Gesprächsabend: «Wenn Worte fehlen»
Die Hand liegt schon auf dem Telefon, doch die Worte wollen nicht kommen. Was sagt man jemandem, dessen Mutter gerade gestorben ist? Nach einem Todesfall, einer schweren Diagnose oder einem anderen einschneidenden Ereignis fühlen sich viele Menschen hilflos. Sie möchten trösten, wissen aber nicht, wie. «Wir möchten das Leid des anderen wegnehmen, lösen oder erklären», sagt Pfarrerin Barbara Baumann. «Und wir merken, dass wir dazu nicht in der Lage sind. Diese Ohnmacht auszuhalten, ist schwierig.»
Aus Begegnungen mit Menschen, die nach einem tragischen Ereignis ratlos waren, entstand der Gesprächsabend «Wenn Worte fehlen». Gleichzeitig hörte Baumann immer wieder von Leidtragenden, wie verletzend gut gemeinte Bemerkungen sein können. Gemeinsam mit ihren Berufskolleginnen Jrene Bianchi und Rahel Nilson sowie Hubertus Kuhns entwickelte sie deshalb einen Anlass, der Mut machen und Orientierung geben möchte. Dabei gehe es ausdrücklich nicht um Patentrezepte. «Jeder Mensch trauert anders, jede Krise ist anders», sagt Baumann. Viel wichtiger sei eine Haltung der Aufmerksamkeit und des Mitgefühls.
Viele Menschen hätten Angst, etwas Falsches zu sagen. Deshalb meldeten sie sich lieber gar nicht. Barbara Baumann sieht das anders. «Ein ehrliches ‹Ich weiss gar nicht, was ich sagen soll› ist oft viel wertvoller als gar nichts.» Entscheidend sei nicht, die perfekten Worte zu finden. Entscheidend sei, dass sich ein Mensch in seiner Not nicht allein gelassen fühle.
Manchmal brauche es überhaupt keine Worte. Ein gemeinsames Schweigen könne ebenso tröstlich sein wie ein Gespräch. «Ein stilles Dasein, eine Hand auf der Schulter oder gemeinsames Weinen sagen manchmal mehr als viele Worte.» Menschen erinnerten sich später oft nicht mehr daran, was gesagt wurde. «Aber sie erinnern sich sehr genau daran, wer geblieben ist und die Schwere mit ihnen ausgehalten hat.»
Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht
Gerade in schwierigen Situationen würden häufig Sätze fallen, die Trost spenden sollen – aber das Gegenteil bewirken. «Das wird schon wieder», «Die Zeit heilt alle Wunden» oder «Es hatte bestimmt einen Sinn» könnten verletzend sein. Wer leidet, brauche zunächst keine Erklärungen, sondern Verständnis. Diese Erfahrung kennt Barbara Baumann auch aus ihrem eigenen Leben. Als ihr Partner an multipler Sklerose erkrankte, erhielt sie viele gut gemeinte Ratschläge. «Alles war freundlich gemeint, aber vieles war nicht hilfreich.» Auch Floskeln wie «Das Leben geht weiter» oder «Wir haben alle unsere Last zu tragen» seien für Betroffene oft schwer auszuhalten.
Besonders wichtig sei es, den Kontakt auch nach den ersten Wochen zu halten. «Dann beginnt für viele die schwierigste Zeit», sagt Baumann. Unmittelbar nach einem Schicksalsschlag nähmen viele Anteil, später kehre für das Umfeld oft der Alltag ein. Für die Betroffenen sei der Verlust oder die Krankheit jedoch weiterhin präsent. Gerade dann könne ein Anruf, eine Einladung zum Spaziergang oder die einfache Frage «Wie geht es dir heute?» viel bewirken. Oft seien es kleine Gesten der Verlässlichkeit, die Menschen durch schwere Zeiten tragen.
Auch die Kirche könne dabei eine wichtige Rolle spielen. Sie müsse nicht auf jede Frage eine Antwort haben. «Sie kann ein Ort sein, an dem Schmerz Platz haben darf.» Rituale, Gebete, Musik oder eine offene Kirche könnten Halt geben, wenn einem selbst die Worte fehlten. Ihre Botschaft an die Teilnehmenden des Gesprächsabends fasst Barbara Baumann in einem Satz zusammen: «Warten Sie nicht, bis Ihnen die perfekten Worte eingefallen sind. Melden Sie sich. Seien Sie da.» Denn das Leid eines Menschen lasse sich zwar nicht wegnehmen – «aber niemand sollte es allein tragen müssen».
Gesprächsabend «Wenn Worte fehlen», Mittwoch, 30. September, 19.30 Uhr, in der reformierten Kirche Cham. Der Abend ist offen für alle – mit oder ohne kirchlichen Hintergrund. Die Teilnahme ist kostenlos.
Gesprächsabend: «Wenn Worte fehlen»