gewiss nicht zurück.

Hat die Endlichkeit des Lebens aus christlicher Sicht einen Sinn?

Die Endlichkeit an sich hat aus christlicher Sicht keinen «Sinn». Der Sinn liegt gerade in der Ewigkeit, in Gott. Aber die Endlichkeit ist quasi die Rahmenbedingung des Menschseins, die wir zu akzeptieren haben. Wer nicht mit der grundlegenden Begrenztheit des Menschen rechnet, der verkennt seine Natur. Wir sehen in der Welt überdeutlich, wo es hinführt, wenn Menschen sich und ihre Bedeutung als grenzenlos einschätzen.

Und wie gehen Sie persönlich damit um?

Auch ich bin Kind meiner Zeit… Das Denken in Machbarkeiten, die Selbstbestimmung und dass ich mich über meine Leistungen definiere – das sitzt auch bei mir tief. Ich empfinde es deshalb als grosses Privileg, jetzt im Spital immer wieder mit Sterbenden im Gespräch und mit dem Tod konfrontiert zu sein. Ich lerne dabei so viel über das Leben! Ich möchte es weiter einüben, mit meiner Endlichkeit zu leben und mit meinen Begrenztheiten gnädig umzugehen. Im Vertrauen darauf, dass Gott gnädig damit umgeht. Das kann ich dann, wenn ich nicht nur mit Selbstoptimierung beschäftigt bin, sondern mitten im Leben auch mit dem Tod.

 

Pfarrerin Andrea Spingler (1979) ist Spitalseelsorgerin am Claraspital. Sie hat in Basel und Tübingen Theologie studiert und hat danach 13 Jahre als Gemeindepfarrerin in Basel gearbeitet.

 

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